Gspritzter süß

15. August 2013, 16:47
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Das Dilemma mit dem hantigen Geschmack, oder: Die Entscheidungsphobien der Limowein-Konsumenten


Pro: Mittel zur Sozialisation
Von Christoph Winder

Die rechtzeitige Gewöhnung des Jugendlichen an eine zünftige Zechdisziplin ist ein Grundstein des durchschnittlichen österreichischen Sozialisationsgeschehens. Keine einfache Aufgabe. Die Erfahrung lehrt, dass der Mensch im frühen Lebensalter meist eine Aversion gegen all jene Geruchs- und Geschmacksnoten hat, die dem ausgewachsenen Schluckspecht lieb und teuer sind: Die Bittertöne, die prägnanten hopfigen Aromen oder die resche Teakholznote im Abgang.

Zum Glück hat uns die Alkopop-Industrie gelehrt, wie man sich elegant aus diesem Dilemma pantscht: indem man den Geschmack des Hochprozentigen durch die Zugabe von allerlei Süßgeschlader bis zur Unkenntlichkeit camoufliert. Dasselbe Prinzip empfiehlt sich auch beim Wein: Einfach ein feines Zitronenkracherl in den hantigen Burgunder gießen, und sofort funktioniert der Abgang wie ein Glöckerl. Gut so. Man will schließlich ordentlich geeicht sein, wenn man sich in späteren Jahren auf den Weg zum Heurigen oder zum Hepatologen macht.

Kontra: Kompromisstrinken
Von Ljubisa Tosic

Man kann Bananen in Ketchup tauchen, darf einen Eiskaffee pfeffern oder Pommes mit Schlagobers eindecken. Denkmöglich ist auch, Toasts mit Bananenscheiben und Erdnussbutter kompilieren zu lassen, was Elvis zur Freude seines Speckgürtels auch ausgiebig tat. Im Übrigen war schon Jazzmusikern zu begegnen, die ein Glas anlachten und baten, selbiges zur Hälfte mit Milch und zur anderen Hälfte mit Whiskey anzufüllen. Unendlich ist fürwahr die Vielfalt der Menschennatur!

Im obigen Kontext wirkt die Kombination aus Wein und Limo, also ein Gspritzter süß, harmlos. Andererseits müssen den Limowein-Konsumenten unbewusst gewisse Entscheidungsphobien plagen. Durch den Versuch, Unvereinbares doch zu einen, ist er im Bereich der Sozialpartnerschaft angelangt, deren Gesellschaftsfrieden stiftende Segnungen zwar unbestritten sind. Aber Kompromisstrinken? Es kann zudem niemand ernsthaft glauben, dass die Sozialpartner beim Heurigen epochale Großentscheidungen mit Limowein herbeigenippt haben. (Rondo, DER STANDARD, 16.8.2013)

  • Im Gegensatz zum gepfefferten Eiskaffee mutet der mit Zitronenkracherl gepanschte Burgunder vergleichsweise harmlos an.
    illustration: andrea maria dusl

    Im Gegensatz zum gepfefferten Eiskaffee mutet der mit Zitronenkracherl gepanschte Burgunder vergleichsweise harmlos an.

  • Artikelbild
    foto: archiv von nika zupanc
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