Donauradweg-Tour: Strapaze zwischen Kraftwerk und Au

Reportage14. August 2013, 05:30
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Er ist ein Dauerbrenner, nicht nur in den Waden: Der Donauradweg nach Belgrad gibt sich nicht immer abwechslungsreich. Die verbauten Abschnitte lassen den Wert naturbelassener Auen erkennen

Belgrad/Wien - "Scheiß Gegenwind" steht da. Und "I want your blood" neben der comichaften Zeichnung einer Gelse. Daneben Namen und Jahreszahlen. Und Ziele: Novi Sad. Constanta in Rumänien. Hong Kong (!). Und immer wieder das Schwarze Meer. So gut wie jeder, der mit dem Fahrrad den Donauradweg entlangfährt und ein paar Radtage über Budapest hinauskommt, kommt an dieser Unterführung vorbei, auf deren Mauern sich bereits zig Pedaltreter verewigten.

Sie waren nur wenige Tage unterwegs oder tourten viele Monate. Sie litten vielleicht auch unter der Hitze und den Gelsen, unter den kaputten Wegen und dem Verkehr auf den Bundesstraßen. Und sie genossen wohl auch jene Etappen, die durch unberührte Aulandschaften führten, und freuten sich, wenn der Verlauf des Radwegs auch tatsächlich einen Blick auf den Strom freigibt, an dem man sich entlangmüht.

Radcommunity in kleinen Ortschaften

Die Route der Donau entlang gehört zu den beliebtesten Strecken von Radlern weltweit. Pensions- und Hostelbesitzer erzählen stolz von der globalen Radcommunity, Amerikaner, Kanadier, die es in ihre kleinen Ortschaften in der Slowakei oder Ungarn verschlägt. An vielen Orten sind Radler wohl die einzigen Touristen, die die Bewohner zu Gesicht bekommen.

Den Drahtesel die Donauwindungen entlang bis nach Budapest, Belgrad oder ans Schwarze Meer zu schinden, bedeutet auch, dass sich Etappe für Etappe ganz von selbst ein Porträt eines vielfältigen und geschichtsträchtigen Naturraums zusammenfügt. Das beginnt in den Donauauen nach Wien mit seinen Dammwegen, wo, zumindest in der Dämmerung, nur mehr die Geschwindigkeit gegen die Gelsenwolken hilft, durch die man sich durcharbeitet.

Ein paar Stunden nach Wien, bei Stopfenreuth, wo 1984 mit den Bauarbeiten für das Kraftwerk Hainburg begonnen wurde und das österreichische Umweltbewusstsein Geschichte schrieb, bemüht man sich heute in einem Pilotprojekt um ökologisch verträglichen Wasserbau: Uferrückbau, Uferabsenkung und Stabilisierung der Stromsohle, um die Grundwassersituation zu verbessern. Auch die Situation für den Schiffsverkehr soll durch die Baumaßnahmen verbessert werden.

Monotone künstliche Verbauung

Was passieren kann, wenn der Bauwut freien Lauf gelassen wird, führt keine 100 Kilometer weiter das Kraftwerk Gabcikovo vor Augen: Das Laufkraftwerk, das ein Zehntel des Stromverbrauchs der Slowakei abdeckt, schuf einen Kanal, der zeitweilig bis zu 700 Meter breit ist. So beeindruckend die Größe des Beckens ist, so monoton ist die umliegende künstliche Verbauung gestaltet.

Sobald sich der Freizeittrubel rund um Bratislava verliert, bedeutet das für Radler eine endlos scheinende, schnurgerade Strecke, in der keine Unregelmäßigkeit der Baumreihen, keine kleine Bucht, keine natürliche Zufälligkeit das Auge herausfordern. Einst war hier ein Doppelkraftwerk mit ungarischer Beteiligung geplant. Ungarn zog sich aber zurück, und die damalige Tschechoslowakei baute Anfang der 1990er-Jahre auf eigene Faust ein Kraftwerk, was einen langen Rechtsstreit zwischen den Ländern provozierte.

Erst nach Komárno und ihrer ungarischen Schwesterstadt Komárom gibt sich das Donauufer auf der ungarischen Seite wieder abwechslungsreich. Esztergom, das "ungarische Rom", naht und schickt pittoreske Dörfer, Badestellen und Ausflugsgasthäuser voraus. Das Donauknie hinter Esztergom mit der Burg Visegrád auf erhabenem Felsen ist einer der markantesten Punkte der Reise.

"Einmalige Amazonas-Landschaft"

Die Puszta nach Budapest erfordert dann wieder die Fähigkeit, landschaftliche Eintönigkeit zu ertragen. Endlose Felder, Hitze, kaum Schatten, dafür Dörfer mit vielen Storchennestern, pralle Gärten, Sonnenblumenmeere, Paprika. Manchmal zieht die Landschaft dank perfekten Asphalts pfeilschnell vorbei, dann kommt man dank Erdpiste oder tiefen Sands kaum von der Stelle.

Erreicht man die Fähre in Mohács, ist es nicht mehr weit nach Kroatien. Osijek, die Hauptstadt Ostslawoniens, liegt an der Drava, der Drau, und irritiert damit Donauradler. Mit der nahenden Grenze zu Serbien kommt auch der Bürgerkrieg der 90er-Jahre ins Gedächtnis: Landminen-Warnungen, da und dort noch zerschossene Häuser und der zerbombte Wasserturm von Vukovar zeugen von der Gewalt.

Bei Osijek liegt auch der Naturpark Kopacki rit, für den WWF eine "einmalige Amazonas-Landschaft" ohne Wasserregulierung. 291 Vogelarten sind hier beheimatet. 2011 warnte die Umweltschutzorganisation vor Plänen, die Naturlandschaft durch eine Kanalisierung zu zerstören.

Das Ziel für dieses Mal: Belgrad. Zuvor Novi Sad mit den verwaisten Pfeilern der zerbombten Brücke und seiner Lebensfreude, die im Fall der Radfahrer allerdings von dichten Verkehr und der lang anhaltenden Steigung nach der Stadt sabotiert wird. Immerhin gibt es hier viele Weinbauern. Keine 100 Kilometer mehr. Überquert man dann die Brücke hin zur "weißen Stadt", weiß man, dass die strapazenreiche Reise ein Gewinn ist. Eigentlich möchte man doch weiter, dorthin wo auch die Donau ewig endet: ans Schwarze Meer. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 14.8.2013)

  • Die Qualität der Radwege an der Donau ist unterschiedlich. Manchmal ist es besser, auf einen Feldweg auszuweichen.
    foto: pumhösel

    Die Qualität der Radwege an der Donau ist unterschiedlich. Manchmal ist es besser, auf einen Feldweg auszuweichen.

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