Der neue Appetit der Multis auf die Nordsee

19. August 2013, 18:07
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Investments in die Öl- und Gasförderung in der Nordsee boomen. Neue Funde und neue Technologien locken die Konzerne

Wien - Das neueste Wahlkampfthema ist das Nordseeöl. Im Herbst 2014 werden die Schotten über die Unabhängigkeit ihres Landes von Großbritannien abstimmen, in den vergangenen Wochen drehte sich das Hickhack zwischen London und Edinburgh um den Wert des Öls vor der schottischen Küste. Die Unabhängigkeit würde Schottland zum Eigentümer von Erdölreserven im Wert von 1,5 Billionen Pfund (1,7 Billionen Euro) machen, behauptete der Chef der Regionalregierung in Edinburgh, Alex Salmond vor kurzem. Salmond, der für die Abspaltung wirbt, rechnete vor, dass damit auf jeden seiner Landsleute Einnahmen von mehr als 300.000 Pfund entfielen. Die britische Regierung reagierte prompt, dementierte die Zahl als völlig übertrieben und seitdem streiten sich die Analysten um das wahre Potenzial.

Wer auch immer recht haben mag: Nach dem die Öl- und Gasproduktion seit dem Jahr 2000 gefallen ist - allein die britischen Fördermengen sind um 50 Prozent gesunken - erlebt die Nordsee derzeit einen zweiten Frühling. Die OMV liegt mit ihrem zwei Milliarden Euro schweren Zukauf von vier Öl- und Gasfeldern vor der norwegischen und britischen Küste voll im Trend. Laut dem auf den Energiesektor spezialisierten Unternehmensberater Wood Mackenzie war die Nordsee 2012 die Region, mit den dritthöchsten Investitionen in den Erdöl- und Gassektor. Allein in die norwegische Produktion steckten Unternehmen 18,7 Milliarden Euro, die britische Mineralölindustrie verzeichnete 2012 die höchsten Investments seit 30 Jahren.

Zu den größeren Zukäufen zählte im vergangenen Jahr neben der deutschen Wintershall die OMV, die 15 Prozent am Gasfeld "Aasta Hansteen" sowie 20 Prozent am Ölfeldprojekt "Edvard Grieg" erwarb.

Dabei ist es auf den ersten Blick verblüffend, dass die Investments boomen: Die aus der Nordsee geförderten Gas- und Ölfördermengen waren nämlich auch in den vergangenen zwei Jahren rückläufig. Die britischen Industrievertreter von "Oil & Gas UK" warnen zudem, dass die Produktion in der Nordsee zusehends teurer wird. Bereits seit den 60er-Jahren wird Gas, seit den 70er-Jahren Erdöl in der Region gewonnen. Wegen der zunehmenden Erschöpfung vieler Felder stiegen die Produktionskosten kontinuierlich an.

Lukrative Wette auf die Zukunft

Allerdings ist die Nordsee für Ölmultis wieder zu einer lukrativen Wette auf die Zukunft geworden, sagt Manouchehr Takin vom britischen Center for Global Energy Studies. 2010 wurde vor der norwegischen Küste ein gigantisches Ölvorkommen entdeckt: Das nach dem ersten norwegischen Premier "Johan Sverdrup" getaufte Feld, gilt als der größte Fund seiner Art in der Nordsee seit den 80er-Jahren. Nach Schätzungen enthält "Sverdrup" bis zu 3,3 Milliarden Fass (ein Fass sind 159 Liter). Durch die neuen Funde und den Einsatz neuer Technologien prophezeien die britische und die norwegische Regierung eine Zunahme der Fördermengen in den kommenden Jahren.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist das Ölfeld Forties, das von BP in den 1970ern erschlossen wurde. 2003 verkaufte BP die Förderrechte an Forties an die US-amerikanische Apache Corporation. Damals schätzen Geologen, dass das Feld bis 2010 erschöpft sein wird. Inzwischen hat Apache die Produktion sogar steigern können, die Forties-Reserven reichen nach neuestem Stand bis 2025.

Hinzu kommt, dass die Multis selbst bei rückläufigen Fördermengen mehr verdienen können. Erdöl der Nordseesorte Brent kostet derzeit um die 110 Dollar je Fass - seit 2000 haben sich die Preise vervierfacht. Und obwohl die Förderung teurer geworden ist, kostet die Produktion von einem Fass Rohöl selbst in den teuersten Regionen der Welt nicht mehr als 40 bis 50 Dollar.

Der Energieexperte Takin warnt dennoch vor überzogenen Erwartungen: "Die Nordsee ist ein altes Fördergebiet. Einen Zuwachs der Öl- und Gasproduktion wie ihn Briten und Norweger prophezeien, wird es selbst unter Einsatz der modernsten Technologien nicht geben." Solange Rohstoffpreise nicht fallen, werde das Interesse an der Nordsee aber auch nicht abebben. (András Szigetvari, DER STANDARD, 20.8.2013)

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