Im Museum erleben Kinder Vergänglichkeit

20. August 2013, 17:27
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Im Vorarlberg Museum macht Archäologie richtig Spaß - "Römer oder so" ist eine bunte Mehrgenerationen-Ausstellung über das Leben und Sterben in Brigantium

Grimmige Burschen stehen im Eingangsbereich zur Archäologieausstellung. Ein römischer Legionär, ein Gallier, ein Kelte, ein Germane. Sie entsprechen ganz dem Bild, das Geschichte- und Lateinlehrer über Generationen gezeichnet haben. Im Römersaal des neuen Museums am Bregenzer Kornmarkt ist aber Schluss mit Stereotypen und Klischees.

Die Ausstellungsmacherinnen Lisa Noggler-Gürtler und Gabriele Rath versuchen das Leben der Römer anschaulich zu machen, ohne alte Schablonen zu bedienen. Sie mögen es bunt und ein bisschen despektierlich. Orange und lila sind die dominanten Farben, durchs gläserne Gräberfeld von Brigantium führen zwei freche Comicfiguren: Claudia Grabowski und Julia Schichtle. Sie erklären den kleinen Besucherinnen und Besuchern die Detektivarbeit der Archäologinnen und Archäologen, denken laut nach und ermuntern die Kinder, zu hinterfragen.

Basis der Ausstellung ist das Gräberfeld von Brigantium. Über 1.200 Gräber aus dem römischen Bregenz (20 bis 450 nach Christus) wurden in den letzten 150 Jahren gefunden. Grabarchitektur, Bestattungsrituale und Grabbeigaben zeigen nun Vermutungen über das Leben dieser Menschen. Man geht über das Gräberfeld, blickt durch Glas in Grabstätten, wo sich "aus Gründen der Pietät" keine echten Menschenknochen befinden, wie Lisa Noggler-Gürtler betont. Projektionen und Wandzeichnungen vertiefen die Information.

Gedankenblasen für Spekulationen

Warum haben die Gräber Giebeldächer wie Häuser? Man habe die Toten geehrt, sie sollten es schön haben wie im Leben. Vor allem aber: Sie sollten ja nicht aus dem Totenreich zurückkommen. Interpretationen dieser Art sind in Blasen an den Wänden zu lesen. Weil niemand so genau wisse, welche Bedeutung Bestattungsrituale wirklich hatten, was aus dem Wandel von der Körper- zur Brandbestattung resultierte, was Einfluss aus dem fernen Rom oder Tradition früherer Ethnien war, deshalb greife man zum Mittel der Gedankenblase, sagt Kuratorin Noggler-Gürtel. "Dort kann man unsere Spekulationen nachlesen."

Die Ausstellung ist als großes, übersichtliches Feld konzipiert. Hier kann sich auch ein Kleinkind bewegen, ohne verloren zu gehen. Kinder dürfen angreifen, spielen, haben Erwachsenen gegenüber den Vorteil, beim Durchkriechen manches Exponat von unten zu sehen. Die Texte sind für Kinder ab zehn Jahren gedacht, an den Hörstationen bekommen jüngere Kinder Geschichten von der Autorin Petra Nachbaur und der Schauspielern Brigitte Walk erzählt. Da erfahrt man etwa Lustiges über das Leben des Pediculus humanus capitis, der Kopflaus, aber auch Nachdenkliches über die Bedeutung eines Bergkristalls in einem Kindergrab.

Wie Pommes und Ketchup

"Römer und Sandalen, das ist wie Pommes Frites und Ketchup" tönt es aus dem Kopfhörer. Die Römersandale ist auch eines der schönsten Beispiele dafür, wie Kindern Vergänglichkeit verdeutlicht wird. Gezeigt wird der Zustand des Leders bei der Bestattung, drei Jahre später und bei der Ausgrabung. Noggler-Gürtler über das Konzept der Mehrgenerationenausstellung: "Wir haben überlegt, was machen Eltern, Großeltern, die mit Kindern verschiedener Altersgruppen kommen. Wir wollten nicht, dass Kinder irgendwo geparkt werden. Wir haben die Ausstellung so konzipiert, dass man sie miteinander erleben kann."

Da wird weder verniedlicht noch werden Fragen ausgeklammert. "Wir bleiben sehr nah an der Wissenschaft", sagt die Kuratorin. "Römer oder so" soll zum Nachdenken animieren. Worüber soll man nachdenken? Lisa Noggler-Gürtler: "Dass wir Bilder im Kopf haben, die sehr, sehr hartnäckig sind, aber einfach nicht stimmen. Da muss man genauer hinschauen, damit sich die Bilder auflösen." (Jutta Berger, derStandard.at, 20.8.2013)

Ausstellung "Römer oder so"

Museum Vorarlberg
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Donnerstag 10 bis 21 Uhr
Montag geschlossen

Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre haben freien Eintritt, jeden ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt auch für Erwachsene frei.

Link

Vorarlberg Museum

  • Die Comicfiguren Claudia Grabowski und Julia Schichtle. Still aus einer Animation in der Ausstellung.
    foto: xkopp

    Die Comicfiguren Claudia Grabowski und Julia Schichtle. Still aus einer Animation in der Ausstellung.

  • Funde aus dem Gräberfeld von Brigantium.
    foto: harald lerps

    Funde aus dem Gräberfeld von Brigantium.

  • Ein Blick in die Ausstellungsräume.
    foto: harald lerps, 2013

    Ein Blick in die Ausstellungsräume.

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