Maculans Ende im Expansionsrausch

Analyse18. August 2013, 18:03
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Das Bauimperium schlitterte 1995 mit Verbindlichkeiten von fast 800 Millionen Euro und über 10.000 Mitarbeitern in die Pleite

Wien - Alexander Maculans Vater Rudolf war ein bemerkenswerter Mann. Er stieg 1936 in die Baugesellschaft Hofman ein, wurde später dort Geschäftsführer (mit zwölf Mitarbeitern) und gründete 1941 Hofman & Maculan, die zur Gänze in seinem Besitz stand. Maculan senior war ein Sir und ein hervorragender Techniker, er hat u. a. die Kalkulationsblätter entwickelt und die monatliche Bilanzierung der Baustellen eingeführt, beides heute noch gültig.

Von der Maurerlehre in den Chefsessel

Hofman & Maculan war ein solider Familienbetrieb und von der Größe her nicht vergleichbar mit einer Porr, Illbau, Universale oder Mayreder. Die Alpine war unbedeutend. Um 1960 verlegte Maculan senior den Firmensitz in die Annagasse 6 in der Wiener Innenstadt. Dort residiert die heutige Maculan Holding von Sohn Alexander noch immer. Jetzt freilich mit viel kleinerer Mannschaft als noch in den 1990er-Jahren.

Maculan war 14 Jahre, als sein Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Mit 18 erbte der Sohn die Baufirma und war für deren spätere Führung nicht vorbereitet. Ein enger Mitarbeiter seines Vaters übernahm es, zunächst den Junior ins Baugeschäft einzuführen. Was Maculan aber fehlte für die Führung des Betriebes, war eine jahrelange "Ochsentour" durch alle Abteilungen. Er hat zwar die Maurerlehre gemacht, war aber nie als Bauleiter oder in der Projektabwicklung tätig.

DDR-Geschäfte mit Polithilfe

Es war eine gefährliche Zeit, als Maculan zu expandieren begann: Ende der 1980er-Jahre, nach dem Zerfall des Ostblocks und dem Fall der Berliner Mauer, herrschte eine riesen Aufbruchstimmung, europaweit gab es große Projekte. Maculan hat sich zu einer Expansion hinreißen lassen, ähnlich wie die Alpine. Es gab nur eine Strategie: wachsen, wachsen, wachsen.

Der deutschen Treuhand oblag es damals, die Ex-DDR-Firmen zu verkaufen - und Maculan war einer der bravsten Aufkäufer von ostdeutschen Baufirmen. Er kaufte nicht nur in der Ex-DDR, bis nach Russland wurde expandiert - zu seinen berühmtesten Aufträgen zählten mehrere Tausend Soldatenwohnungen in den GUS-Staaten. Unterstützt wurde "Big Mac" vom damaligen SP-Abgeordneten Kurt Heindl, der gute Kontakte in die Oststaaten hatte.

Aufträge um jeden Preis

Maculan hat ein wirtschaftliches Prinzip durchbrochen: Vertrieb und Marketing müssen eng mit der Produktion, also mit der Bauabwicklung abgestimmt sein. Das ist bei Maculan völlig aus dem Ruder gelaufen. Bauaufträge zu lukrieren ist leicht, diese aber auch mit einem Gewinn abzuschließen ist eine große Herausforderung. Viele unterschätzen die Kosten, nicht alle Risken werden einkalkuliert (auch aus Konkurrenzgründen, um billiger anbieten zu können), und am Ende bleibt ein Verlust.

Wie bei der Alpine fing der Untergang mit einem hervorragenden Auftragsbestand an, die Präsenz in vielen Ländern dient als Prestigeerfolg. Aber die Basis jeder Expansion müssen qualifizierte Mitarbeiter sein.

Zu große Schuhe

Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, wie man eine Expansion bewerkstelligt: 1.) Mit der bestehenden Mannschaft, die irgendwann einmal wegen Überlastung zusammenbricht. 2.) Es wird nur sehr vorsichtig expandiert, man akquiriert qualifiziertes Personal und wächst per annum um fünf bis maximal sieben Prozent. Maculan hat die dritte Möglichkeit gewählt: Er ist jährlich um 20 Prozent gewachsen. Die dafür notwendige Menge an guten Leuten bekam er aber nicht. Er ist also mit schwachen Beschäftigten größer geworden.

Maculan, der sich gern mit dicker Zigarre und im Ferrari zeigte, warb der Konkurrenz Mitarbeiter ab, die dort in der zweiten und dritten Ebene tätig waren, und hat sie bei sich in die erste Führungsebene geholt. Diese verdienten nach dem Wechsel zwar das Doppelte, leisteten aber nicht das Doppelte. Fazit: Maculan war zu rasch gewachsen und zugleich nicht in der Lage, gutes Personal im selben Ausmaß zu rekrutieren.

Schließlich kam es zur tödlichen Kombination: schlechte Preise, große (nicht einkalkulierte) Risken und eine schlechte Abwicklung von Bauaufträgen. Allein schon deshalb, weil er das dafür nicht ausreichend qualifizierte Personal hatte.

Zur Illustration: Die deutsche Wiedervereinigung war 1989, der Zusammenbruch der Baufirma war 1995. Ähnlich wie bei der Alpine war es eine schleichende Entwicklung, ohne dass irgendwer reagiert hätte: weder die Manager noch die Mitarbeiter, auch nicht die Wirtschaftsprüfer oder die Banken. Auch die Pleite der Alpine war nicht Folge der aktuellen Entwicklung, sie entstand aufgrund einer zu starken Expansion in den vergangenen Jahrzehnten.

Parallelen zur Gegenwart

Bei der Alpine sind die fast drei Milliarden Passiva auch nicht in den letzten Jahren entstanden, genauso wenig wie die 800 Millionen Euro seinerzeit bei Maculan. In beiden Fällen haben Banken und Wirtschaftsprüfer gnädig zugeschaut. Und noch eine Parallele: 1990 ging Maculan an die Börse und lukrierte beim Publikum fast zwei Milliarden Schilling. Die Anleger verloren nahezu ihr gesamtes Investment. Die Alpine begab seit 2010 drei Anleihen und bekam so 290 Mio. Euro. Auch die Anleihezeichner werden nahezu leer ausgehen.

"Die Banken haben ihr Spiel gespielt und die Journalisten für ihre Zwecke instrumentalisiert", diagnostizierte Maculan Jahre später. Eine schillernde Karriere schien zu Ende. In seinem Buch Mein Fall, das 1997 erschien, versuchte der gescheiterte Baulöwe eine Aufarbeitung seiner Geschichte. Es war eine groß angelegte Verteidigungsrede, dass er für all das nichts dafürkann. Es waren die bösen Banken und die Konkurrenz. Maculan ist nicht verarmt, aber er wird auch nie einsehen, Fehler gemacht zu haben. (Claudia Ruff, DER STANDARD, 19.8.2013)

  • Alexander Maculan anno 1993 in seinem Büro in der Annagasse 6 in der Wiener City, in dem bereits sein Vater residierte.
    foto: standard/semotan

    Alexander Maculan anno 1993 in seinem Büro in der Annagasse 6 in der Wiener City, in dem bereits sein Vater residierte.

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