Angebote zur Versenkung

19. August 2013, 18:01
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Mit "Natural Motion" von Gabriel Orozco lädt das Kunsthaus Bregenz zur Entschleunigung ein

Bregenz - Man könnte meinen, im Naturhistorischen Museum gelandet zu sein, wenn man dieser Tage das Kunsthaus Bregenz (KUB) betritt. Oder als Fisch in einem riesigen, morbiden Aquarium: Wie ein Mobile hängt das rund 15 Meter lange Skelett eines Blauwalbabys (oder vielmehr der Kunstharzabguss davon) von der Decke. Gänzlich mit konzentrischen Kreisen überzogen, lädt es zur Kontemplation ein und dazu, sich vom Ausstellungsraum wie Jonas verschlucken zu lassen.

Dark Wave heißt diese Arbeit des Mexikaners Gabriel Orozco, die für die Ausstellung Natural Motion programmatisch ist: Naturformen treffen auf Abstraktion, Gewordenes auf Konstruiertes, Ungeformtes auf Überformtes.

Viele Arbeiten hat der 51-jährige Künstler eigens für das KUB angefertigt. Der aberwitzige Interventionist, vor dessen Eingriffen kein Alltagsgegenstand sicher ist, tritt dabei hinter den sensiblen Naturforscher Orozco zurück. Offensiv auf Irritation ausgerichtete Arbeiten wie etwa seine Yogurt Caps - vier erstmals 1994 minimalistisch im White-Cube montierte Deckel von Joghurtbechern - sucht man vergebens. Stattdessen bekommt man es eher mit konsensuell schönen Formen zu tun. Die Kuratoren (Yilmaz Dziewior, Rudolf Sagmeister) haben zeitlose und zugängliche Themen Orozcos an den Bodensee gebracht.

Und so ähnelt das erste Obergeschoß ein wenig einem Zen-Garten: Über den grauen Boden verteilen sich vom Fluss rundgewaschene Steine, in die Orozco feine Muster gemeißelt hat: Ornamentale Strukturen nehmen dabei die geschwungenen Formen der Steine auf, variieren sie, führen sie weiter, bringen sie in Verbindung zu kulturellen Zeichen vor allem der mexikanischen und lateinamerikanischen Kultur. Die kultische Anmutung der Flusssteinskulpturen wird durch kleine, bunte Mandala-artige Bilder verstärkt. In Kniehöhe montierte Beigaben: Geht es nach Orozco, sitzt man hier idealerweise.

Dass er das Angebot zur Versenkung ernst meint, legt auch die Unaufgeregtheit von Natural Motion nahe. Von Reizüberflutung kann keine Rede sein. Und wo es quantitativ nicht viel zu sehen gibt, laden Skulpturen zur qualitativen Betrachtung und zur Innenschau ein.

Kugelform trifft Wirklichkeit

Zeitlos sind auch die Töpferarbeiten auf der dritten Ebene. Ein bisschen fürchtet man ja, die 116 Terrakotten könnten gelegentlich als Kunsthandwerksprodukte angeschaut werden. Sie sind jedoch weniger funktionell-dekorative Gefäße als Spuren feinfühliger Studien über eine archaische Kunstform. Seine Tonobjekte seien Zeugnisse der Begegnung zwischen Kugelform und Wirklichkeit, erklärte Orozco 2002 in Zusammenhang seiner Teilnahme an der Documenta XI.

Der Reiz der Terrakotten liegt in ihrem Flottieren zwischen gemacht und geworden. Durch die lange Dauer der manuellen Bearbeitung nehmen sich manche wie industrielle Objekte aus. Auf anderen sind noch die Handabdrücke des Künstlers zu sehen; sie zeugen von einer nahezu obsessiven Leidenschaft für das haptische Moment. My Hands Are My Heart (1991) heißt denn auch die beigegebene Fotografie.

Keine Spur von Archaik schließlich im obersten Stockwerk. Mit La DS Cornaline präsentiert Orozco einen Nachbau seiner eigenen, klassisch gewordenen Arbeit La DS: 1993 zerlegte Orozco einen Citroën DS, um ihn in verschmälerter Form neu zusammenzusetzen - als nun immobil gewordenen Einsitzer. Auch eine Art, zur Natural Motion zu finden.

Die Schönheit der Objekte fasziniert, droht jedoch den Betrachter vom tieferen Sinn in Orozcos Arbeit abzulenken. (Roman Gerold, DER STANDARD, 20.8.2013)

Bis 6. 10.

  • Falls jemand im KUB landet, der eigentlich ins Naturhistorische Museum wollte, dürfte das Gabriel Orozco nur recht sein. 
    foto: kub

    Falls jemand im KUB landet, der eigentlich ins Naturhistorische Museum wollte, dürfte das Gabriel Orozco nur recht sein. 

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