Alte Menschen, neue Herausforderungen

24. September 2013, 17:00
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Die Hoffnung auf mehr gesunde Lebensjahre im Alter hat sich als Illusion herausgestellt

Mittag in der Pflegestation "Herderpark" im Pflegewohnhaus Simmering: Auf Gehhilfen oder im Rollstuhl schieben sich viele der 348 betagten Bewohner in die Gemeinschaftsbereiche und warten dort auf das Essen. Der Geruch von Cevapcici liegt schon in der Luft, bevor der Essenswagen um die Ecke biegt. In einem Vogelkäfig hocken bunte Wellensittiche auf einer Stange. Sogar sie sehen alt aus.

Ein Blick auf die demographische Entwicklung der österreichischen Bevölkerung zeigt: Wir werden alt. Unsere Lebenserwartung wächst stetig und liegt bei Männern mittlerweile bei über 78, bei Frauen bei über 83 Jahren. Viele andere Industriestaaten durchlaufen eine ähnliche Entwicklung.

Langsamkeit versus Schnelllebigkeit

"Die Wunschvorstellung ist, dass wir gleichzeitig immer gesünder werden", sagt Thomas Paul Egger, leitender Direktor und medizinischer Verantwortlicher des Pflegewohnhauses Simmering. Oft geht dieser Wunsch aber nicht in Erfüllung: Immer mehr Menschen sterben hochbetagt, und die letzten Jahre des Lebens sind meist gezeichnet durch das Leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Laut Marina Kojer, Allgemeinmedizinerin und Psychologin im Ruhestand, hoffte man noch in den 1980er Jahren auf eine "Kompression der Morbidität", also auf mehr gesunde Lebensjahre im Alter: "Das hat sich mittlerweile als Illusion herausgestellt."

Für die wachsende Gruppe der Hochbetagten gibt es laut Kojer keine Angebote in einer Gesellschaft, in der man "aktiv altert". Auch sehr alte, pflegebedürftige Menschen wollen aber eine Beschäftigung haben, die Sinn macht. "Man möchte Menschen um sich, die man gerne sieht und Kontakt mit anderen Generationen haben", sagt Kojer. Dazu gebe es aber kaum Möglichkeiten. "Im hohen Alter werden die Leute langsamer. Das passt nicht zu einer immer schnelllebigeren Zeit", kritisiert sie.

Von der Peripherie ins Zentrum

Momentan wird die Pflege alter Menschen laut Egger in Österreich noch überwiegend von der Familie übernommen. "Aber hier gibt es eine komplexe und dynamische soziale Entwicklung", betont er. Zunehmend seien mehrere Familienmitglieder berufstätig. Außerdem würden konstante Beziehungen im Leben seltener und Bindungen insgesamt im Durchschnitt lockerer. Pflegeeinrichtungen werden also in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen.

Es gibt verschiedene Ansätze dazu, wie diese Betreuungseinrichtungen der Zukunft aussehen sollen. Die Stadt Wien hat 2007 beschlossen, das Geriatriezentrum "Am Wienerwald", das zu Spitzenzeiten über 4.000 Betten verfügte, bis 2015 zu schließen. Die Mitarbeiter und Bewohner siedeln dann in neue, in der Stadt gelegene Einrichtungen um.

Das Konzept hinter dem Geriatriezentrum "Am Wienerwald" sei nämlich nicht mehr zeitgemäß. Anfang des 20. Jahrhunderts wollte man laut Egger alte Menschen außerhalb der Stadt pflegen, um die Bevölkerung nicht mit ihnen zu konfrontieren. Heute sehe man das anders: "Wenn alte Menschen schon nicht bei der Familie sind, dann sollen sie zumindest in unserer Nähe sein."

Stadt der Alten

Marina Kojer war 14 Jahre lang Vorständin der Abteilung für Palliativmedizinische Geriatrie im Geriatriezentrum "Am Wienerwald". Sie sieht dessen Schließung kritisch: "Das hat einen Vorteil gegenüber vielen Nachteilen."

Der eine Vorteil: Besuche durch Angehörige in stadtnäheren Betreuungseinrichtungen seien einfacher. Ein Nachteil: Früher waren alle medizinischen Einrichtungen an einem Ort vereint und die Bewohner mussten keine langen Wege zu unterschiedlichen Ärzten auf sich nehmen: "Eine Kontinuität der Betreuung war gewährleistet", so Kojer.

Die Idee, die hinter der Betreuungseinrichtung am Wienerwald stand, gefällt ihr nach wie vor: "Das war so etwas wie eine Stadt der Alten mit sehr viel Atmosphäre." Die Menschen lebten in Pavillons, es gab unter anderem einen Frisör, eine Trafik, ein Patientencafé und man war umgeben von Natur.

Einrichtung mit regionalem Charakter

Ab 2015 ist das Geschichte. Ein Kernstück des "Wiener Geriatriekonzepts" ist, dass kleinere Pflegeeinrichtungen in den Bezirken aufgebaut werden sollen. So wie das Pflegewohnhaus Simmering: Das unweit des geschäftigen Enkplatzes gelegene Haus sieht auf den ersten Blick mit seinen langen weißen Gängen und den typischen Krankenhausbetten wie ein Spital aus. Das ist es aber nicht, wie Egger betont.

Es gebe zwar strenge Auflagen, was die Hygiene betrifft, aber man sei bemüht, architektonisch dem Spitalscharakter entgegenzuwirken, zum Beispiel durch Wohnbereiche und individuell gestaltbare Zimmer. Jede Station hier hat außerdem einen Namen, der einen Bezug zum 11. Bezirk hat, um der Einrichtung einen regionalen Charakter zu verleihen.

Würde bis zuletzt

Zwei der Stationen in Simmering sind Demenzkranken vorbehalten, auch diese Erkrankung wird bei zunehmendem Alter häufiger. Prognosen gehen heute davon aus, dass bis 2050 die Zahl von Demenzkranken in Österreich auf fast 250.000 ansteigt - eine von vielen Nebenwirkungen des Alters.

Bei Demenz kann die Achtung der Selbstbestimmtheit eines Menschen eine Herausforderung für Mediziner und Pflegepersonal werden. Oft ist es nämlich schwierig, zu eruieren, was Patienten wirklich wollen: "Wir versuchen dann mit verschiedenen Methoden und aus verschiedenen Quellen herauszufinden: Was sind die Lebensinhalte und Wertigkeiten eines Menschen?", so Egger.

"Nicht die Krankheit nimmt die Würde, sondern die Behandlung", ist Kojer überzeugt und betont die ethischen Herausforderungen, die sich für die Medizin ergeben: "Es wird immer schwieriger zu sagen: Wann verlängere ich noch das Leben und wann ziehe ich nur das Sterben in qualvoller Art in die Länge?" Dies sei von einer Patientengeschichte zur anderen immer wieder eine Gratwanderung.

Altern betrifft alle

In den nächsten Jahren wird die Babyboomer-Generation in Pension gehen. Ein guter Teil von ihr wird mit hoher Wahrscheinlichkeit hochbetagt und als Pflegefälle sterben. Aber wie soll das finanziert werden? Egger sieht darin eine Möglichkeit, dass Menschen in passender Form länger in das Arbeitsleben integriert werden, wie es heute ja auch oft bei Künstlern oder Selbstständigen der Fall ist.

Marina Kojer ist überzeugt davon, dass es dann eine Finanzierung geben wird, "wenn wir das Leben alter Menschen - und letztlich unser eigenes - für wertvoll halten." Aber auch der individuelle Beitrag jedes Einzelnen werde erhöht werden müssen, zum Beispiel in Form einer verpflichtenden Pflegeversicherung.

Zuletzt müsse sich auch innerhalb der Gesellschaft etwas ändern. Sie betont, wie wichtig es ist, dass sich auch jüngere Generationen für die Alten verantwortlich fühlen. Das Altern betreffe nämlich alle, denn: "So jung kann man gar nicht sein, dass man nicht einmal alt wird." (Franziska Zoidl, derStandard.at, 24.9.2013)

  • Auf den ersten Blick wirkt das Pflegewohnhaus Simmering wie ein Krankenhaus.
    foto: kav/veronika arnost

    Auf den ersten Blick wirkt das Pflegewohnhaus Simmering wie ein Krankenhaus.

  • 348 pflege- und betreuungsbedürftigen Senioren bietet es ein Zuhause.
    foto: kav/veronika arnost

    348 pflege- und betreuungsbedürftigen Senioren bietet es ein Zuhause.

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