"Faceless": Verhüllt im Kampf für Freiheit

15. August 2013, 17:14
1 Posting

Eine Ausstellung im Museumsquartier spürt dem Phänomen der Gesichtslosigkeit nach

Wien - Profil zeigen, das bedeutet auch für seine Ziele, Meinungen und Rechte einstehen. Dass dieses Profil im 21. Jahrhundert jedoch im wahrsten Wortsinn gesichtslos ist, wird durch Protestbewegungen wie Occupy sichtbar: Dank der V for Vendetta-Masken entstand die Masse der "Anonymous". Auch die Aktivistinnen von Pussy Riot trugen Strick-Sturmhauben. Verhüllt im Kampf für Freiheit! Ein Paradox?

Den Ausgangspunkt für diesen Gesichtsverlust ortet Künstler Bogomir Doringer, Artist in Residence im Museumsquartier, in 9/11 und dessen soziopolitischen Folgen. Mit dem Kampf gegen den Terror argumentiert, steigerte sich auch Kontrolle und Erfassung des Einzelnen. Doringers gewagte, aber interessante wie verfolgenswerte These: Je mehr der Wert der Gesichtserkennung steigt, umso größer wird der Trend, das Gesicht dem öffentlichen Blick zu entziehen, es abstrahiert darzustellen.

Faceless heißt die daraus entstandene Ausstellung, die Indizien dieses Phänomens in Kunst, Mode und Pop sammelt: David Bowies Gesicht ist am neuen Album hinter einem Quadrat versteckt. Entgegen den Kompositporträts von Arcimboldo wird bei Zachari Logan in Kraut und Gemüse kein Gesicht sichtbar, sondern es verbirgt sich. Auch die Burka ist Thema der Schau, die sich im zweiten Teil (ab 27. 9.) auch wissenschaftlichen Ausblicken auf die Neuerfindung des Privaten widmet.

Wenn das Subjekt jedoch zum Köper und dieser zum Objekt, zum sexualisierten Fetisch wird, dann ist jene Intimität, die sich durch den Blick in die Augen - die sprichwörtlichen Fenster zur Seele - einstellt, oft nicht gewollt. An dieser Stelle wird die mit Bildern gestützte These, die "instabilen Identitäten" würden sich nach einer Rückkehr zur Maske sehnen, brüchig. Die Fantasie des von Gesicht und Identität getrennten Körpers fand bereits lange vor 9/11 ins Bild. Man denke etwa an Fotografien Man Rays, an den zum Pfirsich stilisierten Popo oder den berühmten Rückenakt Le Violon d'Ingres (1926). Rays L'Énigme d'Isidore Ducasse (1920), ein unter einer Wolldecke verschnürter Körper, scheint hingegen für die auf Satin gegossene Blondine Bryce aus der Serie Big Rock Candy Mountains (Nienke Klunder) Pate gestanden zu haben.

Ein Stillleben aus Knien, zu Blüten verknäulte, zum Ornament gebogene Körper, Hügellandschaften aus wohlgeformtem "Sitzfleisch", wie sie der chinesische Fotograf Ren Hang festhält, verweisen hingegen auf die Praxis von Nobuyoshi Araki, der über sich selbst sagt, er versuche, allen Dingen des Alltags mit einem sexualisierten Blick zu begegnen.

Auch die zwecks Größenvergleichs mit Duschgelflaschen und Zahnpastatuben ins Bild gerückten erigierten Penisse wollen kein Gesicht: Es sind Digitalkameras und das Internet, die diese Formen der Inszenierung spielend leicht gemacht haben.

Vielleicht wird es irgendwann einmal wirklich so, wie in Manu Lukschs Film Faceless, der nur aus Material aus Überwachungskameras besteht: In einer Gesellschaft, in der alle gesichtslos sind, gerät eine Frau in Panik, als sie eines Tages mit Gesicht erwacht. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 16.8.2013)

Bis 1. 9.

  • In Mustafa Sabbaghs inszenierten Fotografien ist das sexualisierte Rollenspiel - mit oder ohne Gesicht - Hauptmotiv. 
    foto: mustafa sabbagh

    In Mustafa Sabbaghs inszenierten Fotografien ist das sexualisierte Rollenspiel - mit oder ohne Gesicht - Hauptmotiv. 

Share if you care.