Gerontologe: "Altwerden ist ein lebenslanger Prozess"

Interview14. August 2013, 12:02
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Dabei kommt es auf die innere Einstellung zum Leben an, sagt Gerontologe Andreas Kruse

Der Gerontologe Andreas Kruse über Ängste, die Relativität der Zeit und die Stärken der späten Jahre.

STANDARD: Bis zu welchem Lebensjahr wird Älterwerden eigentlich als etwas Positives empfunden?

Kruse: Altern ist ein kontinuierlicher Prozess über die gesamte Lebensspanne. Der Organismus ist einem Gestaltwandel unterworfen, strukturiert sich immer wieder um. Wir sollten also Altern nicht an einem bestimmten Lebensalter festmachen. Vielmehr unsere Einstellung. Dies ist insofern bedeutsam, als wir durch unser Verhalten, unsere Lebensbedingungen und unsere Aktivität in hohem Maße gestaltend wirken können. Wenn wir Altern als lebenslangen Prozess begreifen, dann sehen wir uns schon in frühen Jahren motiviert, Einfluss auf diesen Prozess zu nehmen.

STANDARD: Ist Altern Abbau?

Kruse: Altern kann in verschiedenen Dimensionen betrachtet werden. Das körperliche, das seelische, das kognitiv-geistige und das soziale Altern. Körperlich betrachtet ist Altern zunächst ein Prozess der Reifung und Differenzierung, dem eine zunehmende Abnahme der körperlichen Leistungskapazität folgt. Diese Rückbildung lässt sich durch Aktivitäten jedoch deutlich abmildern. Es gibt Studien, die zeigen, dass ein trainierter 70-Jähriger durchaus die gleiche körperliche Kompetenz hat wie der untrainierte 50-Jährige. Eine gute genetische Ausstattung ist die Voraussetzung dafür.

STANDARD: Ist Faulheit genetisch?

Kruse: Nein, aber es kommt bei körperlicher Leistung und Fitness schon auf die Einstellung an. Wer überzeugt davon ist, dass er durch körperliche Aktivität Alternsprozesse positiv beeinflussen kann, dem gelingt das auch, zeigen Untersuchungen. Jedenfalls unterscheiden sich Menschen mit einer derartigen Überzeugung erkennbar von jenen, die sich dem Alternsprozess ausgeliefert sehen.

STANDARD: Gilt das auch fürs seelische und geistige Altern, von dem Sie gesprochen haben?

Kruse: Seelisches Altern ist immer auch als Persönlichkeitsentwicklung zu sehen. Da geht es um das Selbst, den Kern einer Persönlichkeit, der die Themen- und Motivstruktur eines Menschen betrifft. Hier kann der Entwicklungsprozess durchaus über die gesamte Lebenszeit einen Prozess der Differenzierung bedeuten. Die Person findet immer mehr zu sich selbst. Die Voraussetzung ist soziale Teilhabe.

STANDARD: Was genau versteht man darunter?

Kruse: Die Erfahrung, etwas für andere und nachfolgende Generationen tun zu können. Daraus ergeben sich Aufgaben. Sozial Aktive haben Pläne.

STANDARD: Wenn genug Energie da ist ...

Kruse: Mit Blick auf das geistige Altern sprechen wir von möglichen Stärken und Schwächen. Die Stärken liegen in den Wissenssystemen, in reflektierten Erfahrungen und Handlungsstrategien, die bis ins hohe Alter weiterentwickelt werden. Die Schwächen liegen eher in der Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet werden, auch in der Umstellungsfähigkeit. Das Kurzzeitgedächtnis wird schwächer. Hier geht es um lebenslange Bildung als kognitives Training. Neues Lernen kann der Mensch bis ins höchste Alter, auch wenn es länger dauert.

STANDARD: Oft dominiert eher Angst vor Demenz.

Kruse: Angst würde ich nicht sagen, mit zunehmendem Lebensalter stellt man sich halt die Frage, ob man erkranken könnte. Der Anteil der 80-Jährigen, die an Demenz leiden, liegt bei zwölf, bei über 85-Jährigen bei 20 Prozent. Die Sorge ist insofern nicht unbegründet. Doch hohes Lebensalter und Demenz gleichzusetzen wäre ein schwerer Fehler.

STANDARD: Warum eigentlich vergeht die Zeit scheinbar Jahr für Jahr schneller?

Kruse: Vor dem Hintergrund einer hohen Anzahl an gelebten Jahren relativiert sich die subjektiv erlebte Länge eines Jahres mehr und mehr. Durch Aktivität verstärkt sich dieser Eindruck sogar noch. Das Jahr verfliegt. Langeweile verspüren Menschen ohne strukturierten Tagesablauf.

STANDARD: Worin sehen Sie die Gefahren des Alters?

Kruse: In der abnehmenden Elastizität des muskuloskelettalen Systems, denn damit gehen Schädigungen der Gelenke einher. Wenn die Muskulatur abnimmt, geht auch die Anpassungsfähigkeit zurück, deshalb werden Hindernisse gefährlicher. Damit ist eine Abnahme von Beweglichkeit und Kraft verbunden, das sind Bedingungen, damit Menschen nicht stürzen. Mit Blick auf den seelischen und geistigen Alternsprozess ist es ein Risiko, wenn ein Individuum nicht mehr nach neuen Eindrücken strebt, sich zurückzieht, vereinsamt, möglicherweise dadurch eine depressive Störung entwickelt. Offenheit und Kontaktfreudigkeit sind zentrale Größen für Lebenswille und Wohlbefinden, es ist die Bindung ans Leben.

STANDARD: Glauben Sie, dass sich Demenz verhindern ließe?

Kruse: Für die Abbauprozesse in der Nervenzelle wie auch in den Nervenzellverbänden gibt es bis heute keine bewährten Präventionsmaßnahmen. Bevor Alzheimer manifest wird, besteht sie ja bereits zwischen 15 und 20 Jahren. Wir versuchen herauszufinden, welche Ressourcen man in gesunden Lebensjahren aufbauen kann, um mit einer Demenz, so sie ausbricht, besser zurechtzukommen.

STANDARD: Wie sehen Sie die Rolle älterer Menschen in der Gesellschaft?

Kruse: Optimal wäre, wenn noch mehr Initiativen im öffentlichen Raum von Älteren selbst ausgingen. Die soziale Teilhabe wird zumindest in den westlichen Industrieländern immer politischer. Stuttgart 21 oder Anti-Atomkraft: Dagegen demonstrieren viele ältere Menschen, eine bemerkenswerte Form politischer Teilhabe.

STANDARD: Gibt es den Generationenkonflikt?

Kruse: In der Generali-Altersstudie wurden Menschen zwischen 65 und 85 Jahren gefragt, welche Lebensbereiche für sie wichtig sind. Erstaunlicherweise kam heraus, dass die intergenerationelle Solidarität für Ältere einen sehr hohen Wert hat. Es konnte gezeigt werden, dass für Ältere die Generativität ein bedeutsames Motiv ist, das heißt, sie wollen etwas für die Menschheit tun, nachfolgenden Generationen etwas hinterlassen. Es gibt schöne Projekte, in denen sich Ältere für Jüngere einsetzen. Partnerschaft ist ein wichtiger Begriff. Das funktioniert hervorragend. Wenn sich Initiativen wie diese durchsetzen, wird sich die Diskussion um den Generationenkonflikt von selbst erübrigen. (Karin Pollack, DER STANDARD, CURE, 14.8.2013)

Andreas Kruse ist Direktor am Institut für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und war im Winter Gast bei einer Veranstaltung der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA).

  • Artikelbild
    foto: derstandard/christian fischer
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