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Rezension17. August 2013, 13:36
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Ein gewichtiges Buch blickt zurück auf 50 Jahre deutsche Bundesliga, in der es auch von Österreichern wimmelt. Das augenzwinkernde Schau- und Blätterbuch trägt einen wehmütigen Titel - "15:30 ", als es noch einen Spieltag und eine Verbandszeit gab

Wien - Die deutsche Bundesliga - man kann lästern, was man will, im Moment ist sie die beste der Welt - geht in ihren zweiten Spieltag. Da lässt sich noch nicht viel rückblicken, zu vieles steht 2013/14 noch auf dem Programm. (Obwohl: Ösimäßig hat es ganz gut begonnen mit Toren von David Alaba, Zlatko Junuzovic und Martin Harnik, so kann das ruhig weitergehen.)

Sehr wohl lässt sich aber gut rückblicken auf die Liga als Ganzes, die ihren Betrieb vor genau 50 Jahren, in der Saison 1963/64, aufgenommen hat. (Österreich ritt mit der Staatsliga 49/50 vor.) Dankenswerterweise hat die Mannschaft der Süddeutschen Zeitung unter ihrem Kapitän Klaus Hoeltzenbein zu diesem Anlass ein im Wortsinn gewichtiges Buch herausgebracht. Wie jedes gute Fußballbuch erblättert und erschaut und erliest der Blätterer, Schauer und Leser weniger über Fußball als über die ihn grundierende Zeit. Wer da einen Gerd Müller sieht, für den ist auch ein Franz Josef Strauß nicht weit. "Dann macht es bumm", steht unterm Foto des "Bayern-Bombers". Na eben.

Von München, wo die Süddeutschen ihre Heimspiele absolvieren, ist es nicht gar so weit hinüber ins Österreichische. Und weil die Bayern wissen, dass sie in ballesterischer Hinsicht nur die dem Lehrer über den Kopf gewachsenen Schüler sind, tauchen in den unzähligen Geschichten - und ja, gottlob: G'schichterln - immer wieder auch Heimische auf, die es in die Fremde gezogen hat.

Man denke nur - so funktioniert dieses wunderbare Buch: Erinnerst du dich? - an den 6. September des Jahres 1969, als Friedl Rausch, Verteidiger auf Schalke, beim Revierderby in Dortmund eine unliebsame Begegnung mit einem kolportierten Rex hatte.

Das Foto davon - Schäferhund gegen Arschbacke - ist bis heute präsent. Er, Rausch, werde - wird uns in diesem Buch erzählt - "immer der mit dem Hund sein". Weniger präsent ist der Anlass für die Bissattacke, für den Platzsturm von Dortmunder Fans, der die mit Hunden bewaffneten Ordner irgendwie mitgerissen hat. Dieser Sturm aber war die Antwort der Fans (so weit zum "modernen" Hooligan-Problem) auf das 1:0 von Schalke, erzielt von einem gewissen Hans Pirkner, der bei der Wiener Admira groß geworden ist, um in den Siebzigerjahren bei der Austria mit dem Uruguayer Julio César Morales und dem Siegendorfer Thomas Parits den legendären "hundertjährigen Sturm" zu formieren, der 1978 bekanntlich bis ins Europacupfinale vordrang.

So und nicht anders - auch der Süddeutschen Buch basiert darauf - funktioniert das ballesterische Erzählen: Man kommt in Windeseile, Zeit und Raum nicht achtend, vom Hundertsten ins Tausendste. Kaum vom Hund gebissen, ist man neun Jahre später im Pokalsiegerfinale in Paris und beim leidigen 1:4 gegen Anderlecht.

Literaturgeschichte

Und so kommt es - beim schlichten Blättern - auch zu unzähligen Apropos. Zum Beispiel dem Apropos 1969. Die Saison 1968/69 beendete der regierende Meister 1. FC Nürnberg als Absteiger. Völlig überraschend war beides, und beides geschah unter österreichischer Ägide. Max Merkel, beinharter Rapid-Abräumer vorm Ausputzer Ernst Happel, schon Meistermacher mit 1860, hatte von Rapid den berüchtigten "roten Gustl" geholt, der es mit ihm dann nicht nur zum deutschen Meister, sondern sogar in die Literaturgeschichte gebracht hat. Peter Handkes Gedicht vom 17. 1. 1968 sieht Starek auf dem rechten Flügel der nachmaligen Meistermannschaft. Die allerdings spielt aus Handkes Sicht in der klassischen Wiener Formation, einem dazumal auch unter Verrückten längst nicht mehr gepflogenen 2-3-5. Das Gedicht endet übrigens mit einem Fauxpas: "Spielbeginn: 15 Uhr".

Ganz vorne aus deutscher Erzählperspektive steht zweifellos der Wödmasta, Ernst - Aschyl - Happel, von dem die Rede geht, dass er den Nordlichtern, jedenfalls den Hamburgern, das Kicken erst richtig beigebracht hat. Und zwar mit einer gut bereiften Suzuki, die den Kettenraucher (drei Packerln beuschelreißende Belga pro Tag) mit seinen waldlaufenden Spielern auf Augenhöhe hielt.

Der Titel des schönen Buches - mit gefühlten fünf Kilo keineswegs eine Bettlektüre - lautet schlicht 15:30. Das war die traditionelle Verbandszeit der Liga. Und deshalb eine Zeitlang auch ein antimodernistischer Kampfbegriff. Mit "pro 15:30" wurde 2002 gegen die Zersplitterung des Spieltages durchs TV protestiert. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 17./18.8.2013)

  • Klaus Hoeltzenbein (Hg.): "15:30 - Die Bundesliga. Das Buch". Süddeutsche Zeitung Edition: München 2013. 429 Seiten, 39,90 Euro
    foto: der standard/weisgram

    Klaus Hoeltzenbein (Hg.): "15:30 - Die Bundesliga. Das Buch". Süddeutsche Zeitung Edition: München 2013. 429 Seiten, 39,90 Euro

  • Vorbilder im heutigen Sinn waren sie wohl nicht. Max Merkel und Ernst Happel sorgten aber neben ansehnlichem Fußball auch für etwas Unterhaltung.
    foto: der standard/weisgram

    Vorbilder im heutigen Sinn waren sie wohl nicht. Max Merkel und Ernst Happel sorgten aber neben ansehnlichem Fußball auch für etwas Unterhaltung.

  • Waldlaufender HSV mit Begleitfahrzeug.
    foto: der standard/weisgram

    Waldlaufender HSV mit Begleitfahrzeug.

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