Krank in Europa

15. August 2013, 21:05
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Theoretisch sind Europäer auf Reisen dank Europäischer Krankenversicherungskarte (EKVK) in der EU krankenversichert - Ein Arztbesuch im Ausland kann alles andere als unkompliziert und muss nicht kostenfrei sein

Die EU macht das Reisen leichter: Bei der Einreise in viele europäische Länder fällt die lästige Passkontrolle weg, auch das Geldwechseln an der Grenze ist ein Erlebnis, das der Vergangenheit angehört. Europäer, die in einer gemeinsamen Union unterwegs sind, haben einen weiteren großen Vorteil: Sie sind EU-weit krankenversichert - der Europäischen Krankenversicherungskarte (EKVK) sei Dank. Diese befindet sich auf der Rückseite der österreichischen E-Card. Konkret gilt die Europäische Krankenversicherungskarte im EU-Ausland, den EWR-Staaten, der Schweiz und auch in Mazedonien.

Sie bewirkt, dass Europäer in diesen Ländern wie Einheimische in der Arztpraxis behandelt werden. Jeder Europäer hat das Recht, im öffentlichen Krankenhaus und bei Vertragsärzten (= "Kassenärzten", die einen Vertrag mit der jeweiligen öffentlichen Krankenversicherung haben) behandelt zu werden. Reisende können also davon ausgehen, dass ihre österreichische Sozialversicherung die Kosten übernimmt, zumindest wenn die Behandlung nicht bis zur Heimkehr warten kann.

Multilaterale Verflechtung

Im Idealfall sieht ein Arztbesuch im EU-Ausland folgendermaßen aus: Wer ein Leiden hat - z. B. einen Hautausschlag, eine Magenverstimmung, Fieber - sucht einen Arzt vor Ort auf. Wichtig ist, dass dieser kein Privatarzt ist, sondern einen Vertrag mit den öffentlichen Versicherungsträgern hat. Die Sprechstundenhilfe wird dann die EKVK auf der Rückseite der österreichischen E-Card annehmen. Als Patient bekommt man von der Abrechnung nichts mit, das machen sich die Versicherungsträger der beiden Länder (Heimatland und Urlaubsland, Anm.Red.) miteinander aus.

Im Informationsfolder des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger steht, die EKVK sei der "Schlüssel zur Versorgung im Krankheitsfall im EU-Ausland". Nicht überall ist der Arztbesuch allerdings völlig unkompliziert und auch nicht immer bargeldlos: Besucht man zum Beispiel in Belgien oder Frankreich eine Arztpraxis, kann es passieren, dass man in Vorleistung gehen muss: "In diesen beiden Ländern gibt es ein Kostenerstattungssystem", erklärt Peter Wieninger vom Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger. Anders als beim Sachleistungssystem, wie man es in Österreich und in weiten Teilen der EU kennt, müssen Patienten hier in Vorleistung treten. Belgier und Franzosen bezahlen in der Ordination und holen sich das Geld von ihrem Versicherungsträger zurück. Alle anderen Europäer müssen das Gleiche tun.

Papierkram nach Rückreise

Im Großteil der EU-Mitgliedsländer gibt es zum Glück ein Sachleistungssystem, das heißt: Der europäische Patient muss vor Ort nicht bezahlen. Die Abrechnung der Versicherungsträger der beiden Länder erfolgt im Hintergrund. Was nicht bedeutet, dass ein Arzt in einem Sachleistungssystem nicht auch einmal Geld sehen möchte: "In Einzelfällen ist nicht auszuschließen, dass ein ausländischer Leistungserbringer, beispielsweise ein niedergelassener Arzt, die Abwicklung mit der EKVK verweigert und auf Barzahlung der erbrachten Leistungen durch Sie besteht", heißt es im Informationsfolder des Hauptverbands.

Den Reisenden bleibt hier nur zu bezahlen, die Rechnung einzureichen und auf Erstattung zu warten. Vonseiten des Hauptverbands wird geraten, allfälligem Groll mit einer Beschwerde Luft zu machen: "Betroffene sollten diesen Vorfall unbedingt melden, damit Lücken im System geschlossen werden können. Wichtig ist, dass Patienten uns die genauen Daten des Mediziners mitteilen", sagt Wieninger. Kommen die Beschwerden gehäuft vor, muss ein Verfahren eingeleitet werden.

Gibt es im Urlaubsland ein Kostenerstattungssystem, folgt nach der Reise sowieso Papierkram. Wichtig ist in beiden Fällen, dass auf der Rechnung ganz genau steht, was gemacht wurde. Auch eine Quittung, die belegt, dass das Geld tatsächlich bezahlt wurde, ist notwendig - damit man überhaupt etwas zurückbekommt. Auf die gesamte Summe haben Patienten leider keine Chance. "Nimmt ein ausländischer niedergelassener Arzt die EKVK nicht, wird die Rechnung wie die eines inländischen Wahlarztes behandelt, und es werden 80 Prozent der jeweiligen Tarifhonorare der Kasse refundiert", heißt es von der Wiener Gebietskrankenkasse.

Manchmal kann es aber auch vorkommen, dass nach dem Urlaub eine Rechnung ins Haus flattert. Dies passiert immer dann, wenn ein Selbstbehalt zu zahlen ist - etwa bei der Behandlung im Spital. Wenn ein Europäer zum Beispiel beim Radurlaub in Schweden stürzt und dort ins Krankenhaus geht, um ambulant behandelt zu werden, wird er ein paar Monate später (!) eine Rechnung nach Hause geschickt bekommen - in der Höhe von knapp fünfzig Euro. Hierbei handelt es sich nicht um eine Nachzahlung, sondern um einen Selbstbehalt, den Schweden und daher auch die Europäer, die auf Besuch sind, zahlen müssen. Achtung: Diese Selbstbehalte weichen von Land zu Land ab, als EU-Reisender zahlt man den jeweils vor Ort üblichen Selbstbehalt, der aber niemals horrend hoch sein wird.

Verbesserungsbedarf

Aufgrund der unterschiedlichen Systeme und Tarife ist es schwierig, Reibungslosigkeit zu garantieren. Erleichterung könnte aber eine bessere Bürgeraufklärung beziehungsweise ein Bürgerservice bringen. Derzeit gibt es keine Stelle, die vor oder während der Reise Auskunft geben könnte, wo sich an der Reisedestination ein Arzt befindet, der einen Vertrag mit der öffentlichen Krankenversicherung hat und daher die EKVK akzeptieren muss.

Besserung ist jedoch in Sicht: Die EU-Richtlinie zur Patientenmobilität (siehe Kasten links), die bis Oktober 2013 umgesetzt sein muss, sieht ganz explizit auch Kontaktstellen vor. (Emliy Walton, DER STANDARD, Cure, 16.8.2013)

EU-Richtlinie

Medizinische Hilfe im Ausland benötigen nicht nur jene, die häufig Urlaub machen oder beruflich verreisen. Für Personen, die an einer seltenen Erkrankung leiden oder im Inland auf einer Warteliste für eine spezialisierte Behandlung stehen, kann eine Behandlung im Ausland eine wertvolle Alternative sein.

Bisher waren die Vorschriften und Regelungen zu Behandlung und Kostenerstattung komplex. Aus diesem Grund wurde 2011 die EU-Richtlinie zur Patientenmobilität beschlossen. Diese stellt klar, dass europäische Patienten ein Recht auf Zugang zu hochwertiger Behandlung im EU-Ausland haben - und Anspruch auf Kostenerstattung. Patienten, die ins EU-Ausland reisen, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen, haben die gleichen Rechte wie die lokale Bevölkerung dort. Allerdings müssen sie in Vorleistung treten und in vielen Fällen eine Vorabgenehmigung durch den heimischen Sozialversicherungsträger anfordern, zum Beispiel bei stationärem Aufenthalt oder bei kostenintensiver oder hochspezialisierter Versorgung.

Die EU-Richtlinie zur Patientenmobilität soll die Zusammenarbeit zwischen den einzelstaatlichen Gesundheitsbehörden erleichtern und für Patienten mehr Transparenz bieten. Eine Maßnahme, die vorgesehen ist: die Errichtung von nationalen Info-Kontaktstellen, die Patienten Auskünfte zur Gesundheitsvorsorge im Ausland geben. Bis 25. Oktober 2013 sollen die nationalen Gesetzgeber die Richtlinie umsetzen. Nicht gesetzlich vorgesehen, aber angestrebt ist die Entwicklung eines "Europäischen Referenznetzes", in dem sich hochspezialisierte Kliniken grenzübergreifend zusammenschließen. Gesundheitstourismus befürchtet man nicht, da Patienten sich Umfragen zufolge lieber im eigenen Land und in der Nähe der Familie behandeln lassen. Derzeit macht grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung in der EU nur ein Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben aus, inklusive Notfallversorgung während des Urlaubs.

  • Österreicher sind EU-weit krankenversichert. Die Europäischen Krankenversicherungskarte befindet sich auf der Rückseite der österreichischen E-Card.
    foto: apa/harald schneider

    Österreicher sind EU-weit krankenversichert. Die Europäischen Krankenversicherungskarte befindet sich auf der Rückseite der österreichischen E-Card.

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