Sie leben schnell und sterben jung

20. August 2013, 15:38
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Kalmare sind hochentwickelte Weichtiere - mit eigenwilligen Paarungsstrategien - Vor den Küsten Mallorcas pflanzen Forscher den Kalmaren Sender ein, um so ihrer kraftraubenden Lebensweise auf den Grund zu gehen

Sonnenuntergang: Der Himmel über der Bucht von Palma de Mallorca verwandelt sich in eine Farborgie aus Rottönen, doch Miguel Cabanellas hat etwas anderes im Blick. "Dort drüben müssen wir sein", brüllt er gegen den Lärm des Außenborders an und steuert das Boot in Richtung Süden, wo eine Ansammlung weiterer Schiffchen dümpelt. Man wartet bereits. Fischer am Fanggrund.

Cabanellas ist ebenfalls zum Fischen hinausgefahren - allerdings im Dienste der Wissenschaft. Der am Instituto Mediterráneo de Estudios Avanzados (Imedea) in Esporles auf Mallorca tätige Meeresbiologe erforscht die Lebensgewohnheiten von Loligo vulgaris, dem Gemeinen Kalmar.

Die zehnarmigen Tintenfische bewohnen das gesamte Mittelmeer und den Atlantik von Westafrika bis Schottland. Jährlich landen sie tonnenweise, vor allem in frittierter Form, auf den Tellern von Touristen und Einheimischen - aber der Forschung werfen sie noch immer eine Menge Fragen auf. Arbeit genug für Miguel Cabanellas und seine Kollegen.

Ziel der heutigen Fahrt sind die eher flachen Küstengewässer einige Meilen südwestlich von S'Arenal. Das Gebiet ist ein weithin bekannter Fangplatz für Kalmare, an Bord der wartenden Boote sitzen hauptsächlich Angler. Sie haben die Leinen schon ausgeworfen und lassen ihre Köder, Fischimitate aus Plastik, über den Meeresboden hüpfen.

Cabanellas hofft, ebenfalls ein paar der pfeilschnellen Weichtiere erbeuten zu können. Ihnen wird er dann winzige Sender einpflanzen und sie anschließend wieder freilassen. Die derart behandelten Kalmare lassen sich über spezielle Empfänger orten. Jeder der Sender hat seinen eigenen, individuellen Ultraschallcode, die Empfangsgeräte sind an festen Stellen in der Bucht von Palma verankert. Ein echtes Überwachungsnetz.

Balzen und jagen

Die Forschungsarbeiten haben bereits mehrere interessante Details über das Verhalten von L. vulgaris zutage gebracht. So hat sich gezeigt, dass die Kopffüßer von Oktober bis Juni in die Küstengewässer vordringen und dort sowohl im Hellen wie auch nachts aktiv sind. Tagsüber wird gebalzt, und bei Einbruch der Dunkelheit gehen die Tintenfische auf die Jagd. Kalmare sind Raubtiere, die sich vor allem von kleinen Fischen ernähren. Sie orten ihre Beute mit ihren extrem scharfen Augen, umklammern sie mit den Fangarmen und töten per Nackenbiss. Der scharfkantige Schnabel macht's möglich.

In der Bucht von Palma wird die Jagdstrategie von L. vulgaris offenbar stark von Menschen beeinflusst. Gut eine Stunde nach Sonnenuntergang zieht es viele Kalmare aus Wassertiefen von 20 bis 30 Metern in direkte Ufernähe, berichtet Miguel Cabanellas. Der Hintergrund: Das Kunstlicht der Küstenboulevards scheint bis ins Meer hinein. Die räuberischen Mollusken haben dadurch bessere Sicht und leichteres Spiel. Das wissen gleichwohl auch die Angler. Sie fahren mit ihren Booten hinterher und stellen den Tieren mit geschleppten Ködern nahe der Strände nach.

Am Tage widmen sich die Kalmare der Fortpflanzung - eine überaus komplizierte Angelegenheit. Frühere Studien zum Paarungsverhalten der nah verwandten Art Loligo reynaudii zeigten eine seltsame Taktik auf. Größere, anscheinend dominante Männchen paaren sich mit einem Weibchen, indem sie sich seitlich neben sie legen und sie eng umarmen. Dabei wird ein Spermienpaket in den Eileiter des Weibchens eingeschoben. Das Männchen bewacht seine Partnerin anschließend beim Eierlegen.

Doch es gibt Konkurrenz. Kleinere, sogenannte Schleichermännchen, versuchen sich während der Paarung an das gebundene Weibchen heranzumachen und ihr ein Spermienpaket auf den Kopf zu kleben. Nicht selten mit Erfolg. Beim Eierlegen können Samenzellen beider Männchen zur Befruchtung gelangen. So kommen auch die "Schleicher" zu Nachwuchs, wie etwa im Fachjournal "Bulletin of Marine Science" berichtet wurde.

Optische Signale für Buhler

Ein praktisch identisches Betragen konnten Miguel Cabanellas und Kollegen nun bei L. vulgaris während Tauchgängen im Rahmen des Forschungsprojektes Cefaparques in den Gewässern des mallorquinischen Nationalparks Cabrera beobachten. Die Tiere laichen dort bevorzugt an Stellen mit sandigem Boden. Das Fortpflanzungsverhalten der Kalmare wird sehr stark durch optische Signale gesteuert, berichtet Cabanellas. "Die Weibchen machen zum Beispiel den hinteren Teil ihres Körpers durchsichtig, um ihre Geschlechtsorgane zu zeigen." Dominante Männchen hingegen werden knallrot, wenn ein kleinerer Nebenbuhler näherkommt.

Die Verwendung einer solchen Kommunikation wäre nachts selbstverständlich nicht sinnvoll. Daher der zweigeteilte Aktivitätsrhythmus, der sich auch deutlich bei den mit Sendern versehenen Kalmaren nachweisen lässt. Die Peilungen kommen bei Tag aus einem kleinen Areal, bei Nacht dagegen können die Tintenfische zum Teil von unterschiedlichen, kilometerweit voneinander entfernten Empfängern geortet werden, wie Cabanellas in einer in der Fachzeitschrift "Marine Ecology Progress Series" veröffentlichten Studie zeigte.

Kalmare haben einen sehr schnellen Stoffwechsel und einen hohen Nahrungsbedarf, erläutert Miguel Cabanellas. Wie alt L. vulgaris werden kann, ist allerdings noch nicht eindeutig geklärt. Die meisten Fachleute gehen von einem Höchstalter von anderthalb Jahren aus - bei Männchen. In dieser kurzen Zeit erreichen die Tiere manchmal eine Länge von bis zu 80 Zentimetern. Die Weibchen dürften nach Expertenmeinung kaum älter als ein Jahr werden und bleiben auch kleiner. Das liegt am enormen Aufwand für die Produktion der zahlreichen Eier, sagt Cabanellas. Aber auch die Kalmarmännchen seien rasch mit ihren Kräften am Ende. "Sie leben schnell und sterben jung."

Die geringe Lebensdauer dürfte auch für eine weitere Besonderheit in der Biologie von L. vulgaris verantwortlich sein. "Ihre Strategie ist, sich während des gesamten Jahres fortzupflanzen", sagt Cabanellas. Dadurch käme eine stabilere Populationsstruktur zustande, trotz des Fehlens unterschiedlicher Jahrgänge. In den Küstengewässern Mallorcas laichen die Kalmare dennoch nur während der kühleren Monate. Die optimale Wassertemperatur für die Entwicklung der Eier liegt bei zwölf bis 17 Grad Celsius, sagt Cabanellas. Im Hochsommer wandern die Tintenfische dementsprechend in tieferes, kühleres Wasser ab und legen dort ihre Eier. Alles eine Frage der Flexibilität. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 21.8.2013)

  • Extrem scharfe Augen, starke Fangarme und ein scharfkantiger Schnabel helfen Kalmaren bei der Jagd. Sie selbst landen tonnenweise in der Fritteuse.
    foto: imedea/cabanellas

    Extrem scharfe Augen, starke Fangarme und ein scharfkantiger Schnabel helfen Kalmaren bei der Jagd. Sie selbst landen tonnenweise in der Fritteuse.

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