Der lange Schatten des Antiziganismus in Ungarn

21. August 2013, 11:02
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Rassismus gegen Roma ist in Ungarn keine Neuheit, in den vergangenen Jahren wurde er aber aggressiver und bedrohlicher

Zwischen Juli 2008 und August 2009 erlebte Ungarn eine der schrecklichsten und blutigsten Folgen von Mordanschlägen seiner Geschichte. Die neun Attentate unterschieden sich von weiteren Mordserien des Landes: Zu den Opfern und Zielpunkten zählten ausschließlich Angehörige der Roma-Minderheit.

Vergangene Woche fiel in Budapest das Urteil, das Gericht verurteilte drei der vier rechtsextremistischen Angeklagten in erster Instanz zu lebenslanger Haft. Ob der Gerichtsbeschluss etwas an dem ungarischen Alltagsrassismus gegenüber Roma verändern wird, ist freilich fraglich.

Ersten Roma kamen im Mittelalter nach Ungarn

Will man sich auf die Suche nach den Wurzeln der Roma-Bevölkerung in Ungarn machen, muss man das Rad der Zeit weit zurückdrehen. Die ersten Roma-Gruppen wanderten schon im Mittelalter zu. Weniger bekannt ist die Rolle, die die in Ungarn lebenden Roma in Krisenzeiten spielten: Sowohl während der Revolution von 1848/49 gegen die Habsburger als auch 100 Jahre später beim Aufstand gegen die sowjetische Herrschaft unterstützte der Großteil von ihnen die "ungarische Sache".

Bis zum 19. Jahrhundert waren die Roma in Ungarn praktisch keiner systematischen Diskriminierung ausgesetzt. Die als Porajmos bekannte Shoah der Roma-Minderheit, die mit dem Tod von 50.000 ungarischen Roma endete, wurde bis vor kurzem kaum wahrgenommen.

Die Wende kostete viele Roma den Job

Antiziganismus ist in Ungarn kein Produkt der letzten Jahre, die staatliche Herangehensweise an die Roma-Frage hängt aber vom politischen Regime ab. In der sozialistischen Ära wurde die Roma-Frage als ein soziales Thema betrachtet. Die meisten waren zwar niedrig qualifiziert, wurden aber vom Staat in den Arbeitsmarkt integriert, gleichzeitig durften sie mit billigen Wohnkrediten rechnen.

Mit der Wende änderte sich die Lage, viele Roma verloren ihre Jobs. Die meisten von ihnen haben bis heute keinen richtigen Arbeitsplatz gefunden. Die Dimension der Ablehnung der Roma wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs größer, ihre Ausgrenzung stärker und aggressiver.

Gleich nach der Wende entstanden die ersten rechtsradikalen Gruppen, die neben Antisemitismus auch Antiziganismus propagierten. Seit Anfang der 90er-Jahre werden Presse- und Redefreiheit von Rechtsextremisten missbraucht und dienen als Vorwand für die Veröffentlichung und Verbreitung rassistischer Ideologie. Eine komplette politische und wirtschaftliche Maschinerie entstand in den vergangenen Jahren, um Ungarn von der Roma-Minderheit zu "befreien".

Jobbik-Partei sieht Roma als ethnisches Problem

Mit der Gründung der Jobbik-Partei veränderten sich die politischen Fronten gravierend. Die Partei führte den Begriff der "Zigeunerkriminalität" ein und machte ihn salonfähig. Die Lösung der "Zigeunerfrage" wurde zum wichtigsten Programmpunkt der Partei, womit sie schnell auf offene Ohren in der ungarischen Gesellschaft stieß. Im Gegensatz zum Sozialismus betrachtet Jobbik die Roma-Thematik nicht als soziale, sondern als ethnische.

Die Rechtsaußen-Szene hat mit zahlreichen Zeitungen, Zeitschriften und TV-Kanälen eine breite Medienlandschaft aufgebaut und mit der ultraradikalen kuruc.info eine der meistgelesenen ungarischen Webseiten etabliert. Unter Führung der Jobbik formierten sich paramilitärische Garden, die durch Dörfer mit hohem Roma-Anteil marschieren, um dort Angst zu schüren. Bei der Parlamentswahl 2010 kam Jobbik auf rund 17 Prozent der Stimmen.

Roma werden auch als Tiere bezeichnet

Die prekäre soziale Situation der Roma spiegelt das Versagen der politischen Elite des Landes wider. Alle Seiten, Linke wie Rechte und Liberale, haben es verabsäumt, der mittlerweile rund 800.000-köpfigen Roma-Bevölkerung eine Perspektive zu geben. Über verschiedene Förderprogramme wurde meist nur diskutiert, in der Realität nur ein Bruchteil davon umgesetzt. Und die gegenwärtige ungarische Regierung drückt bewusst die Augen zu, wenn es um Rechtsradikale geht. In regierungsnahen Zeitungen erscheinen regelmäßig Publikationen von Freunden und Bekannten von Premier Viktor Orbán, die die Roma als Bürger zweiter Klasse einordnen oder als "Tiere" bezeichnen.

Nicht auszuschließen ist, dass das Gerichtsurteil in der Roma-Mordserie nur ein Kapitel mehr in der Roma-Diskriminierung ist, ohne wirkliche gesellschaftliche Konsequenzen zu bringen. Eine nationale Katharsis lässt auf sich warten. (Balazs Cseko, daStandard.at, 21.8.2013)

  • Die Lösung der "Zigeunerfrage" wurde zu einem der wichtigsten Programmpunkte der Jobbik-Partei.
    foto: ap/bela szandelszky

    Die Lösung der "Zigeunerfrage" wurde zu einem der wichtigsten Programmpunkte der Jobbik-Partei.

  • Ministerpräsident Viktor Orban und seine Regierung unternehmen nicht viel, um die Situation der Roma zu verbessern.
    foto: epa/yoan valat

    Ministerpräsident Viktor Orban und seine Regierung unternehmen nicht viel, um die Situation der Roma zu verbessern.

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