Die Schwierigkeit, Qualität im Gesundheitswesen zu messen

21. August 2013, 11:03
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Wer krank ist, will den erfahrensten Arzt und die beste Behandlung. Was ist aber das Beste für den Patienten?

Für viele beginnt der Urlaub heutzutage im Internet. Bei der Suche nach den schönsten Stränden, dem billigsten Flug und dem besten Haus am Platz verlassen sich immer mehr Konsumenten auf die Empfehlungen von Web-Portalen wie Holiday-Check und Trip-Advisor. Wer eine neue Hüfte braucht, hat es da schon viel schwerer bei der Suche nach dem besten Angebot. "Kennen Sie einen guten Arzt?" ist eine der häufigsten Fragen, die Patientenanwältin Sigrid Pilz hört. Für sie ist klar: "Mündige Patienten brauchen eine solide Grundlage für eine informierte Entscheidung." Diese fehlt jedoch derzeit in Österreich.

Die Gesundheitsreform könnte etwas Bewegung in die Sache bringen: Künftig sollen die Therapieerfolge von Spitälern und Ärzten gemessen und ab 2014 auch veröffentlicht werden. So sollen sich Patienten besser entscheiden können, wo sie sich behandeln lassen wollen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Denn der Vergleich von medizinischer Qualität erfordert messbare Kriterien. Diese gehen über die Frage, ob das Personal freundlich und das Essen genießbar war, weit hinaus.

Frage der Indikatoren

Im Gesundheitsministerium arbeitet man seit rund einem Jahr an einem solchen System zur Messung der medizinischen Ergebnisqualität. Unter dem Projekttitel "A-IQI" (Austrian Inpatient Quality Indicator) werden Daten, die die Spitäler für die Abrechnung ihrer Leistungen liefern müssen, nach Auffälligkeiten gescannt. Bisher wurden drei Erkrankungen - Herzinfarkt, Schenkelhalsbruch und Lungenentzündung - näher unter die Lupe genommen. Dabei wurden Indikatoren wie etwa die Zahl der Todesfälle, Komplikationen und Verlegungen, die Operationsmethode sowie die Verweildauern optimalen Zielwerten gegenübergestellt.

Liegt eine Abteilung außerhalb des Zielbereichs, leuchtet eine gelbe oder rote Ampel auf. "Dann starten wir ein mehrstufiges Prüfungsverfahren", sagt Silvia Türk, Medizinerin und Abteilungsleiterin im Gesundheitsministerium. Zuerst wird der zuständige Primararzt gebeten, die Fälle aus seiner Sicht darzustellen. Lassen sich die Auffälligkeiten nicht plausibel erklären, findet ein sogenanntes "Peer Review" statt. Dabei prüft ein unabhängiges Ärzteteam die Fälle gemeinsam mit den Kollegen vor Ort. "Oft finden sie gemeinsam schon sehr gute Lösungen", sagt Türk. Sollten sich allerdings die Kennzahlen längerfristig nicht verbessern, tritt Stufe zwei in Kraft: Dann nehmen die zuständigen Landesbehörden die Sache in die Hand.

Theoretisch könnten Patienten also bereits heute schon erfahren, in welchen Spitälern die meisten Komplikationen und Todesfälle auftreten. Silvia Türk warnt allerdings vor vorschnellen Veröffentlichungen: "Diese Daten dienen nur der internen Steuerung. Bei den Patienten würden sie eine enorme Verunsicherung auslösen." So sind beispielsweise in hochspezialisierten Spitälern - wie etwa den Universitätskliniken - die Sterberaten generell höher, da hier auch mehr schwere Fälle behandelt werden.

Auch der Präsident der Wiener Ärztekammer, Thomas Szekeres, mahnt zum vorsichtigen Umgang mit diesen heiklen Daten: "Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen und muss das gesamte Risikoprofil der Patienten berücksichtigen." Öffentliche Vergleiche von Todesfällen hält er für kontraproduktiv. "Das kann dazu führen, dass Spitäler schwere Fälle nicht mehr behandeln wollen." Damit Patienten mit den Zahlen etwas anfangen können, müssten sie aufbereitet werden.

Kompass für Patienten

Wie das gehen kann, zeigen einige Beispiele aus Deutschland. Schon seit dem Jahr 2000 misst etwa die private Helios-Klinikkette die Qualität der medizinischen Ergebnisse mittels Routinedaten - und veröffentlicht sie. Sehr umfassende Qualitätsvergleiche sowohl für Spitäler als auch für niedergelassene Ärzte und Pflegeheime bietet die "Weisse Liste", ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann-Stiftung, einiger Krankenkassen sowie Patienten- und Verbraucherverbänden. Auf einer Website finden Patienten alle Spitäler in ihrem Umkreis und deren Leistungen. Dazu gibt es Angaben, wie häufig diese Operationen durchgeführt werden und wie zufrieden Patienten waren. Daneben gibt es Informationen über die Qualität der Behandlung, die technische Ausstattung der Spitäler, den Personalstand, die Weiterbildung der Ärzte sowie Versorgungsschwerpunkte.

Die Daten für solche Infoportale stammen vorwiegend aus den Qualitätsberichten der Krankenhäuser. Seit 2005 müssen deutsche Spitäler alle zwei Jahre öffentlich darüber berichten, was sie tun und wie gut sie darin sind. Auch in Österreich sind die Krankenanstalten gesetzlich verpflichtet, Qualitätsberichte zu erstellen. Welche Informationen sie jedoch veröffentlichen wollen, bleibt ihnen selbst überlassen. Schwache Anhaltspunkte bietet der Spitalskompass der Gesundheit Österreich. Hier kann man nachlesen, wie oft bestimmte Eingriffe in den einzelnen Spitälern gemacht werden und wie lange Aufenthalte im Durchschnitt dauern. Wird eine Operation nur dreimal im Jahr gemacht, sollte man sich besser ein anderes Krankenhaus suchen.

Mehr Transparenz wird auch die Gesundheitsreform nicht bringen. Laut Gesundheitsministerium sollen die Ergebnisse der Qualitätsvergleiche ab 2014 zwar veröffentlicht werden, allerdings nicht getrennt nach einzelnen Krankenhäusern. Bei der Suche nach guten Ärzten werden sich die österreichischen Patienten noch längere Zeit auf dubiose Rankings und die Empfehlungen von Freunden und Verwandten verlassen müssen. (Andrea Fried, Cure, DER STANDARD, 21.8.2013)

  • Künftig sollen die Therapieerfolge von Spitälern und Ärzten gemessen und ab 2014 auch veröffentlicht werden.
    foto: derstandard.at

    Künftig sollen die Therapieerfolge von Spitälern und Ärzten gemessen und ab 2014 auch veröffentlicht werden.

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