Nicht wirklich krank

14. August 2013, 07:00
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Woran liegt es, dass viele Männer so ungern zum Arzt gehen? Vielleicht liegt es daran, dass ihnen niemand aus der "Ich kann fliegen, nichts kann mich besiegen"-Phase heraushilft

Jeder Mann, den ich kenne – mich selbst eingeschlossen – ist oder war bis zu einem gewissen Punkt in seinem Leben ein Vorsorgemuffel und Arzt-Angsthase. Gelegentlich beschleicht mich zwar der Eindruck, dass diese Situation sich allmählich relativiert. Immerhin sind viele Männer auch Jammerläppchen wenn es um Erkältungen und körperliches Unwohlsein geht, so dass ein Praxisbesuch folgerichtig der nächste Schritt sein müsste.

Außerdem schimmert am Horizont ein wohl generationsbedingtes Umdenken auf. Inzwischen "dürfen" Männer auch mal krank sein und für sich ein langes und gesundes Leben beanspruchen. Aber in meinem Bekanntenkreis überwiegen immer noch die klischeehaften Typen: Fortysomethings, die sich wegen einer schweren Grippe nicht behandeln lassen und die Dinge lieber bis zu einer ausgewachsene Lungenentzündung laufen lassen. Mitdreißiger, die auf ihre Nierensteine richtiggehend hinzuarbeiten scheinen, ohne dabei ihre Beschwerden ernst zu nehmen. Studenten, die versuchen, ihr ständiges Herzrasen entweder komplett zu ignorieren oder es als postpubertäre Wachstumsschmerzen abtun. Und Männer, die, wenn sie glauben, sich einen Zeh gebrochen zu haben, erstmal Tante Google fragen, ob Mann mit so etwas "wirklich schon zum Arzt gehen muss", anstatt einfach abklären zu lassen, wie es aussieht und was zu tun ist. Manchmal ertappe ich mich selbst bei diesem sich heranschleichenden Gedanken, dass etwas nur dann wirklich schlimm ist, wenn jemand, der sich damit auskennt, sagt, dass es schlimm ist. So als würde es dadurch buchstäblich erst in den Raum gestellt und neu erschaffen. So als wäre vorher alles in Ordnung.

Woran liegt das? Was haben Männer eigentlich gegen Arztbesuche oder gegen die Option auf ein längeres Leben durch engmaschige Vorsorgeuntersuchungen? Es müsste sich doch inzwischen herumgesprochen haben, dass viele physische und psychische Leiden im Anfangsstadium am wirksamsten zu bekämpfen sind und nicht erst wenn sie bereits dabei sind, den gesamten Körper zu schädigen oder die Seele aufzufressen. Woher kommt diese Hemmschwelle?

Was zu beweisen wäre: die eigene Sterblichkeit

Wenn es um die eigene Gesundheit geht, steigern Männer den Grundsatz "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" zu der Maxime "Stell ich mich dumm, bringt mich nichts um". Männer wollen nicht wissen, wie es ihnen geht. Obwohl sie weder unsterblich noch Maschinen sind, die man im Falle eines Defekts mit den entsprechenden Ersatzteilen umstandslos reparieren kann, leben sie bis zu ihrem persönlichen gesundheitlichen Super-GAU genau so: Als wäre ihnen zwar klar, dass um sie herum alle Menschen sterblich sind, aber ausgerechnet bei ihnen sei das gar nicht so sicher. Die eigene Sterblichkeit muss das Leben Männern erst einmal beweisen. Und auch der Umstand, dass körperliche Schmerzen sich in den meisten Fällen nicht in Wohlgefallen auflösen, sondern Ausdruck eines Zustands sind, der sich durch konsequentes Ignorieren eher verschlimmert als verbessert, wird von Männern ausgeblendet und verleugnet.

Das Reißleinen-Prinzip

Sie glauben nicht an einen 10 Punkte Plan zur allgemeinen Einschätzung und Verbesserung ihres Gesundheitszustandes. Stattdessen glauben Männer an Reißleinen. Wenn etwas bricht, reißt oder abfällt, lassen sie sich eben wieder zusammenflicken. Davon, dass es soweit erst gar nicht hätte kommen müssen, kann für sie gar nicht die Rede sein. Vorher war doch alles noch halbwegs in Ordnung. Vorher hat Mann funktioniert.

Männer leben in diesem Zustand, weil niemand sie aufklärt. Bei Frauen ist das anders. Mit dem Einsetzen der Menstruation werden Mädchen aus informierten Elternhäusern zu einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt geschickt, weil sie dort nicht zuletzt auch die Rezepte für Pillen zur hormonellen Verhütung von Schwangerschaften erhalten. Darüber hinaus werden dort regelmäßig Themen wie Krebsvorsorge, Fertilität und Sexualität besprochen und behandelt. Im besten Fall bietet sich die ÄrztInnen als kompetente GesprächspartnerInnen an, mit denen die Mädchen über die schulische und elterliche Sexualaufklärung hinaus schwierige und schambesetze Themen besprechen können. Im schlechtesten Fall erfahren sie eine Pathologisierung und Problematisierung ihres Körpers sowie den Eindruck, dass es ihnen allein obliegt, sich um das Thema Verhütung zu kümmern.

"Ich kann fliegen, nichts kann mich besiegen"

Wie dem auch sei – für Jungen existiert eine solche Anlaufstelle nicht. Nachdem sie ihrem Kinderarzt oder ihrer Kinderärztin entwachsen sind, gibt es für sie keinen Zusammenhang, keine Notwendigkeit mehr, um sich mit dem eigenen gesundheitlichen Befinden zu beschäftigen. Stattdessen wird Gesundheit vorausgesetzt. Nur jeder vierte Mann jenseits der 45 geht regelmäßig zur Krebsvorsorge. Laut einer Krankenkassenstudie gaben 61 Prozent der befragten Männer auf die Frage, warum sie die Krebsfrüherkennung meiden, an, "dass sie nur zum Arzt gehen, wenn sie wirklich krank sind". 39 Prozent vermeiden eine solche Untersuchung, weil sie ihnen unangenehm ist, 32 Prozent wollen sich nicht mit schlimmen Erkrankungen auseinandersetzen und 29 Prozent tun es einfach nicht.

Diese Ergebnisse zeigen Männer, die augenscheinlich mit dem Gedanken sozialisiert worden sind, dass es neben "wirklich" krank auch ein "nicht wirklich" krank sein gibt. Ein Simulieren oder Übertreiben des tatsächlichen Zustands, das als unmännlich in der Selbst- und Fremdwahrnehmung gilt. Also wollen Männer nicht medizinisch betreut, sondern im Fall der Fälle repariert werden. Sie bestehen auf die Möglichkeit, die Reißleine zu ziehen, um bis zu diesem Zeitpunkt ohne große Störungen ein Männlichkeitsbild leben zu können, das auf kindlichen Allmachtsphantasien basiert, denen nie eine erwachsene Verantwortlichkeit für den eigenen Körper gegenübergestellt wurde. Wenn dieser Umstand verändert werden soll, wird es in Zukunft nicht nur darauf ankommen, dass Vorsorgeangebot für erwachsene Männer zu erweitern, wie es die Stiftung Männergesundheit zurecht regelmäßig fordert, sondern es wird auch darum gehen müssen, zu einem viel früheren Zeitpunkt männlichen Jugendlichen aus dieser "Ich kann fliegen, nichts kann mich besiegen" Phase herauszuhelfen. Vielleicht sogar mit Männerärzten.

Denn mit viel Glück mindert das Ziehen einer Reißleine den Aufprall auf den Boden ab – mehr aber auch nicht. Mit weniger Glück schlägt Mann mit voller Wucht auf und erholt sich nie wieder von Dingen, die vor geraumer Zeit noch beinahe mühelos in den Griff zu bekommen gewesen wären. Mann, das wäre doch echt schade – oder? (Nils Pickert, dieStandard.at, 14.8.2013)

  • Vorsorgeuntersuchungen sind für viele Männer kein Thema: Sie gehen nur zum Arzt, wenn sie "wirklich krank" sind.
    foto: apa/dpa/soeren stache

    Vorsorgeuntersuchungen sind für viele Männer kein Thema: Sie gehen nur zum Arzt, wenn sie "wirklich krank" sind.

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