Gesundheitswesen soll im Herbst unters Reformmesser kommen

3. August 2003, 09:52
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Die Grundsatzfrage lautet: Wie viel wollen wir uns als solidarische Gesellschaft in Zukunft gemeinsam und für alle leisten und was nicht?

Die Schreckensvision in der Gesundheitspolitik heißt "Rationieren" von medizinischen Leistungen: Nicht jeder Patient würde dann jede noch so teure Operation bekommen – etwa weil er zu alt ist (so praktiziert in Großbritannien).

Österreich rühmt sich noch, jedem Patienten die medizinische Leistung zukommen zu lassen, die er oder sie braucht. "Jeder Patient soll das bekommen, was medizinisch notwendig ist und wofür es einen Wirkungsbeweis gibt, und das möglichst günstig", umreißt Klaus Klaushofer, beratender Arzt des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger und ärztlicher Direktor des Wiener Hanusch-Krankenhauses, die grundsätzliche Linie der Sozialversicherung.

Die Verteilung oder Nichtverteilung von medizinischen Ressourcen laufe in Österreich "eher nach medizinischen Grundsätzen. Wir haben derzeit eigentlich keine Ressourcenbegrenzung, wo man sagen würde, ein über 65- Jähriger bekommt keine Hüfte mehr." Auch, so Klaushofers Beispiel, ein Alkoholiker hat seine Gesundheitsrisken durch die öffentliche Sozialversicherung abgedeckt. "Das Solidarsystem erbringt die gesamten Leistungen."

Auf der anderen Seite müssen Ärzte aber schon jetzt auch die Entscheidung treffen, bestimmte Operationen nicht durchzuführen – nicht, weil sie zu teuer ist, sondern weil ein unheilbarer Patient etwa von einer Operation keinen Zugewinn an Lebensqualität hat, sondern ihm durch Palliativmedizin (Schmerztherapie, Pflege) mehr geholfen ist, erklärt Klaushofer. Das Entscheidungskriterium dürfe aber immer nur "ökonomische und ethische Vernunft im Interesse des Patienten auf Basis des prinzipiell verfügbaren Behandlungsspektrums sein und nicht eine von vornherein festgelegte Ressourcenbegrenzung", so der Arzt im Gespräch mit dem Standard. Er spricht sich klar "für gemeinsam erarbeitete Leitlinien, was gut ist und was geht, aus. Wir müssen einen Konsens finden, was solidarisch finanziert werden soll und was nicht." Einfach Mittel zu kürzen und die Spitäler vor vollendete Tatsachen zu stellen hätte den fast zwangsläufigen Effekt, dass dann rationiert werde, indem z. B. ältere Patienten eben nicht aufgenommen werden: "Wenn man Kapazitäten von oben einschränkt, dann ist das schleichende Rationierung durch Ressourcenbegrenzung."

Tatsache ist aber, dass vor allem ältere Patienten die Auswirkungen von beschränkten Kapazitäten schon jetzt zu spüren bekommen – aber wiederum nicht so sehr, weil ihnen eine Behandlung wegen des Alters vorenthalten wird, sondern weil sie sie schlicht später bekommen, dann nämlich, wenn halt ein Platz frei ist. Michaela Moritz, Chefin des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG), formuliert es vorsichtig: "Es gibt gerade in der Orthopädie Schnittstellen, wo ältere Patienten nicht entsprechend schnell in die postoperative Nachsorge kommen, weil sie nicht in entsprechendem Ausmaß zur Verfügung steht." Will heißen: Junge kommen schneller zum Zug.

Damit zusammen hängt das Problem der überbelegten (teuren) Akutbetten, aus denen remobilisierungsbedürftige Senioren nicht herauskommen, weil es die Akutgeriatrie für ältere Menschen nicht in dem Umfang gibt, der dringend notwendig wäre. Dementsprechend meinte Kanzler Wolfgang Schüssel: Nicht die Schließung von Spitälern, sondern die Umwandlung von Akut- in Pflegebetten sei vorrangig.

Die Statistik gibt ihm Recht: "Eine Million mehr alte Menschen bis 2050 kann für das Gesundheitssystem nicht ohne Folgen bleiben", sagt Josef Kytir, Demograf bei der Statistik Austria. Der Bedarf an Pflegestationen steige unweigerlich, das Gesundheitswesen werde schlicht mehr Klienten zu versorgen haben.

"Ja, hier gibt es Lücken", dafür an anderen Stellen kostspielige "Doppelgleisigkeiten und Parallelangebote", die endlich beseitigt gehören, betont ÖBIG-Chefin Moritz. Bevor aber ans Rationieren gedacht werde, müsse man "vorhandene Rationalisierungsreserven im System nutzen".

Warten auf ein Organ

Ein besonders sensibler, dafür aber sehr "transparenter und offener" Bereich ist die Transplantation: Auf der "Eurotransplant"-Warteliste (Benelux-Staaten, Deutschland, Slowenien, Österreich) gebe es "keinerlei Rationierung", sagt ÖBIG-Transplantationsexpertin Theresia Unger. Ein Computersystem legt nach genauen Verteilungskriterien und einem Punktesystem fest, wer wo gereiht wird. 2002 bekamen 782 Österreicher ein fremdes Organ. Manchmal kann aber auch die gerechteste Warteliste zu lang sein: In den letzten sechs Jahren sind 500 Österreicher auf der Eurotransplant-Liste gestorben.(DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2003)

Von Lisa Nimmervoll und Stefan Maier
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