"Es gibt eine Zeit nach dem Eishockey"

Interview13. August 2013, 00:41
25 Postings

TV-Analytiker Marc Brabant spielte zwölf Jahre Profieishockey, parallel dazu schaffte er drei Studienabschlüsse.

Als Marc Brabant im Frühjahr 2009 im Alter von nur 30 Jahren seine aktive Laufbahn beendete, zierten 489 Einsätze in den beiden höchsten österreichischen Spielklassen seine Vita. Neben doppelten Meisterehren mit seinem Stammverein KAC brachte es Brabant in den Jahren zuvor aber auch zu akademischen Würden, gleich drei Studien schloss er während seiner Eishockeykarriere ab. Heute ist der promovierte Betriebswirt in einem Familienbetrieb in der Bau- und Immobilienbranche tätig, daneben prägt nach wie vor der Sport seinen Alltag: Er arbeitet als Analytiker und Co-Kommentator beim EBEL-Broadcaster ServusTV, organisiert Eishockey-Nachwuchscamps, erleichtert im Rahmen seiner Tätigkeit für den Verein KADA Spitzensportlern den Weg in die "Karriere danach" und hat ein Buch über Kinder im Sport herausgegeben.

Im derStandard.at-Interview mit Hannes Biedermann am Ufer des Wörthersees sprach der zweifache Familienvater über die Bedeutung dualer Ausbildung, schöne Zweitligasaisonen und die Herausforderungen, vor denen die Erste Bank Eishockey Liga zukünftig stehen wird.

derStandard.at: In wenigen Wochen wird der KAC den Banner für den im April errungenen 30. Meistertitel seiner Geschichte unters Hallendach hochziehen. Daran, dass dort auch die Flaggen für die Championate der Jahre 2000 und 2001 hängen, waren Sie als Spieler beteiligt.

Brabant: Ich wuchs in Klagenfurt auf, mein Vater spielte viele Jahre für den Verein, von klein auf verfolgte ich die Partien in der Stadthalle. Dementsprechend ist es für einen jungen Spieler, wie ich es damals war, das Größte, in diesem Trikot den Titel zu holen. Dass wir uns in beiden Jahren ausgerechnet in Villach zum Meister kürten, war zusätzlich emotionalisierend.

derStandard.at: Zwischen diesen beiden Titeln erlebte die Eishockeyliga eine große Zäsur, dem Zusammenbruch folgte die Neugründung auf deutlich bescheidenerem Niveau. Wie haben Sie den Ligacrash damals als Spieler erlebt?

Brabant: Vor dem großen Einschnitt spielte ich drei Jahre in der Kampfmannschaft, pro Saison standen damals acht Legionäre im Kader, danach waren es plötzlich nur noch zwei. Das hat sich natürlich auch qualitativ ausgewirkt. In der Vorbereitung auf dieses Interview habe ich zudem festgestellt, dass wir beim KAC damals im Grunddurchgang einen Zuschauerschnitt von unter 1.700 hatten, der Umbruch war also durchaus weitreichend.

derStandard.at: Liga und Klubs mussten sich erst wieder finden, mit Jan Mertzig und Johan Strömwall standen 2001 beispielsweise nur zwei Imports im KAC-Kader. Wie würden Sie die sportliche Wertigkeit des Meistertitels von damals einschätzen, auch im Vergleich zum aktuellen des Jahres 2013?

Brabant: Die Wertigkeit lässt sich in zwei Dimensionen messen, der emotionalen und der faktischen. Wir haben damals genauso gekämpft wie die gegenwärtigen Akteure, von den Gefühlen her sehe ich also keine großen Unterschiede. Gleichzeitig ist es aber so, dass wir damals nach 49 Spielen Meister wurden, heute wäre da noch nicht einmal der Grunddurchgang vorbei. Die sportliche Wertigkeit eines Titels im Jahr 2013 ist also wohl eine höhere.

derStandard.at: Ein Jahr später, im Frühjahr 2002, verließen Sie den KAC nach einer bitteren Halbfinalniederlage gegen Villach, gleichzeitig graduierten Sie als Magister der Betriebswirtschaft. Damals waren Sie 23 und eigentlich Eishockeyprofi - ziemlich eindrucksvoll.

Brabant: Für mich war immer klar, dass ich parallel zum Sport auch studieren möchte. Ich wusste, dass ich das Potenzial habe, mich in die Kampfmannschaft zu spielen, strebte aber nie nach einer großen Karriere, die mich vielleicht auch ins Ausland geführt hätte. Meine sportlichen Grenzen konnte ich recht gut einschätzen, auch habe ich früh erkannt, dass es eine Zeit nach dem Eishockey geben wird.

derStandard.at: Sie wechselten vom KAC nach Innsbruck, spielten dort eine recht gute Saison, zogen danach aber nach Salzburg weiter. Der Klub spielte damals noch zweitklassig, ein Rückschritt?

Brabant: Formell vielleicht, aber die Spielzeit 2003/04 in der Nationalliga war eine der schönsten in meiner Karriere. Mit Red Bull im Hintergrund baute Salzburg ein Team, das in die Bundesliga aufsteigen sollte, die Perspektive stimmte also ebenso wie die finanziellen Rahmenbedingungen. Wir starteten mit 13 Siegen in Serie ins Jahr, brachen dann ein und gewannen nur drei der letzten zehn Grunddurchgangsspiele. Zu den Play-Offs waren wir aber wieder voll da und marschierten mit drei 3:0-Sweeps zum Titel.

derStandard.at: Mit dem EC Salzburg kehrten also auch Sie also in die Bundesliga zurück.

Brabant: Dort lief es allerdings weder für die Mannschaft noch für mich sonderlich gut. Als ich nach 18 Partien als Ergänzungsspieler im Dezember wieder ins Nationalliga-Farmteam versetzt wurde, war ich nicht unglücklich darüber. Allerdings spielte ich gegen Saisonende mit dem Gedanken, meine Laufbahn zu beenden und mich auf meine Dissertation zu konzentrieren.

derStandard.at: Letztlich schlossen Sie sich aber dem EK Zell am See an, der ebenfalls in der zweiten Liga spielte.

Brabant: Zu dieser Zeit ereilte meine Doktormutter an der Universität Klagenfurt der Ruf der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Sie bot mir eine Stelle als Universitätsassistent an, die auf vier Jahre befristet war. Da parallel eine Anfrage aus Zell am See am Tisch lag, die mich sehr reizte, versuchte ich fortan, Zweitliga-Eishockey mit Forschungs- und Lehrtätigkeit zu verknüpfen.

derStandard.at: Wie schwer fiel es, diese beiden Berufe, noch dazu in zwei Städten, die gut hundert Kilometer trennen, unter einen Hut zu bekommen?

Brabant: Ich habe es als Privileg erachtet, in trainingsintensiven Phasen auch mental gefordert zu sein oder - umgekehrt - mich nach langen Tagen im Büro am Abend am Eis auszupowern. Das Pendeln war sicher eine gewisse Herausforderung, aber letztlich hat es sich ausgezahlt. Als ich 2009 im Alter von 30 Jahren meine aktive Laufbahn beendete, hatte ich ein abgeschlossenes BWL-Doktorat und einen Magistertitel in Wirtschaft und Recht.

derStandard.at: Man kann also getrost behaupten, dass Ihr Plan einer dualen Ausbildung aufgegangen ist.

Brabant: Für gewisse Studienabschnitte brauchte ich natürlich ein wenig länger, aber dank der Unterstützung der Universität und meiner Vereine ließen sich Studium und Eishockey recht gut koordinieren. Nach der Promotion bot man mir in Salzburg eine Habilitationsstelle an, aus familiären Gründen zog es mich aber zurück nach Kärnten, wo ich ins Management eines Energiekonzerns einstieg.

derStandard.at: Welche besonderen Erinnerungen blieben nach zwölf Jahren und knapp 500 Spielen in den beiden höchsten Spielklassen Österreichs hängen?

Brabant: Am schönsten waren sicherlich die beiden Meistertitel mit dem KAC, ebenso erhebend war es, das eine oder andere Mal im Trikot des A-Nationalteams am Eis zu stehen. Aber auch an die Zweitligazeit habe ich wunderbare Erinnerungen, weil da nicht immer alles hochprofessionell ablief und noch mehr der reine Sport im Vordergrund stand.

derStandard.at: Sie blieben dem Sport im Allgemeinen und dem Eishockey im Speziellen auch über Ihr Karriereende hinaus in mehrfacher Hinsicht erhalten. Zum bereits neunten Mal organisierten Sie heuer die Hockey Academy, ein Sommercamp für Nachwuchsspieler in Kapfenberg.

Brabant: Die Idee wurde gemeinsam mit meinem Vater geboren, zu der Zeit, als Christoph Brandner, ein Freund der Familie, in der NHL spielte. Christoph wollte nicht nur seinen Namen hergeben, er wollte auch selbst vor Ort sein und mitwirken. Sommercamps gab es damals nur von einigen wenigen Anbietern, unser eigener Anspruch war es, zu zeigen, dass man derartige Trainingslager auch professionell und modern aufziehen kann. Das ist uns, wie ich denke, auch gelungen, die Hockey Academy ist heute ein Benchmark für Camps in Österreich, wir sind jeden Sommer ausgebucht.

derStandard.at: Gemeinsam mit Christoph Brandner und Ihrer ehemaligen Dissertationsbetreuerin Sabine Urnik haben Sie im Vorjahr auch das Buch "Mein Kind im Sport" herausgegeben.

Brabant: Das ist sozusagen ein Spin-Off aus der Hockey Academy. In den Feedbackgesprächen mit den Eltern am Ende des Camps tauchte eine immer größere Anzahl ganz allgemeiner Fragen zur sportlichen Entwicklung der Kinder auf. Also haben wir uns entschieden, unsere Tipps und Empfehlungen zu Papier zu bringen, für die einzelnen Themenfelder - von Ernährung über Trainingslehre bis hin zu Ausbildung und Physiologie - konnten wir einige der führenden Experten in Österreich als Autoren gewinnen. Der Verlag spricht von einem Erfolgsprojekt.

derStandard.at: Ihr jüngstes Steckenpferd ist die Konfliktbewältigung in Sport und Wirtschaft, Sie sind staatlich zertifizierter Mediator. Wie kann man sich diese Tätigkeit vorstellen?

Brabant: Das Ziel eines Mediators ist es, in Konflikten einvernehmliche Lösungen zu finden und in Streitfällen eine für alle Seiten vorteilhafte Regelung zu finden, die wirtschaftlichen, strukturellen oder persönlichen Schaden vermeidet. Ich habe mich dabei auf die Bereiche Sport und Wirtschaft spezialisiert, jene, in denen ich selbst aktiv bin. Hätte ich diese Ausbildung bereits im vergangenen Sommer abgeschlossen, hätte ich mich im Transferstreit um Derek Ryan zwischen Villach und Székesfehérvár als Vermittler angeboten, das war ein klassischer Fall für einen Mediator.

derStandard.at: Dem nicht genug, sitzen Sie seit 2010 auch im Vorstand des Vereins KADA, der sich, finanziert von Sportministerium und AMS, als Beratungs- und Betreuungseinrichtung für Spitzensportler versteht und die Athleten auf die Karriere nach der sportlichen Laufbahn vorbereiten soll.

Brabant: Unsere Grundpfeiler sind die Beratung, Qualifizierung und Jobvermittlung, das Ziel ist es, unsere Spitzensportler zu einer dualen Karriere zu bewegen, sie schon während ihrer Laufbahn für die Herausforderungen der Zeit danach zu sensibilisieren. Den viel zitierten Satz von Trainern oder Funktionären - "Du musst Dich zwischen Sport und Ausbildung entscheiden" - darf es in Zukunft nicht mehr geben.

derStandard.at: Den österreichischen Eishockeyfans sind Sie heute vornehmlich in Ihrer Tätigkeit als Analytiker und Co-Kommentator bei den EBEL-Übertragungen von ServusTV bekannt. Wie kam es zu diesem Engagement?

Brabant: Sascha Tomanek, der auch bei unserer Hockey Academy mitarbeitet, hat mich zu einer Bewerbung motiviert. Zwar hatte ich in diesem Bereich keine einschlägige Erfahrung, nach einer gewissen Testphase wurde ich aber in das Team der Servus Hockey Night aufgenommen. Das ist ein Job, der riesigen Spaß macht.

derStandard.at: Wie geht man in Ihrer Rolle analytisch an ein EBEL-Spiel heran?

Brabant: Das hängt ganz grundsätzlich davon ab, ob man für die Analysen im Studio zuständig ist oder als Co-Kommentator eingesetzt wird. In Telefonkonferenzen legen wir schon Tage vor den Übertragungen aktuelle Themen fest, die wir im Vorlauf des Spiels im Studio aufgreifen wollen, beispielsweise Faktoren, von denen wir glauben, dass sie starke Auswirkung auf den Ausgang der Partie haben werden. Diese analysieren wir dann anhand ausgewählter Szenen, es geht also darum, die symptomatischen Eigenschaften eines Teams herauszuarbeiten.

derStandard.at: Und als Co-Kommentator?

Brabant: Da bereitet man sich sozusagen kleinkarierter vor und recherchiert eine Vielzahl an Details zu den einzelnen Spielern. Diese versucht man dann wiederum in die große Storyline einer Sendung einzuflechten. Während des Spiels muss man als Co-Kommentator deutlich konzentrierter und aufmerksamer sein, kritisch wird es dabei häufig bei undurchsichtigen Situationen, die zu Strafzeiten führen. Hier erwartet der Zuseher ein unmittelbares und fundiertes Urteil, das nicht immer leicht zu fällen ist.

derStandard.at: Sie haben die Recherche angesprochen. Wie hält man sich als TV-Experte oder -Kommentator am Laufenden, welche Kanäle nutzt man dabei?

Brabant: Es geht darum, möglichst viele Quellen anzuzapfen. Die Grundlage bildet umfassender Medienkonsum, die wirklichen Insights holt man sich aber aus den Mannschaften selbst - entweder unter der Woche telefonisch oder in kurzen Gesprächen am Kabinengang vor den jeweiligen Spielen. Wichtig für Analysen sind auch die detaillierten statistischen Kennzahlen von hockeydata, dem Datenprovider des Senders.

derStandard.at: Das Rollenbild des TV-Experten erscheint mir stets als sehr ambivalentes: Sie sprechen über die hohe Kunst des Eishockeys, vor dem Fernsehgerät sitzen aber vornehmlich Konsumenten, die unterhalten werden wollen. Wie viel Eishockey verträgt die Übertragung eines Eishockeyspiels?

Brabant: Ich bin da durch meine Lehrtätigkeit an der Universität geprägt: Mein Adressat ist immer der Zuhörer, in diesem Fall Zuseher. Natürlich kann man eine Spielszene bis ins letzte Detail analysieren und auflösen, aber wenn dabei vor dem TV neun von zehn Sehern aussteigen, verfehle ich sowohl mein persönliches Ziel als auch jenes des Senders. Ein Mittelweg ist die Lösung, auch wenn das oft eine Gratwanderung ist.

derStandard.at: Für ServusTV begleiten Sie die EBEL seit rund zweieinhalb Jahren. Welche Entwicklung attestieren Sie der Liga?

Brabant: Seit dem Crash im Jahr 2000 ist eine gewisse Stabilität eingekehrt, es wurde ein Ligasponsor gefunden, der Bewerb hat sich, sehr zu seinem Vorteil, international geöffnet. Ich glaube aber, dass es nun Zeit für den nächsten Schritt wird.

derStandard.at: Der wie aussehen soll?

Brabant: Der Liga fehlt ein Entwicklungspfad, eine Zukunftsvision - diese gilt es zu formulieren. Wo möchte man in zehn Jahren stehen, welchen Weg muss man dafür einschlagen und welche Meilensteine muss man nach zwei, fünf, sieben Jahren erreichen, um am Ende tatsächlich zu diesem Punkt zu gelangen.

derStandard.at: Abgesehen vom Fehlen dieser Entwicklungsstrategie, welche Probleme sehen Sie auf die Liga zukommen?

Brabant: Bei den Klubs sollte bald die Erkenntnis reifen, dass alle im gleichen Boot sitzen. Aktuell wird die Zahl der Importverpflichtungen gegenseitig aufgerechnet, es herrschen häufig Missgunst und Scheuklappendenken. Eigentlich sollten aber alle Teams des selben Zieles wegen spielen, nämlich ein gutes Produkt mit Wachstumschancen auf den Markt zu bringen. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 13.August 2013)

Marc Brabant (34) absolvierte 489 Spiele in den beiden höchsten Ligen Österreichs und holte mit dem KAC zwei Meistertitel. Der promovierte Betriebswirt ist nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Salzburg und Klagenfurt heute in der Privatwirtschaft tätig. Außerdem arbeitet er im Rahmen der EBEL-Übertragungen auf ServusTV als Analytiker und Co-Kommentator.

  • Im Sommer, wenn Stöcke gegen Golfschläger eingetauscht werden, bittet derStandard.at Akteure aus der Eishockeyszene im Rahmen der Sommergespräche zu ausführlichen Interviews.
Teil 1, Sven Klimbacher (23.7.)
Teil 2, Nikolas Petrik (30.7.)
Teil 3, Stefan Widitsch (6.8.)

    Im Sommer, wenn Stöcke gegen Golfschläger eingetauscht werden, bittet derStandard.at Akteure aus der Eishockeyszene im Rahmen der Sommergespräche zu ausführlichen Interviews.

    Teil 1, Sven Klimbacher (23.7.)

    Teil 2, Nikolas Petrik (30.7.)

    Teil 3, Stefan Widitsch (6.8.)

  • Nach knapp 500 Spielen in der Bundes- und Nationalliga ist Marc Brabant heute in der Privatwirtschaft in einem Familienbetrieb tätig.
    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Nach knapp 500 Spielen in der Bundes- und Nationalliga ist Marc Brabant heute in der Privatwirtschaft in einem Familienbetrieb tätig.

  • Der gebürtige Klagenfurter analysiert und kommentiert EBEL-Spiele im Rahmen der Live-Übertragungen von ServusTV.
    foto: servustv

    Der gebürtige Klagenfurter analysiert und kommentiert EBEL-Spiele im Rahmen der Live-Übertragungen von ServusTV.

Share if you care.