Ein Eissalon in der Gemeinwohl-Matrix

13. August 2013, 18:34
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Müllkonzept und Energiesparen: Wie ein Betrieb ökologisiert wird und auch soziales Bewusstsein bilden kann

Wien - "Bei der Gemeinwohlbilanz haben wir uns wiedergefunden", berichtet Franz Leonardelli. "Da kam alles zusammen." Der Eismacher in der Klosterneuburger Straße in Wien-Brigittenau führt den Salon bereits in dritter Generation der 1900 aus dem Trentino eingewanderten Familie. Er selbst durchlief mit seinem Betrieb schon mehrfach das Programm des ÖkoBusinessPlans - und ist mit der ersten Erstellung einer Gemeinwohlbilanz nun auch gemeinsam mit weiteren Betrieben ein wienweiter Pionier.

Begonnen hatte es mit den üblichen Schritten zur Ökologisierung: Dabei konnten etwa mit einem Müllkonzept und Energiesparmaßnahmen auch Betriebskosten gespart werden. "Aber wir wollten aufzeigen, dass auch das dritte Bein der Nachhaltigkeit gefördert werden kann: die soziale Ebene", erläutert Thomas Hruschka vom ÖkoBusinessPlan.

Wechselseitige Beurteilung

Dabei sind etwa Zufriedenheit, faire Bezahlung und Gesundheit der Mitarbeiter im Fokus. Da geht es etwa auch ganz konkret darum, dass Mitarbeiter mit Kindern auch im Sommer freibekommen. Und dass Mitarbeitern bei der Arbeitsgenehmigung geholfen wird.

Entscheidend sei bei der Gemeinwohlbilanz kein Punkteergebnis - sondern eben der Prozess, das Schaffen von Bewusstsein, erläutert Manfred Kofranek, der als Trainer und Berater diese Entwicklungsschritte begleitete.

Kofranek war es allerdings nicht, der dann am Schluss die Bilanz erstellte: Die Beurteilung von sozialer Gerechtigkeit, Menschenwürde oder Solidarität wurde wechselseitig von drei Betrieben durchgeführt, die bei diesem Wiener Gemeinwohl-Pilotprojekt mitgemacht hatten: Neben dem Eissalon waren dies eine Apotheke und eine Tanzschule.

Selbst- und Fremdbild

Dabei erstellen die Betriebe ein "Selbstbild" zur sozialen Situation im eigenen Betrieb - und ein "Fremdbild" für die anderen Betriebe. Dabei hilft eine "Gemeinwohl-Matrix", bei der alle Beteiligten - von Eigentümern über Mitarbeiter bis zu den Kunden und auch das gesellschaftliche Umfeld - abgefragt werden: Zu Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und Transparenz.

Diese Wahrnehmungen werden dann wechselseitig verglichen und abgeglichen. "Das Entscheidende dabei ist das Sich-auf-den-Weg-Machen", erläutert Kofranek. "Dabei entsteht Bewusstsein für soziale Prozesse." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 14.8.2013)

  • Franz Leonardelli: nachhaltiges Eis in dritter Generation.
    foto: joham

    Franz Leonardelli: nachhaltiges Eis in dritter Generation.

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