Ohrfeigen, aber richtig!

16. August 2013, 17:50
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"Das Interview - Extrem. Provokant. Baumgartner". So schrie es von der Titelseite der "Kurier"-Sonntagsnummer

Immer im Dienst der guten Sache: Wenn der "Kurier" das Gefühl hat, jemand könnte "weltweite Popularität verspielen", dann rückt er gerne aus, um zu helfen. "Das Interview - Extrem. Provokant. Baumgartner". So schrie es von der Titelseite der Sonntagsnummer, daneben ein Bild des Genannten. Dabei handelte es sich nicht, wie zu vermuten, um eine Werbeeinschaltung von Red Bull, sondern um eine "Kurier-Montage". Die und die Doppelseite im Blattinneren waren höchst notwendig, denn "der Extremsportler a. D. kam nach seinem Meister-Fall ins Trudeln: Viele seiner Ideen werden scharf kritisiert". Das ist zwar bereits seit seinem "Meister-Fall" im Oktober 2012 sattsam bekannt, aber "im KURIER-Interview sucht er!" - wieder einmal - "Verständnis", und da muss der "Kurier" einfach helfen.

Schon der Titel ist wirklich hilfreich: "Die Mehrheit interessiert mich nicht." Das geht in Ordnung, weil sich ja umgekehrt die Mehrheit nicht für Baumgartner interessiert, auch wenn sich das nicht mit den Plänen von Red Bull deckt. Daher ja auch der Einsatz des "Kurier", der allerdings insofern vergeblich war, als der Beitrag stattfand, nachdem "der Extremsportler a. D. nach seinem Meister-Fall ins Trudeln kam", weil "viele seiner Ideen scharf kritisiert werden", dieser aber das "Trudeln" zu genießen scheint. Merkt der "Kurier" doch rasch, es "stoßen sich viele an seinen Ansichten. Baumgartner stört das nicht, er fordert die Menschen auf, ihre "Komfortzone" zu verlassen".

Er hat sich daraus nur im tiefen Fall verabschiedet. "Er wünsche sich eine gemäßigte Diktatur und hält die Ohrfeige für ein probates Erziehungsmittel", erinnert das Blatt und genau damit auch daran, dass der Trudler nicht die Ausnahmeerscheinung ist, die er aus Werbegründen darzustellen versucht, sondern mit solchen Ansichten eben jene geistige "Komfortzone" bewohnt, aus der er andere hervorholen will. Dabei fühlt er sich natürlich "missverstanden. Der KURIER bat ihn daher zur ausführlichen Erklärung seiner Philosophie", und der Philosoph zögerte nicht, damit herauszurücken.

"Ich habe die Schnauze voll von dummen, sogenannten Journalisten" - ein philosophischer Standpunkt, den man teilen kann. "Ich habe ja nicht gesagt, Kinder gehören Tag und Nacht gedroschen", rückt er sich als einer von der milden Sorte zurecht, der durchaus zu differenzieren imstande ist. Ohrfeigen seien gegen das Gesetz? "Ach, Gesetz", wehrt er sich gegen Zumutungen. "Natürlich ist das Gespräch zu bevorzugen. Aber die Frage ist, zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Intensität gebe ich eine Watsch'n. Was ist schlimm an einer Ohrfeige im richtigen Ausmaß?"

Ohrfeigen, aber richtig - wie sonst soll man die Red-Bull-Philosophie unter die Leute bringen? "Der Mensch ist so vorsichtig geworden, er muss wieder aus der Komfortzone ... Keiner will und darf mehr etwas riskieren, alle müssen ständig Helme aufsetzen. Wir betten uns komplett in Sicherheit." So können natürlich keine Rennfahrer und Base-Jumper nachwachsen.

Auch in den Dienst einer guten Sache stellte sich diese Woche das freiheitliche Blatt "Zur Zeit". Weil es im Wahlkampf hochaktuell ist, lautete die Titelgeschichte diesmal "Gutes Benehmen gefragt: Küß die Hand, schöne Frau!" - passend illustriert auf dem Titelblatt. Gleich drei Autoren arbeiteten sie sich an dem Thema ab, wobei es an erschütternden Beispielen aus dem weltlichen Zusammenleben in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht fehlte.

Total auf Parteilinie war der ehemals leitende Angestellte im Hauptverband der Sozialversicherungsträger Josef Kandlhofer, der unter dem Titel "Höflichkeit - eine christliche Tugend?" der Sache auf den Grund ging. Seit H. C. Strache christliche Gebote, wenn auch für unchristliche Zwecke zurechtgebogen, und daher mit sich selbst als Heiland, affichieren lässt, ist die Frage von höchster Aktualität. "Resultiert die Höflichkeit aus herzlicher Güte und ist nicht nur äußerliche Distanziertheit, ist ihr zweifelsfrei ein christlicher Ursprungskern zuzumessen", beschreibt der Autor das Element des Christlichen in der FPÖ. Oder noch treffender: "Die Höflichkeit ist ein Zur-Schau-Tragen von Tugend und vielleicht auch von Moral, aus der Tugend und Moral entstehen kann."

Aber nicht muss! Schließlich kommt es ja vor allem auf das "Zur-Schau-Tragen von Tugend" an, und diese Fähigkeit entwickelt niemand besser als der Freiheitliche in der Rolle der verfolgten Unschuld. Was auch der Grund dafür ist, dass Strache im "Falter" sagen konnte:"Ich habe die größte Freude mit mir selbst." (Günter Traxler, Der STANDARD, 17./18.8.2013)

  • Felix Baumgartner
    foto: apa/ epa/sashenka gutierrez

    Felix Baumgartner

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