Grippeimpfung: Wann, wie oft oder besser gar nicht?

4. Oktober 2013, 17:00
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Bis zu 1.200 Österreicher sterben im Jahr an der Grippe - Nur 10 Prozent der Bevölkerung sind dagegen geimpft

Wenn in wenigen Monaten die Grippesaison gemeinsam mit dem Winter ins Land zieht, werden wieder tausende Österreicher über Gliederschmerzen, Schnupfen und hohes Fieber klagen. Doch nur die wenigsten sind gerüstet: Europaweit ist Österreich ein Schlusslicht, was Grippeimpfungen angeht.

"Grundsätzlich sollte sich die gesamte Bevölkerung vor der Influenza schützen", sagt Egon Marth, emeritierter Vorstand des Institutes für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin an der Medizinischen Universität Graz. Davon ist Österreich aber weit entfernt: In einer vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut Integral im April 2013 durchgeführten Studie war nur jeder zehnte Befragte gegen die Grippe geimpft. Im Spitzenfeld internationaler Rankings liegt meist England, wo fast 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, und ganze 70 Prozent der alten Menschen – eine besonders gefährdete Gruppe – geimpft sind.

Unterschätzte Erkrankung

"Für mich ist das nicht nachvollziehbar", sagt Marth über die Impfmüdigkeit der Österreicher. "Möglicherweise wird die Influenza in Österreich als ungefährlich angesehen", mutmaßt er.

Für Michael Kleines, Leiter der Sektion Virologie und Diagnostik an der Medizinischen Universität Innsbruck, liegt die niedrige Durchimpfung der Bevölkerung an einer Diskrepanz zwischen Impfempfehlung und Kostenfreiheit. Während nämlich in Österreich im  Unterschied zu anderen europäischen Ländern eine Impfempfehlung für die gesamte Bevölkerung gelte, würden die Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen.

Außerdem bestehe in der österreichischen Bevölkerung eine große Impfskepsis, wogegen auch wenig gemacht werde: "Werbung und Aufklärung finden mehr oder weniger nicht statt", so Kleines. Auch ein Teil der Mediziner sei impfkritisch: "Die Ärzteschaft sollte eigentlich als Multiplikator für die Impfempfehlungen wirken." Stattdessen werde die Impfskepsis vonseiten der Ärzte oft auch noch unterstützt.

Marth spricht außerdem von einem "Overkill-Effekt" in der Bevölkerung: "Die Schweinegrippe wurde nicht ganz so schlimm wie man es prognostiziert hat, und schon hat es geheißen: Das brauchen wir alles nicht." Gerne wird bei Impfgegnern auch damit argumentiert, dass die Pharmakonzerne lediglich am Geldmachen interessiert seien. Für Marth gilt dieses Argument nicht: "Wenn Sie ein gutes Produkt erwerben, dann müssen Sie auch etwas dafür bezahlen."

Kein hundertprozentiger Schutz

Inwieweit die Grippeimpfung, die einmal im Jahr durchgeführt werden sollte, wirklich dabei hilft, die Infektion zu verhindern, darüber scheiden sich die Geister. Dass die Impfung nicht in hundert Prozent der Fälle vor einer Erkrankung schützt, räumt auch Marth ein. "Das liegt in der Natur des Virus." Der Grund dafür ist, dass sich das Virus laufend verändert. Darum kann man  theoretisch auch an der Grippe erkranken, wenn man geimpft ist – nämlich dann, wenn der Virusstamm ein anderer ist. Doch die Treffsicherheit sei in den letzten Jahren sehr hoch gewesen: "Selbst wenn ich trotz Impfung erkranke, erkranke ich nicht so schwer wie ohne Impfung." Außerdem versorge eine regelmäßige Impfung das Immunsystem mit wichtigen Informationen über die Zusammensetzung des Virus.

In seriösen wissenschaftlichen Studien ist man sich durchwegs einig, dass die Grippeimpfung eine Wirkung hat. Das Ausmaß davon unterscheidet sich jedoch, von "modest effects" ist zum Beispiel in einer kürzlich veröffentlichten Zusammenfassung existierender Studien in der angesehenen "Cochrane Review" die Rede. Einig ist man sich auch, was die Nebenwirkungen angeht: Diese fallen nämlich durch die Bank „mild" aus.

Auch Marth betont, dass es außer lokalen Reizen kaum Nebenwirkungen gibt. "Bevor der Impfstoff hinausgeht hat er schon mindestens drei verschiedene Impfabläufe durchgemacht, so dass man abschätzen kann wie schwerwiegend er ist", versichert er. Kolportiert wird auch, dass die Grippeimpfung selbst grippeähnliche Symptome hervorruft. Das stimmt nicht, sagt der Mediziner:  „Wenn ein Impfstoff Fieber verursacht, dann wird der aus dem Markt gezogen." Solche Nebenwirkungen seien nämlich nicht tolerabel: „Der Markt will einen Impfstoff, der nichts kostet, keine Nebenwirkungen hat und zu 100 Prozent wirkt", fasst er die – unrealistischen -  Anforderungen zusammen.

Bis zu 1.200 Grippetote im Jahr

Dass bestimmte Risikogruppen besonders gefährdet sind, an der Grippe schwer zu erkranken und zu sterben, ist wissenschaftlich belegt. Dazu gehören Menschen mit Vorerkrankungen – also mit Herz- oder Lungenleiden, aber auch mit Diabetes und Asthma. Auch Kinder und Menschen über 50 gehören zu den Risikogruppen.

Spätestens ab 60 rät Marth dringend zur Grippeimpfung: "Im Alter trägt man erhöhtes Risiko, daran schwer zu erkranken." Die Influenza stelle dann den Boden für bakterielle Superinfektionen dar, was bedeutet, dass die Schleimhäute durch die Grippe zerstört werden und sich dort dann bakterielle Infekte ansiedeln können.

Das kann gefährlich werden: In der Grippesaison, die meist ab kurz vor Weihnachten bis in den März dauert, gibt es laut Marth eine Übersterblichkeit von 80 Prozent. "Im Zeitraum der Influenza versterben also 80 Prozent mehr alte Menschen als außerhalb der Grippewelle", erklärt er. Laut der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) sterben im Jahr insgesamt 1000 bis 1200 Menschen an der Influenza in Österreich.

Schaden für die Volkswirtschaft

Vom persönlichen Leid abgesehen, verursachen durch die Grippe bedingte Krankenstände auch erhebliche Kosten für die Wirtschaft. "Aber wir können es uns scheinbar noch leisten, diese volkswirschaftlichen Belastungen auf uns zu nehmen", so Marth. Laut dem WIFO-Fehlzeitenreport schnellen Krankenstände immer in intensiven Grippejahren deutlich in die Höhe – zuletzt im vergangenen Winter, in dem besonders viele Menschen erkrankten.

Der heurige Impfstoff liegt jedenfalls schon bereit – laut dem Gesundheitsdienst der Stadt Wien werden ab Oktober und bis in den März die meisten Menschen impfen kommen.

Wer sich dagegen entscheidet, sich aber trotzdem schützen will, hat es in der Grippezeit schwer: Da diese durch Tröpfcheninfektion übertragen wird, muss man laut Marth die Schleimhäute – also Rachen und Nase – schützen. Außerdem müsse man Massenansammlungen und öffentliche Verkehrsmittel vermeiden: "Dass sich das so nicht durchführen lässt, ist augenscheinlich." (Franziska Zoidl, derStandard.at, 2013)

  • Der Grippeimpfstoff wird in den Oberarmmuskel injiziert.
    foto: apa/diether endlicher

    Der Grippeimpfstoff wird in den Oberarmmuskel injiziert.

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