Helfen können, wollen und dürfen

15. August 2013, 11:00
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Krieg und Flucht haben ihren Bildungsweg unterbrochen. In Bregenz werden Frauen aus Tschetschenien im Deutschkurs auf ihre Ausbildung als künftige Pflegekräfte vorbereitet. Jutta Berger hat zugehört

Eine frühere Arztpraxis in der Bregenzer Montfortstraße: Das Wartezimmer wurde zum Lernraum. Dort sitzen fünf Stunden täglich 13 Frauen in langen Röcken und Kleidern, auf dem Kopf ein Tuch bäuerlich im Nacken gebunden oder in islamischer Tradition als Hijab. Die Frauen sind auf dem zweiten Bildungsweg. Der Krieg hat ihre Bildungs- und Berufslaufbahn jäh unterbrochen, ihre Existenz in Tschetschenien zerstört. In Österreich haben sie eine neue Heimat gefunden, aber noch keine Möglichkeit, ihren Qualifikationen entsprechend zu arbeiten. "Einen Beruf zu erlernen, Arbeit zu finden sind die wichtigsten Perspektiven von Asylberechtigten", sagt Margit Paier, Bereichsleiterin Sprache und Integration im gemeinnützigen Verein menschen.leben. Der Verein bietet österreichweit Deutschkurse für anerkannte Konventionsflüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte an.

In Vorarlberg hat die Sprachtrainerin Barbara Pristovnik, die auch Integrationsprüfungen abnimmt, ein ganz spezielles Kursdesign entwickelt. Frauen, die einen Pflegeberuf erlernen wollen, bekommen in einer dreimonatigen Ausbildung Fachvokabular vermittelt. Durch Exkursionen und Schnuppertage in Krankenhäusern, Altenheimen und beim Roten Kreuz lernen sie die Praxis kennen. Pristovnik: "Österreich braucht Pflegekräfte, und hier sind qualifizierte und hochmotivierte Frauen, die in diesem Bereich arbeiten möchten."

Die Idee klingt einfach, die Umsetzung ist schwierig - auch wenn man, wie einige der Kursteilnehmerinnen, ein medizinisches Studium hat oder in der Heimat bereits als Krankenschwester tätig war. "250 Fragen muss ich bis Dezember lernen", sagt Luisa Akhmadova, deren Nostrifizierungsverfahren von Barbara Pristovnik in die Wege geleitet wurde. "Eigentlich muss ich das ganze Studium noch einmal machen", seufzt die 30-jährige Medizinerin. Sie wird's versuchen, "auch wenn ich es nicht beim ersten Anlauf schaffe". Dann will Akhmadova die Fachausbildung zur Gynäkologin beginnen.

Als Krankenschwester und Psychologin für Migranten möchte Seda Sajdulaeva arbeiten. Vorausgesetzt, das Psychologiestudium der 35-Jährigen wird anerkannt. Durch den Deutschkurs ist sie nun motiviert: "Ich werde es probieren, auch wenn die Prüfungen schwierig sind", sagt die Mutter von Zwillingen. Andere im Kurs bringen zwar keine Fachausbildung aus der Heimat mit, aber Erfahrung im Umgang mit alten Menschen: "Ich bin gerne mit alten Menschen zusammen, weil ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin", sagt die eine. "Ich habe meine kranke Mutter gepflegt", eine andere. Für drei Kursteilnehmerinnen ist der Beruf Altenpflegerin ein Herzenswunsch.

Herzenswunsch Altenhilfe

Luisa Zachaeva, die 25-jährige Mama von vier Kindern, will die Ausbildung trotz Großfamilie schaffen. Taisa Satueva (48) weiß, dass sie "noch viel lernen muss". Im Kurs hat sie "zwei persönliche Dolmetscherinnen, die neben mir sitzen". Mit ihnen will sie auch gemeinsam die einjährige Heimhilfeausbildung machen. Als Einzige hat Raissa Umarova bereits in der Altenbetreuung gearbeitet. "Ich habe in Schruns drei Jahre lang eine alte Frau betreut, das war eine sehr schöne Arbeit." Nach der Ausbildung als Heimhelferin will sie wieder als Personenbetreuerin arbeiten.

Information über die Ausbildungsmöglichkeiten ist ein wesentlicher Teil des Kurses. Pristovnik holt Expertinnen und Experten zu Vorträgen oder besucht mit den Frauen Ausbildungseinrichtungen. Geht es um den künftigen Beruf, wird es sehr lebendig im Kurs. Fragen über Fragen hat beispielsweise Andrea Plut-Sauer von Connexia, dem Verein zur Förderung der Gesundheit und Pflege, zu beantworten. Welche Ausbildung ist besser, die ein- oder die dreijährige? Oder doch lieber nur ein dreimonatiger Kurs? Die meisten möchten eine kurze Ausbildung, wegen der Kinder. Und weil es ihnen wegen der Deutschkenntnisse noch an Selbstvertrauen fehlt.

Die Referentin macht den Frauen Mut: "Sie haben ein großes Plus, die Zweisprachigkeit. Das ist eine Bereicherung, ein großer Schatz. Gerade im Altenbereich. Immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund werden pflegebedürftig." Pristovnik verstärkt: "Die Österreicher brauchen euch." Die Referentin rät den Frauen, sich die Ausbildungsvarianten genau anzuschauen. Die kurze Heimhilfeausbildung sei für ältere Frauen als Einstieg gut. "So einen Kurs zu absolvieren stärkt das Selbstwertgefühl." Anstreben sollten die Frauen aber eine qualifizierte Ausbildung. "Nur wer gut ausgebildet ist, verdient auch gut." Aber was tun mit den Kindern? Plut-Sauer verweist auf den Abendkurs. Anstrengend, aber das Problem mit der Kinderbetreuung wäre gelöst.

"Um zu testen, ob man einen Pflegeberuf auch psychisch erträgt", sollte man ein Schnupperpraktikum machen, rät die Pflegeexpertin. Aber wie findet man eine Praktikumstelle? Referentin und Trainerin motivieren zur Eigeninitiative. Schrecken lösen die Ausbildungskosten aus. 2.300 Euro für die einjährige Heimhilfeausbildung, wie soll man das schaffen? "Meine vier Kinder sind alle in Ausbildung, wie ich das Geld aufbringen kann, weiß ich noch nicht", sagt Larissa Ascharova (45). Die Fachfrauen versprechen weitere Informationen zu Finanzierungshilfen.

Bis 2025 werden 22.500 zusätzliche Pflegekräfte gebraucht. 294.000 Menschen arbeiten in Österreich in Gesundheitsberufen, 18 Prozent davon haben einen Migrationshintergrund, berichtete kürzlich das Rote Kreuz. "Ohne die Frauen und Männer mit Wurzeln in anderen Ländern würde unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps stehen", sagt Katharina Pils, Chefärztin des Roten Kreuzes. (Jutta Berger, DER STANDARD, CURE, 14.8.2013)

  • Erste Hilfe für den Alltag. Einen halben Tag ihres Deutschkurses verbringen die künftigen Pflegekräfte beim Roten Kreuz.
    foto: dietmar stiplovsek

    Erste Hilfe für den Alltag. Einen halben Tag ihres Deutschkurses verbringen die künftigen Pflegekräfte beim Roten Kreuz.

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