Wehrmacht, Demo, Widerstand

1. August 2003, 14:17
34 Postings

Nach dem Neonazi-Marsch auf der Kärntnerstraße vom vergangenen April findet nun ein Prozess statt: gegen Gegendemonstranten

Wien - Im April 2002 zogen Skinheads durch die Kärntnerstraße und brüllten Naziparolen - ihr Kommentar zur Wiener Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht. Ein Rechtsradikaler wurde in der Folge wegen NS-Wiederbetätigung bedingt verurteilt, alle anderen Verfahren wurden eingestellt.

Es gab aber auch eine Gegendemonstration, bei der Eier und Blechdosen flogen. Das sprengte die an sich friedlich-bizarre Sieg-Heil-Idylle. - Die Polizei sah sich gezwungen einzuschreiten. Drei der Gegendemonstranten sind wegen "versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt" seit fast einem Jahr angeklagt. Der Prozess ist nämlich, was die polizeilichen Zeugen anlangt, äußerst schlecht besucht und muss zum dritten Mal vertagt werden. Das ärgert sogar den für diesen Fall besonders spezialisierten Richter Hans-Peter Januschke, der sich selbst als "Nationaler" bezeichnet. Wenn die Polizei so weitermacht, könnte bei ihm noch ein Gesinnungswandel eintreten. Denn das Beweismaterial ist unbrauchbar, auf dem Videoband sieht man nur von Wasserwerfern getroffene Demonstranten. "Wie die sind, wenn sie nass sind, interessiert mich nicht", sagt der Richter.

"Es war damals ein Riesentumult, lauter gewalttätige Demonstranten zum Teil, das war schwer zu filmen", entschuldigt sich der einzige Polizist, der erschienen ist. "Mich interessieren die Tätlichkeiten der drei", poltert Januschke. - Der Zeuge kann sich leider nur an einen davon erinnern. "Wir haben ihn entfernt, damit nicht wieder ein Tumult herauskommt. Er war aber überhaupt nicht interessiert, dass er an der Amtshandlung teilnimmt."

"Was hat er geworfen?", will der Richter wissen. "Baulatten." Wie viele? - "Eine." Woher stammt die? - "Die gibt's überall, Wien ist ein Bauland." Wie hat er die über die zwei Meter hohe Absperrung geworfen? - "Wenn man so eine Latte nimmt und sie übers Burgtor schmeißt, fällt sie halt rüber." Hat sie wen getroffen? - "Das weiß ich nicht, dazu war ich zu weit weg", erklärt der Polizist. Der Prozess geht im Oktober weiter. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2003)

von Daniel Glattauer
Video
Skinheads auf der Kärntner Straße
Mit Parolen durch die Wiener Innenstadt: Die rechte Kundgebung vom 13. April 2002 als Videostream
Share if you care.