Die mit den Wölfen heulen

12. August 2013, 18:36
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Für viele Menschen ist das Heulen eines Wolfs der Inbegriff der wilden Natur. In Kanada gibt es immer im August geführte Touren zu nächtlichen Wolfskonzerten. Mitheulen dürfen aber nur die Parkranger

Manchmal möchte man einfach mit den Wölfen heulen, statt ständig gegen den Strom zu schwimmen. In Kanada wird das im Sommer tatsächlich gemacht - nicht nur symbolisch. Auch die Wölfe sind echt - man findet sie im Algonquin-Nationalpark im Norden der Provinz Ontario. Jedes Jahr im August reisen Touristen in Scharen in den 300 Kilometer von Toronto entfernten Park, um nachts die Wölfe heulen zu hören. Unter Aufsicht der Naturführer parken die Tierfreunde ihre Autos entlang der Straße, die durch das riesige Schutzgebiet führt. Manchmal sei die Schlange eineinhalb Kilometer lang, sagt Rick Stronks, Naturführer im Algonquin-Park: "In der Regel nehmen über tausend Leute teil, aber es können auch bis zu 2000 sein."

Um Mitternacht kommt der große Augenblick: Ein Parkführer heult wie ein Wolf in die Stille hinein - und nach einigen Sekunden heulen die Wölfe zurück. Damit das Naturschauspiel auch tatsächlich stattfindet, schwärmen die Angestellten des Parks zuvor aus, um zu sehen, wo sich ein Wolfsrudel befindet. "Dann kündigen wir für den nächsten Tag ein öffentliches Wolfsheulen an", sagt Stronks. Zuhörer kommen von weit her, um es nicht zu verpassen: aus den USA, Deutschland, England, Neuseeland, Italien und sogar Australien.

70 Prozent antworten

Für viele ist es die einzige Gelegenheit in ihrem Leben, jemals richtige Wölfe heulen zu hören. "Es gibt Laute, die Menschen direkt mit der Natur verbinden", sagt Stronks, der das naturechte Heulen von anderen Angestellten des Parks gelernt hat. Die Touristen dürfen aber nicht mitheulen, weil das die Wölfe verwirren könnte. Heulen wie ein Wolf will beherrscht sein. "In siebzig Prozent der Nächte heulen die Wölfe zurück" , sagt Stronks, "was recht viel ist."

Der Algonquin-Nationalpark führt das öffentliche Heulen schon seit 50 Jahren durch, und immer im August. Die Jungen werden nämlich, wie Stronks erklärt, im Frühling geboren. Im August sind sie noch nicht kräftig genug, um mit dem Rudel auf die Jagd zu gehen. Sie werden an einem geschützten Ort zurückgelassen, bis die anderen Wölfe mit Nahrung zurückkehren. Heulen können die Jungen aber bereits ganz wacker. Im Algonquin-Park gibt es rund 200 Wölfe in 25 Rudeln.

Stronks sagt, dass die heulenden Menschen keinen negativen Einfluss auf die Wölfe hätten: "Ich bin sicher, die Wölfe wissen, dass Menschen in der Nähe sind, aber sie haben Angst und bleiben fern." Das nächtliche "Telefonieren" mit Wölfen zeitigt aber positive Folgen: "Damit können wir die Einstellung der Menschen gegenüber dem Wolf verbessern", sagt Stronks. Denn etwas verbindet Menschen mit den Wölfen: Auch uns ist oft zum Heulen zumute. (Bernadette Calonego aus Vancouver, DER STANDARD, 13.8.2013)

  • Parkranger führen das Rudel der Touristen an und versuchen, die Wölfe zum Heulen zu bringen - was in sieben von zehn Fällen gelingt.
    foto: algonquin park

    Parkranger führen das Rudel der Touristen an und versuchen, die Wölfe zum Heulen zu bringen - was in sieben von zehn Fällen gelingt.

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