Wiener Secession: Philosophie ohne Zeitökonomie

13. August 2013, 17:57
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Thomas Locher verbildlicht Derrida und das Wesen des Kapitalismus

Wien - "Der König nimmt mir meine ganze Zeit; den Rest gebe ich Saint-Cyr, und wie gern wollte ich sie Saint-Cyr doch ganz geben." So zitiert Jacques Derrida in Falschgeld die Mätresse von Ludwig XIV. Ein Paradox, mit dem der Philosoph seine Überlegungen zur Ökonomie und zur Möglichkeit der Gabe einleitet: "Beginnen wir mit dem Unmöglichen".

Dieser ungläubige Grundton bestimmt auch die Zitate, die der deutsche Künstler Thomas Locher für seine 15-teilige Serie nach Derrida, Small Gift. To Give. Giving. Gift, if there is any ... (J. D.), ausgesucht und handschriftlich kommentiert hat: Rot eingekringelt und mit Fragezeichen versehen etwa "Eine Ware, die kein Objekt wäre?" Oder: "Ist der ökonomische Kreislauf der Wahnsinn, der die Gabe auslöscht?"

Lochers Arbeit, Teil seiner Ausstellung Homo Oeconomicus in der Secession, ist der Versuch einer visuellen Übersetzung Derridas, fügt er doch Bilder von Gesten des Gebens und der Handreichung hinzu. Nicht irgendwelche, sondern solche, die im medialen Kontext erschienen und daher gewissermaßen politisch aufgeladen sind. Aufgeblasen auf Plakatgröße wird der Druckraster extrem. Eine Verpixelung, die diesen Symbolgesten etwas Irreales verleiht.

Auch jene beiden, der Ausstellung den Titel leihenden Animationen Homo Oeconomicus. Der Kredit und Homo Oeconomicus. Das Subjekt der Ökonomie (beide 2013) beschäftigen sich mit Grundprinzipien der Ökonomie und des Kapitalismus und verschränken dabei textliche und bildlich-visuelle Ebene. Im Format eines Filmabspanns (oder Vorspanns) werden das Wesen von Geld, Tausch, Kredit, Zins diskutiert, Begriffe wie Glaube, Glaubwürdigkeit und das Subjekt verhandelt.

Darunter finden sich simple Gleichungen, wie "Das Wesen des Geldes ist Abstraktion", Schlussfolgerungen wie "Der Mensch ist selbst zu einer materiellen Gestalt geworden" oder in ihrer Widersprüchlichkeit herausfordernde Aussagen wie: "Der Homo Oeconomicus ist ein Feind des Staates. - "Der Homo Oeconomicus ist leicht zu regieren."

Das Manko der im Grunde intelligenten, anregenden Arbeit ist leider jenes Schicksal, das sie mit den Spielfilmabspännen im TV teilt: So rasant abgespult, ist höchstens lesen möglich. Reflexion wird der Geschwindigkeit geopfert. Bitte um Zeitlupe! (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 14./15.8.2013)

Bis 1. 9., Katalogpräsentation und Ausstellungsgespräch mit Thomas Locher, ebenfalls 1. 9., 16 Uhr

  • Blick in die Ausstellung des 1956 geborenen deutschen Künstlers Thomas Locher in der Secession: "Homo Oeconomicus. Der Kredit" (links) und "GIOTTO.2.G-W-G" (beide 2013).
    foto: jorit aust

    Blick in die Ausstellung des 1956 geborenen deutschen Künstlers Thomas Locher in der Secession: "Homo Oeconomicus. Der Kredit" (links) und "GIOTTO.2.G-W-G" (beide 2013).

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