Schmusen im Stechschritt

19. August 2013, 07:25
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Das Frequency-Festival in St. Pölten endete Samstagnacht mit den Toten Hosen und Nick Cave. Zuvor stand mit James Blake endlich jemand auf einer Open-Air-Bühne, der dem Gute-Laune-Geballere und Greatest-Hits-Gegröle die Luft rausnahm

St. Pölten - Am letzten Tag des Festivals waren am späten Nachmittag dann endlich auch die Spritzpistolen im Plastikpenis-Format ausverkauft. Aber nur die 30 Zentimeter langen. Das sieht voll Porno aus, wenn diese bei den lustigen Burschen aus den Hosen lugen. Die Verkäufer versprachen, nächstes Jahr mit größerem Kontingent wiederzukommen. Vielleicht sollte man bei Beate Uhse anfragen, ob man nicht künftig neben einer Brauerei, einem Durchhaltegetränkehersteller oder einer Kreditkartenfirma als Sponsor auftreten möchte. Die Challenge in diesem Wirtschaftszweig liegt schließlich schon auch darin, für Nachwuchs zu sorgen.

Um wieder runterzukommen, spielen The Gaslight Anthem aus New Jersey auf der Hauptbühne unter sengender Sonne so, als habe ihr väterlicher Freund Bruce Springsteen die nicht so guten Lieder der letzten 30 Jahre in den Mistkübel geworfen. Der wurde dann von Punkrockern geplündert, die aber zu kraftlos sind, das Ganze ordentlich herunterzubrettern. Musik ist Handwerk. Handwerk ist Arbeit. Die Überstunden und die Motivation halten sich in Grenzen. In der klimatisierten Halle nebenan liefert eine ausländische Landeier-Band mit dem nicht gerade zukunftsfroh machenden Namen The Drowning Men den Soundtrack für eine Hundertschaft, die sich hierher zurückgezogen hat, um Powernapping zu betreiben.

Im Niemandsland zwischen den zwei Freiluftbühnen, einem Piercing-Stand und Bier mit Tequilageschmack müht sich eine heimische Band damit ab, gegen den Gaudimax-Techno-DJ der Adventure-Brauerei anzukommen. Kunst hat immer auch etwas Tragisches an sich.

Feingliedriger Zeitlupen-Soul

Drüben, auf der eher alternativen als mit dem feisten Altbier-Rock der heutigen Headliner Die Toten Hosen programmierten Green Stage, betreten pünktlich zum Sonnenuntergang drei hagere junge Männer aus England die Bühne. Einer von ihnen ist James Blake. Der Mann verbindet auf subtile Weise Bassfrequenzen aus dem Höllenschlund mit feingliedrigem Zeitlupen-Soul und mit durch Autotune-Effekt modulierter, zerbrechlicher Kopfstimme. Das funktioniert nach seinem Österreichdebüt vor zwei Jahren in einer Kirche in Krems erstaunlicherweise auch vor einem nach drei Tagen Festival vor erschöpfter Glückseligkeit dampfenden Publikum. Endlich steht einmal jemand auf einer Open-Air-Bühne, der dem Gute-Laune-Geballere und Greatest-Hits-Gegröle die Luft rausnimmt. Vollständig. James Blake sieht im Publikum Menschen mit merkwürdigen Spritzpistolen. Er weiß, dass das nicht gut ist. Höflich und gelassen zieht er sich in seine Musik zurück. Das ist nichts weniger als großartig.

Gelassen ist ein Wort, dass das britische Duo Hurts nicht kennt. Die jungen Briten mit den Schmalztopffrisuren und einer Liebe zum Synthie-Pop der 1980er-Jahre betreiben wohl eher eine Kunst der totalen Überwältigung. Leider haben sich die Vollzeitpathetiker seit ihren zärtlichen Bombast-Überhits Stay und Wonderful Life weg von den deutschen Stechschritt-Schmusepoppern Modern Talking bewegt. Sie setzen zumindest live nun auf ihre großen Vorbilder Depeche Mode in deren Heroinphase und bluesrocken mit harter Stromgitarre und Riffs aus dem Mississipi-Delta, dass einem die Brusthaare wachsen. Vielleicht aber erlebt man hier nur britische Höflichkeit. Die Hurts wollen das abgebrühte Alternative-Rock-Publikum nicht mit Kitsch langweilen, sondern es bei den Hörnern packen.

Auch Trip-Hop-Vater Tricky hat danach sehr zum Leidwesen der Heilkräuterfraktion harte Rockmusik im Gepäck. Er covert eigene alte Hits wie Black Steel, aber auch Ace Of Spades von Motörhead. Dass Nick Cave abschließend seine größten Erfolge rockt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Er kommt an dieser Stelle öfter vor. Am 24. November wird er in Wien ein richtiges Konzert geben. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 19.8.2013)

  • Depeche Mode in der Heroinphase als Vorbild: Theo Hutchcraft von der Band Hurts.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Depeche Mode in der Heroinphase als Vorbild: Theo Hutchcraft von der Band Hurts.

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