Frühe Säugetierverwandte verpassten ihre Chance nach Massenaussterben

18. August 2013, 17:45
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Vor 252 Millionen Jahren ereignete sich die größte ökologische Katastrophe aller Zeiten - von der Erholung danach profitierten nicht alle

Berlin - Was das größte Massenaussterben der Erdgeschichte ausgelöst hat, ist noch nicht hundertprozentig geklärt. Für die wahrscheinlichste Erklärung hält man derzeit eine Phase extremer vulkanischer Aktivität, die einen mehrstufigen Prozess massiver klimatischer Veränderungen auslöste. Schätzungen zufolge starben am Ende des Perm, vor 252 Millionen Jahren, etwa 70 Prozent der im Meer lebenden und 90 Prozent der landbewohnenden Spezies aus.

Im Anschluss an ein solches Massenaussterben folgt stets eine Phase sogenannter adaptiver Radiation: Die überlebenden Arten fächern sich vergleichsweise schnell in neue Spezies mit neuen Körpermerkmalen auf und drängen so in die nun leeren ökologischen Nischen, die zuvor von Arten besetzt waren, welche die Katastrophe nicht überstanden. Aber nicht alle Gruppen von Organismen können die Gunst der Stunde nutzen, wie das Berliner Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung berichtet.

Modellgruppe Anomodontier

Ein internationales Team von Wissenschaftern um den Paläontologen Jörg Fröbisch untersuchte die Entwicklung der sogenannten Anomodontier in dieser für die Evolution entscheidenden Phase. Die Anomodontier zählen zu den Therapsiden, also jener Gruppe von Landwirbeltieren, der auch die Säugetiere angehören. Sie entwickelten sich vor knapp 270 Millionen Jahren und brachten bis zum Ende des Perm eine große Artenvielfalt hervor.

"Zu dieser Zeit waren die Anomodontier die dominierenden Pflanzenfresser an Land und waren stark von dem Aussterbeereignis betroffen, mit nur wenigen überlebenden Arten", sagt Fröbisch. "Anomodontier sind artenreich, individuenreich und ökologisch sehr divers, mit voll terrestrischen, semi-aquatischen, grabenden und kletternden Formen. Dies macht sie zu einer idealen Modellgruppe für makroevolutionäre Untersuchungen."

Zukunft mit Ablaufdatum

Die Anomodontier überstanden auch das Massenaussterben und hielten sich noch mehr als 60 Millionen Jahre - dennoch scheint das Ereignis zu einem Knick in ihrer Entwicklung geführt zu haben. Die aktuelle Studie zeigt, dass die Anomodontier während der Erholungsphase und des damit verbundenen Neuanstiegs der Artenvielfalt anatomisch sehr konservativ blieben. Die Vielfalt der anatomischen Merkmale in Anomodontiern ging im Laufe ihrer weiteren Evolutionsgeschichte stetig zurück.

Dass sie keine grundlegend neuen Merkmale entwickelten, deutet darauf hin, dass der evolutionäre Flaschenhals, durch den sie infolge des Aussterbeereignisses gingen, ihre Entwicklungsmöglichkeiten während der Erholungsphase eingeschränkt hat. Andere Gruppen von Wirbeltieren - allen voran die Ahnen der Dinosaurier - nutzten die Chance besser, entwickelten geradezu explosiv eine neue Formenvielfalt und prägten anschließend ein ganzes Erdzeitalter.

Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass die Erholung von Arten sowie ganzen Ökosystemen nach Aussterbeereignissen unvorhersehbar ist. Das verstehen sie nicht zuletzt auch als Warnung vor den Folgen, die der aktuelle vom Menschen verursachte Artenverlust haben könnte. Die Biosphäre dürfte sich von jedem Schlag, den wir ihr versetzen, beizeiten erholen. Doch kann niemand vorhersagen, wie sie danach aussehen wird. (red, derStandard.at, 18. 8. 2013)

  • Entfernter Verwandter der Säugetiere: ein Anomodontier. Am Ende des Perm war der gut einen Meter lange Pflanzenfresser Dicynodon lacerticeps weit verbreitet - doch die Zukunft sollte ihm nicht gehören.
    foto: marlene donnelly, field museum of natural history, chicago, usa

    Entfernter Verwandter der Säugetiere: ein Anomodontier. Am Ende des Perm war der gut einen Meter lange Pflanzenfresser Dicynodon lacerticeps weit verbreitet - doch die Zukunft sollte ihm nicht gehören.

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