Kogelbauer im STANDARD-Interview: "In Wirklichkeit rationieren wir ja schon"

1. August 2003, 17:21
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Die Vizepräsidentin der Ärztekammer Wien, hält die Idee, dass Ökonomen definieren, wie sie Patienten behandeln soll und darf, für Horror

Standard: In die Gesundheitsreform kommt Bewegung. Was sagen Sie als Ärztin dazu?

Kogelbauer: Die Debatte ist für mich falsch aufgezäumt. Jedem ist bewusst, dass man aus dem Gesundheitssystem keinen Euro herausholen wird. Es klingt immer so, dass wir alle sparen müssen. Im Gesundheitsbereich ist allen bewusst, dass wir hineininvestieren müssen.

Standard: Wie drängend ist denn das Problem?

Kogelbauer: Wir müssen jetzt die Entscheidung treffen, ob wir den gesamten medizinischen Fortschritt und unser tolles System erhalten wollen oder ob wir es spalten wollen.

Standard: Soll in Zukunft jeder Patient Anspruch auf jede noch so teure Operation haben?

Kogelbauer: Ja, ja und nochmals ja. Nur der Arzt muss entscheiden – gemeinsam mit dem Patienten. Ist er dafür geeignet, bringt ihm das noch etwas? Eine Entscheidung nach rein ökonomischen Kriterien wäre der helle Wahnsinn.

Standard: Es gibt viele, die sagen, wir haben schon jetzt eine Zweiklassenmedizin, weil nicht jeder die gleiche Behandlung bekommt.

Kogelbauer: Also da wehre ich mich dagegen. Aber dass Sie Wartezeiten reduzieren können, wenn Sie zusatzversichert sind, das ist Realität. Nicht bei der Transplantation. Aber wenn es um ein neues Knie oder eine neue Hüfte geht, macht es einen Unterschied, ob Sie zusatzversichert sind oder nicht – beim Warten. Bei der Entscheidung, ob man eine Leistung kriegt oder nicht, sind alle gleich.

Standard: Nur beim Warten sind offensichtlich ein paar "gleicher"?

Kogelbauer: Ja, auf der Warteliste sind nicht alle gleich. Aber da genügt es auch, wenn ein Politiker anruft und Tempo macht.

Standard: Ist Rationieren unausweichlich?

Kogelbauer: Auch diese Debatte wird falsch geführt, denn in Wirklichkeit tu ich so etwas ja schon. Nehmen wir das aktuelle Beispiel mit Kardinal König. Wenn das ein 98-jähriger Patient ist, der seit Jahren auf einer Bettenstation ist, seit Jahren nicht weiß, wie er heißt, und dann aus dem Bett fällt, kriegt der niemals eine neue Hüfte. Warum auch? Der steht sowieso nie wieder auf. Diese Entscheidung trifft ein Arzt jeden Tag.(DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2003)

Das Interview führte Lisa Nimmervoll
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    Gabriele Kogelbauer (56), Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer, absolvierte ihre Matura extern und promovierte 1975. Die Tochter eines Gemeindearztes ist seit 1975 in der Krankenanstalt Rudolfstiftung tätig. Die Anerkennung als Fachärztin für Innere Medizin erhielt sie 1982, 1994 zusätzlich für das Fach Gastroenterologie. Seit zehn Jahren engagiert sich Kogelbauer standespolitisch für Spitalsärzte, seit 1999 ist sie in der Ärtzekammer für Wien und Österreich aktiv. Kogelbauer ist Mutter zweier Kinder und verheiratet. (sfm)

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