Griechenland und die Ölmilliarden

  • Das ist ein Stückchen Südküste von Kreta. Nur wenige Kilometer davor befinden sich gewaltige Erdgasvorkommen.
    foto: derstandard.at

    Das ist ein Stückchen Südküste von Kreta. Nur wenige Kilometer davor befinden sich gewaltige Erdgasvorkommen.

  • Studie von Alain Bruneton, Elias Konofagos, Anthony E. Foscolos: Cretan Gas Fields – A new perspective for Greece's hydrocarbon resources

    Download

Vor der Südküste Kretas sollen sich enorme Öl- und Gasfelder befinden, die das Schuldenproblem lösen könnten

Die finanzielle und soziale Situation Griechenlands wird immer prekärer: Wie das Europäische Statistikamt Eurostat kürzlich mitteilte, hat der Schuldenstand des Landes bereits 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Im Jahr zuvor betrug er noch 136 Prozent - ein Fehlbetrag von 307 Milliarden Euro.

Die Arbeitslosenquote lag Ende 2012 bei 27 Prozent, bei jungen Menschen unter 24 Jahren stieg sie bis heute auf dramatische 62 Prozent. Und die Aussichten sind düster. 110 Milliarden Euro schoss die Troika dem gebeutelten Land bereits im Jahr 2010 zu, 2012 wurde neben weiteren 130 Milliarden Euro an Hilfsgeldern ein Schuldenschnitt von Privatgläubigern in Höhe von 107 Milliarden durchgewinkt. Und in diesen Tagen wird klar, dass weitere Hilfen notwendig werden.

Enorme Rohstoff-Vorkommen

Doch seit geraumer Zeit mehren sich die Stimmen, dass Griechenland gar nicht so arm zu sein scheint. Der Grund liegt in den enormen Erdöl- und vor allem Gasvorkommen. Gegenwärtig wird ein einziges griechisches Ölfeld in der Nähe der Insel Thassos im Ägäischen Meer ausgebeutet. Doch es geht längst nicht mehr um bekannte Fördergebiete. Untersuchungen und Satelliten-Auswertungen lassen auf riesige Rohstoffvorkommen im Westen von Griechenland und noch gigantischere vor der Südküste Kretas schließen.

Antonis Foscolos, Elias Konofagos und Nikos Lygeros, Geologen an der Technischen Universität Kreta, haben berechnet, dass wenige Kilometer vor der südlichsten Insel Europas geschätzte 1,5 Milliarden Barrel Erdöl und 3,5 Billionen Kubikmeter Erdgas schlummern. Die Vorkommen sollen derart groß sein, dass die gesamte EU über Jahrzehnte damit versorgt werden könnte. Eine von Ministerpräsident Antonis Samaras in Auftrag gegebene Studie sieht mögliche Einnahmen für Griechenland in Höhe von 465 Milliarden Euro in den kommenden 25 Jahren. Abzüglich der anfallenden Kosten blieben Griechenland 214 Milliarden Euro.

USA versus Russland

Das Wissen um die wertvollen Rohstoffe ist nicht neu. Doch weder die Regierung von Konstantinos Karamanlis (2004 bis 2009) noch jene von Giorgos Papandreou (bis 2011) zeigte öffentliches Interesse an einer Förderung. Wirtschafts- und Börsenexperte Dirk Müller, der in seinem aktuellen Buch "Showdown" unter anderem genau dieser Problematik nachgeht, meint im Gespräch mit derStandard.at die Gründe zu kennen: "Die griechischen Regierungsstellen wollen nur ihre eigenen Taschen füllen. Sie haben kein Interesse, etwas für die Bevölkerung zu tun." 

Machtspiele und Eigeninteressen

Die Förderlizenzvergabe, ein Spiel aus Macht, Politik und Eigeninteressen. Der Russland-freundliche Karamanlis habe mit Gazprom angebandelt, während Papandreou den Amerikanern zugeneigt gewesen sei. Der in der Zeit der Destabilisierung Griechenlands 2008/09 ins Amt gehievte Ministerpräsident habe, so Müller, in einer seiner ersten Amtshandlungen die Fördergebiete der griechischen Erdöl- und Erdgasvorkommen an die private lokale Evrotechniki SA übertragen. Diese vergibt die Explorations- und Förderrechte, um die sich auch einige US-Firmen wie Halliburton bemühen.

Griechenland als perfekter Angriffspunkt

Überhaupt sieht Müller die Rolle der USA kritisch: "Die amerikanische Wirtschaft hängt davon ab, dass der Dollar die Leitwährung bleibt. 2008/2009 jedoch prognostizierten unter anderen der Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz und der damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan, dass der Euro den Dollar in fünf bis zehn Jahren als Leitwährung ablösen würde." Gift für die amerikanische Verschuldungsmaschinerie. Öl bekommt man weltweit ausschließlich mit US-Dollars - ein Petrodollar-System. Die USA mussten die drohende Gefahr abwenden.

Um den Euro anzugreifen, sei Griechenland die perfekte Ausgangsbasis, weil das schwächste Glied in der Kette gewesen. Um den "neuen Persischen Golf" auf die nächsten Jahrzehnte komplett zu kontrollieren und geostrategisch zu sichern, sei der Plan gewesen, Griechenland aus dem Euro herauszubrechen. Einerseits, um Europa und den Euro zu destabilisieren, andererseits, um den Umsturz in Griechenland zu erzwingen und einen US-freundlichen Ministerpräsidenten ins Amt zu heben. Ein deutliches Indiz dafür macht Müller in der aggressiven Vorgehensweise amerikanischer Ratingagenturen gegenüber den alten Staaten Europas aus. Manch einer mag darin eine Verschwörungstheorie sehen. Fakt ist, die Schätze blieben bislang ungehoben.

Pipeline von Israel nach Zentraleuropa

Doch Griechenland ist nicht alleine zu sehen. An der Levante-Küste fördert Israel schon seit einem Jahr Erdgas. Teile des riesigen Gasfelds gehören auch zu Zypern und Ägypten. Es gebe heute bereits eine Pipeline, um Gas von Israel, Zypern und Kreta nach Griechenland, Italien und Zentraleuropa zu befördern. Die Versorgung Europas könnte dadurch auf Jahrzehnte gesichert sein, so Müller.

Auffallend ist, dass ausgerechnet diese Region mit Ausnahme Israels ein von politischen und sozialen Umstürzen geprägtes Pulverfass ist. Wie schnell sich die Lage in Sachen Erdgas wenden kann, zeigt sich am Beispiel Türkei. Müller: "Als der amerikanische Konzern Noble Energy im Jahr 2011 damit begann, an der zypriotischen Küste nach Gas zu suchen, schickte Ministerpräsident Erdogan, bis dahin durchaus Amerika-freundlich gesinnt, Kriegsschiffe und signalisierte, dass die Türkei ihre Gasvorräte auch mit militärischer Gewalt verteidigen würde."

Griechisches Hoheitsgebiet

Was das Erdgas vor Kreta betrifft, gibt es laut Müller keinerlei Zweifel, dass es sich hier um griechisches Hoheitsgebiet handelt. Doch noch importiert Griechenland Energieprodukte in Höhe von fünf Prozent des BIP. Sollte es in den nächsten sechs bis acht Jahren tatsächlich grünes Licht für die Exploration geben, dürften die Einnahmen für Griechenland ab 2020 fließen, rechnet die Deutsche Bank vor. Der Anteil an dem Gas aus Kreta, der allein für Griechenland abfallen würde, könnte in den nächsten zehn Jahren den Schuldenstand bei weitem übersteigen.

Weitere Studie in Arbeit

Ministerpräsident Samaras jedenfalls hat im vergangenen Herbst eine weitere Studie zu den Erdöl- und Erdgasvorkommen in Auftrag gegeben. Das Ergebnis der norwegischen Gruppe Petroleum Geo-Services soll noch in diesem Jahr vorliegen.

Und die Bevölkerung auf Südkreta? Die zeigt sich durchwegs besorgt, wie ein Lokalaugenschein ergibt. Es drohten zu viele Tankschiffe und eine zu große Gefahr für den Umweltschutz durch nicht sachgerechte Entsorgung von Restmüll, so der Tenor. Und die Sorge um die Haupteinnahmequelle, die Touristen, ist groß. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 22.8.2013)


Dirk Müller
Showdown
Der Kampf um Europa und unser Geld

Verlag Droemer Knaur 2013
272 Seiten, 20,60 Euro


Das Quellenverzeichnis zu Dirk Müllers Recherchen finden Sie hier.

 

 

Share if you care