Therapie für junge Kriminelle in Salzburg

13. August 2013, 18:26
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Die Mehrheit straffälliger Jugendlicher ist psychisch krank. Kommen sie ins Gefängnis, ist eine kriminelle Karriere wahrscheinlich. Statt der Haft empfehlen Salzburger Jugendpsychiater eine deliktorientierte Therapie

Salzburg -Wenn Jugendliche straffällig werden, seien diese "nicht nur delinquent, sondern auch krank", sagt der Salzburger Jugendpsychiater Leonhard Thun-Hohenstein. Etwa 90 Prozent der jugendlichen Straftäter hätten eine oder mehrere psychische Erkrankungen. In Österreich sind derzeit von rund 9000 Häftlingen drei Prozent unter 18 Jahre, weitere acht Prozent sind junge Erwachsene zwischen dem 18. und dem 21. Lebensjahr.

Würden junge Menschen nach einer Verurteilung nur weggesperrt, so sei dies "der sicherste Weg, erwachsene Straftäter zu erziehen", ergänzt der Ärztliche Direktor der Salzburger Landesnervenklinik (Christian-Doppler-Klinik), Reinhold Fartacek. Dem anfänglichen Schock der Erstinhaftierung folge eine Sozialisation im dissozialen Milieu der Mitinsassen, wo defizitäre Strukturen weiter gelebt und vertieft würden: Machtkämpfe, Unterdrückung, Folter und Demütigung in der Gruppe seien hier keine Seltenheit. Die eigentlich notwendigen "Nachreifungsprozesse" könnten in der Haft so gut wie nie eingeleitet werden.

"Wenig bis gar keinen resozialisierenden Aspekt"

Die Vergewaltigung eines 14-Jährigen in der U-Haft im Mai war jedenfalls der Anlass für politische Diskussionen über die "Qualität'' des österreichischen Jugendstrafvollzuges gewesen. Letztlich habe die Haft "wenig bis gar keinen resozialisierenden Aspekt", fassen die beiden Psychiater Thun-Hohenstein und Fartacek ihr Urteil über den Strafvollzug zusammen.

Die Salzburger Psychiatrie hat daher begonnen, straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen eine deliktorientierte Therapie anzubieten. Vorbild ist die Schweiz.

Dabei stehen aber nicht nur die Täter im Fokus der Mediziner. Der beste Schutz der Opfer wie auch der Gesellschaft als Gesamtes sei die Rückfallprävention, lautet das Credo der Salzburger Mediziner. "Was anfänglich als ethischer Widerspruch erscheinen mag, entpuppt sich als logische Konsequenz", sagt der Jugendpsychiater Thun-Hohenstein zu Vorwürfen eine Täter-Opfer-Umkehr.

Einsperren sei für die Risikoprävention vor allem dann sinnlos, wenn der Jugendliche nach der Haft wieder in das alte Milieu zurückkehre. Dem Anspruch, zukünftige Kriminalität zu vermeiden, werde nicht entsprochen.

Immer eine individuelle Entwicklung

Statt der reinen Bestrafung will die in Salzburg für das Pilotprojekt der deliktorientierten Therapie verantwortliche Oberärztin Belinda Plattner verstehen, welchen Weg der Täter genommen hat und was zum Delikt geführt hat. Es gebe hier immer eine sehr individuelle Entwicklung. Der Bogen der Auslöser spannt sich von schlechten schulischen Leistungen über belastende Familiensituationen bis hin zu körperlichen Erkrankungen. Habe man die individuelle Ausgangslage erkannt, könne gemeinsam mit dem jugendlichen Straftäter daran gearbeitet werden, jene Mechanismen zu durchbrechen, die zu Gewalt-, Sexual- oder Eigentumsdelikten geführt haben. Plattner hat zehn Jahre in den USA und in der Schweiz im Bereich der forensischen Psychiatrie gearbeitet.

Der Ort der Therapie richte sich nach der Schwere der Straftat, erklärt Plattner. Sie könne in Haft ebenso angewandt werden wie in betreuten Wohngemeinschaften.

Aktuell sind in Salzburg vier Jugendliche in dem Therapieprogramm. Meist werden die jungen Straftäter von der Jugendwohlfahrt oder von dem auf Resozialisierungshilfe spezialisierten Verein Neustart an die Klinik verwiesen. Begonnen wird mit einer mehrwöchigen stationären Behandlung, die dann ambulant fortgesetzt wird.

Geringe Kosten

In der Therapie werde versucht, den Teufelskreis zu durchbrechen und dem jugendlichen Täter alternative Möglichkeiten zu zeigen, wie dieser mit Belastungen umgehen könne. Die Erfahrungen seien positiv, die Jugendlichen wüssten genau, "was sie brauchen".

Die Kosten für die Therapie seien im Vergleich zu den Kosten eines jahrelangen Gefängnisaufenthalts rückfällig gewordener Täter gering, betont Thun-Hohenstein. Der Jugendpsychiater hofft, dass ein österreichweites Angebot gemeinsam mit Justiz und Jugendämtern aufgebaut werden kann. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 14.8.2013)

  • In Haft werden Jugendliche zu Kriminellen erzogen, warnen Jugendpsychiater. Der angestrebte Schutz vor weiteren Verbrechen könne so nicht gewährleistet werden.
    foto: robert newald

    In Haft werden Jugendliche zu Kriminellen erzogen, warnen Jugendpsychiater. Der angestrebte Schutz vor weiteren Verbrechen könne so nicht gewährleistet werden.

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