Mariahilfer Straße: Verwirrung auf dem Asphalt

Reportage16. August 2013, 17:59
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Die Vertreibung des Verkehrs aus dem Shoppingparadies sorgt noch für Verwirrung - und schon am ersten Tag der umgestalteten Mariahilfer Straße in Wien für die Ankündigung eines Musterverfahrens

Kein Tusch, keine Ansprache und nicht einmal ein Band, das aufs Zerschneiden wartet. Der Start eines der wichtigsten Prestigeprojekte der rot-grünen Stadtregierung in Wien, die Verkehrsberuhigung der inneren Mariahilfer Straße, geht Freitagfrüh völlig unspektakulär über die Bühne. Zum offiziellen Pressetermin kommt Maria Vassilakou, Vizebürgermeisterin und grüne Verkehrsstadträtin, mit dem Klapprad aus dem Rathaus angeradelt. Parteifreund Thomas Blimlinger, Vorsteher des siebenten Bezirks, und seine Amtskollegin aus dem sechsten Bezirk, Renate Kaufmann (SPÖ), sind schon da und bewundern die Leere auf der Shoppingmeile, die auch die Grenze zwischen den Bezirken Neubau und Mariahilf bildet.

Was sofort auffällt, sind die fehlenden parkenden Autos. Im gesamten Bereich zwischen Westbahnhof und Museumsquartier, also sowohl in der Fußgängerzone als auch in den den flankierenden Begegnungszonen (siehe Grafik) gibt es keine Parkplätze mehr. Damit aber die Lieferanten, die jeden Tag ungewöhnlich lange, nämlich von sechs bis 13 Uhr Waren bringen dürfen, nicht irgendwo stehen bleiben, wurden erst recht wieder Zonen auf den Asphalt gepinselt, und zwar in einer verwirrenden Kombination aus gelben und weißen Längsstreifen. Was viele (noch) nicht wissen: Weiß wird der Fahrbahnrand markiert, gelb ein Halte- und Parkverbot. Schon am ersten Tag der neuen Mahü kündigt der ÖAMTC ein Musterverfahren an, weil Fahrzeuge abgeschleppt wurden.

Nachsicht der Polizei

In den meisten Fällen reagiert die Polizei aber noch mit Nachsicht. Vor allem ausländische Lenker, die vom noch nicht upgedateten Navi in die Fuzo gelockt werden, kommen ungestraft davon. Und auch einheimische, motorisierte Fuzo-Einbrecher dürfen noch ein paar Tage mit einem zugedrückten Auge des Gesetzes rechnen.

Da Fahrradfahren durchgehend in beide Richtungen erlaubt ist und Taxis zumindest die kurze, rot grundierte Busspur des 13a benützen dürfen, ist auch der innere Abschnitt der Mahü eigentlich keine echte Fußgängerzone. Ein fauler Kompromiss also? "Manchen kann man es nie recht machen", will sich Maria Vassilakou im Standard-Videointerview nicht den Tag vermiesen lassen. "Die Begegnungszonen funktionieren prächtig", sagt sie. Und zumindest an diesem Zwickeltag, an dem auch im Rest der Stadt spürbar ist, dass viele das verlängerte Wochenende auswärts verbringen, hat sie recht.

Als die Geschäfte auf der insgesamt 1,8 Kilometer langen Shoppingmeile gegen 9.30 Uhr aufsperren, erwacht auch das Goldene Wiener Herz: "So a Bledsinn!", gibt ein Trafikant den politischen Begegnungszonenbegehern mit. "Ausgeg'hauts Göd für so an Scheißdreck", ruft ein Passant und verdrückt sich schnell in eine Seitengasse.

Schnelle Busse in Burggasse

Im nächsten Sommer wollen Blimlinger und Kaufmann die Neugestaltung der Mahü angehen: keine Gehsteige mehr, ein gemeinsames Niveau für alle. Was nicht funktioniert, wird "nachjustiert", wie es Vassilakou ausdrückt. Vor der Mariahilfer Kirche beispielsweise könnte es gefährlich eng werden. Um dem Markt vor der Kirche mehr Platz zu geben, wurde eine Geländer-Ausbuchtung in den alten Straßenbereich gezogen. Weil dort aber auch der Bus fährt, müssen Radfahrer in Fahrtrichtung stadteinwärts auf die Busspur ausweichen. Gehen auf der Busspur ist aber - trotz Fuzo - weder ratsam noch erlaubt.

Neubau-Chef Blimlinger glaubt, "dass sich alles einpendeln wird". Auch das Tempo-30-Limit, das ab sofort als Begleitmaßnahme in Gumpendorfer Straße, Burggasse und Neustiftgasse gilt. Nur Busse dürfen dort weiterhin 50 fahren. (Michael Simoner, DER STANDARD, 17.8.2013)

  • Am ersten Tag funktionierte die Fuzo in der Mariahilfer Straße noch nicht ganz. Doch Bezirksvorsteherin Renate Kaufmann, Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (v. li.) lassen die Hoffnung nicht fahren.
    foto: standard/corn

    Am ersten Tag funktionierte die Fuzo in der Mariahilfer Straße noch nicht ganz. Doch Bezirksvorsteherin Renate Kaufmann, Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (v. li.) lassen die Hoffnung nicht fahren.

  • Das neue Verkehrskonzept der Mariahilfer Straße.
    grafik: apa/stadt wien

    Das neue Verkehrskonzept der Mariahilfer Straße.

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