Großrazzia im Hippie-"Freistaat"

1. August 2003, 20:49
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Dänische Polizei will dem bisher tolerierten "freien" Handel mit Haschisch im Christiania-Refugium den Garaus machen

Kopenhagen - Die dänische Polizei will dem bisher tolerierten "freien" Handel mit Haschisch in dem seit mehr als 30 Jahren in Kopenhagen besetzten Kasernengelände "Freistaat Christiania" nun den Garaus machen. Wie die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten am Mittwoch berichtete, hat die Polizei einen entsprechenden Einsatzplan fertig gestellt.

Wann die Großrazzia stattfinden soll, will die Polizei allerdings nicht verraten. Ein Sprecher der Polizei sagte der Zeitung, es werde sich um eine umfassende Aktion mit großer Einsatztruppe handeln, bei der das Gelände vorher abgeriegelt werden soll, um allfällige zuströmende Demonstranten fern zu halten.

Nach der Razzia soll der "Freistaat" weiter rund um die Uhr durch 30 bis 60 Beamte kontrolliert werden, bis das Gelände "gesetzeskonform" geworden ist, heißt es in Jyllands-Posten. Die Polizei sei sich darüber im Klaren, dass sich der illegale Drogenhandel in Kopenhagen danach neue Kanäle erschließen werde.

Dauerbesetzung

Vor zwei Jahren feierten die knapp tausend Bewohner des "Freistaats" den 30. Jahrestag der Gründung. Am 26. September 1971 hatten mitten im Zentrum von Kopenhagen junge Leute ein verlassenes Kasernengelände in Besitz genommen und zu einem in Europa beispiellosen sozialen Experiment umgestaltet. Es gab zahlreiche Gerichtsprozesse und andere Anläufe von Politikern, der ungeliebten Dauerbesetzung ein Ende zu bereiten.

Dem zum Trotz hat sich der auch vom Autoverkehr freie "Freistaat" stets halten können und gilt heute schon als unverzichtbare Touristenattraktion; obwohl in den ersten Jahren die Bewohner (damals waren es noch mehrere Tausend) keine Steuern zahlten, der Polizei weit gehend erfolgreich den Zutritt verwehrten und ihr Zusammenleben fast vollständig autonom regelten. Heute sind die meisten Kleinbetriebe ebenso legalisiert wie die Mietverhältnisse.

Harte Drogen

Als Problem galt die zeitweilige Ausbreitung des Handels mit "harten" Drogen. Dieses Problem wurde von den Bewohnern ebenso selbst gelöst wie der Zulauf gewalttätiger Hell's Angels. Sie mussten ihre Positionen räumen, nachdem die Polizei im Boden eines Christiania-Lokals die einbetonierte Leiche eines von Rockern ermordeten Mannes gefunden hatte.

Das offizielle Kopenhagen hat den "Freistaat" längst als Teil des Hauptstadtalltags akzeptiert. Die Polizei aber klagt immer wieder über massive Gesetzesbrüche in der "Pusher Street", dem Kopenhagener Zentrum für illegalen Handel mit Haschisch.

Das Christiania-Kollektiv selbst ist immer noch bunt, aber offensichtlich auch auf sich selbst zentriert: Trotz der Meldungen über die nahende Razzia enden auf ihrer offiziellen Homepage die dort formulierten "Ziele für die Zukunft" mit Eintragungen zum 25. Bestandsjubiläum. Das war 1996. (APA, kps, DER STANDARD Printausgabe 31.7.2003)

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