Schmied will Sprengelgrenzen abschaffen

20. August 2013, 15:37
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Derzeit gibt es nur 126 verschränkte Ganztagsschulen. Das Ende der Sprengelgrenzen soll den Besuch erleichtern

Wien - Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) will den Ausbau der verschränkten Ganztagsschule intensivieren. Derzeit werden nur 126 Schulstandorte von rund 6.000 als solche geführt. Damit mehr Kinder Ganztagsschulen besuchen können, regt Schmied die Abschaffung der Sprengelgrenzen in den einzelnen Bundesländern an. Als Vorbild nannte sie am Dienstag bei einer Pressekonferenz das Burgenland, wo Schüler künftig unabhängig von ihrem Wohnort im ganzen Bundesland in jene Schule gehen können, die sie besuchen wollen. 

Mehr Tagesbetreuung

Bei einer verschränkten Ganztagsschule wechseln Unterricht, Lernzeit und Freizeit einander ab. Aktuell wird in Ganztagsschulen vor allem eine Nachmittagsbetreuung nach dem Unterricht für jene Kinder angeboten, deren Eltern sie dafür anmelden. Die Regierung hat bereits den Ausbau der Tagesbetreuung beschlossen, bis 2018 soll sie von derzeit 18 Prozent auf 30 Prozent steigen. Jährlich gibt es dafür 160 Millionen Euro mehr. Die von Schmied bevorzugte verschränkte Ganztagsschule will sie stufenweise ausbauen. "Man kann mit einer Klasse am Standort beginnen und die Entwicklung dann fortsetzen", sagt die Ministerin.

Zwei "Pilotprojekte" die als Vorbilder dienen sollen, hat sie am Dienstag vorgestellt. Die Europa-Schule in Linz und die Schule Klusemannstraße in Graz werden ganztägig geführt. "Wenn wir die Kinder zu Mittag Heim schicken überlassen wir sehr viel dem Zufall", sagt der Direktor der Europa-Schule, Stefan Giegler bei der Pressekonferenz. Der Erfolg der Schüler hänge davon ab, ob die Eltern zu Hause seien und Zeit dafür haben, ihren Kindern bei den Hausaufgaben und beim Lernen zu helfen. "Der Umstieg auf die Ganztagsschule war für uns eine logische Folge", so Giegler.

Unterrichtseinheiten sind flexibler

Anfangs habe es sehr viel Skepsis unter Eltern und Lehrern gegeben. Derzeit wird nur jeweils eine von vier Klassen der Neuen Mittelschule und der Volksschule ganztägig geführt, das Ziel sei aber, die ganze Europa-Schule zur Ganztagsschule zu machen. Viele Eltern würden glauben, dass bei der Ganztagsschule den ganzen Tag über unterrichtet werde. "Das ist falsch, es gibt eine völlig neue Lernchoreografie", erklärt Giegler. Die strengen fünfzigminütigen Unterrichtseinheiten wurden an der Europa Schule abgeschafft, die Lehrer und Lehrerinnen seien dadurch wesentlich flexibler.

Derzeit müssen zwei Drittel der Eltern und Lehrer zustimmen, wenn eine Ganztagsschule eingeführt wird. Dies habe an seiner Schule auch dazu geführt, dass die Volksschule nicht umgestellt werden konnte, erklärte Direktor Giegler. "Obwohl mehr als die Hälfte dafür war." Schmied will diese Regelung allerdings nicht ändern. Ein solches Reformvorhaben ist bereits Ende 2012 am Widerstand der ÖVP und der Lehrervertreter gescheitert. Sie verwies darauf, dass es einen Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung gibt, wenn die Eltern von zwölf Schülern dies fordern.

Skepsis bei den Lehrern

An der Schule in der Klusemannstraße, die 2013 den Schulpreis des Unterrichtsministeriums gewonnen hat, wurde die alte Lernstruktur komplett geändert. "Die Schüler setzen sich selbst in eigenen Lernplänen Ziele, die sie in einem bestimmten Zeitraum erreichen müssen", so Direktor Klaus Tasch. Daraus ergebe sich eine individuelle Förderung für starke und schwache Schüler. Die sei auch für die anfangs skeptischen Lehrer ein Fortschritt gewesen. "Im üblichen System weiß der Lehrer nicht, was angekommen ist", so Tasch. An seiner Schule hätten sie mehr Zeit, um mit den Schülern den Stoff durchzugehen. Das Konzept sei ein Erfolg: Nur die Hälfte der Schüler, die sich anmelden, können an Taschs Schule auch angenommen werden.

Beide Direktoren betonten bei dem Gespräch, dass für eine Ganztagsschule auch die Infrastruktur der Schule angepasst werden müsse. Die Europa-Schule in Linz wurde mit Mitteln des Unterrichtsministeriums umgebaut. Auch die Lehrer hätten jetzt einen größeren Arbeitsplatz, und zwar im Klassenzimmer. "Das Konferenzzimmer wurde aufgelöst, keine Schule braucht ein Konferenzzimmer", so Direktor Giegler.

"Bruch mit den Gewohnheiten"

Dass bisher nur so wenige Schulen als verschränkte Ganztagsschulen geführt werden, erklären sich die Direktoren damit, dass Eltern, Schüler und Lehrer das aktuelle System gewohnt sind. "Ein Bruch mit den Gewohnheiten ist nicht einfach", so Tasch. Auch wenn sich weder Lehrer noch Schüler im aktuellen System wohl fühlen, sei es schwer davon wegzukommen. Giegler sieht in der Vorbildfunktion von Schule wie seiner einen Hebel. Widerstände an seiner Schule haben es vor allem von den Lehrern gegeben. Einige hätten nach der Umstellung die Schule auch verlassen.

Um die Zahl der verschränkten Ganztagsschulen zu erhöhen, setzt Schmied nun weniger auf neue politische Maßnahmen, als auf die einzelnen Schulen. "Wir müssen die Standorte ermutigen, die Gestaltung selbst in die Hand zu nehmen, vieles ist möglich, wenn man nur will", so Schmied. Innerhalb der Regierung hat sich die ÖVP beim Thema Ganztagsschule bisher immer für eine Wahlfreiheit der Eltern ausgesprochen. Daran will auch die Bildungsministerin nichts ändern, aber "für die Wahlfreiheit braucht man auch ein Angebot", meint sie. Dies sollen nun einzelne Schulen schaffen. (lai, derStandard.at, 20.8.2013)

  • Bei der verschränkten Ganztagsschule lösen Unterricht, Lern- und Freizeit einander ab.
    foto: dpa/franziska kraufmann

    Bei der verschränkten Ganztagsschule lösen Unterricht, Lern- und Freizeit einander ab.

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