Umbruch bei Amerikas Traditionsblättern

12. August 2013, 18:02
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Als vergangene Woche die "Washington Post" einen neuen Besitzer bekam, kam auch in die Redaktion der "New York Times" Unruhe - Doch ihr Herausgeber hat nicht vor zu verkaufen

Als Adolph S. Ochs, Enkel eines Talmudgelehrten aus Bayern - nach dem Platzen einer Immobilienblase in Chattanooga praktisch bankrott, gleichwohl versehen mit erstklassigen Empfehlungsschreiben - in einem Husarenstreich die New York Times (NYT) übernahm, kaufte er ein Blatt tief in der Krise. Pro Tag schrieb die Zeitung 1000 Dollar Verlust; sehr viel Geld 1896 - und den Ton auf dem New Yorker Pressemarkt gaben andere an, etwa Joseph Pulitzers "World" und William Randolph Hearsts "Journal". Das hinderte Ochs nicht daran, seiner Frau Iphigene am Telefon voller Besitzerstolz zu sagen: "Wenn ich beim Umgang mit der Times nur annähernd so viel Erfolg habe wie beim Umgang mit meinen Gläubigern, sollte ich schnell ein großes Vermögen machen."

Kurz darauf, am 19. August 1896, formulierte er, der schon als 20-Jähriger die "Chattanooga Times" erworben hatte, in einem Leitartikel sein Credo: Unparteiisch zu berichten, "ohne Furcht oder Gefälligkeit, ohne Rücksicht auf Parteien, Sekten oder Interessen". Bald legte Ochs größten Wert darauf, so erzählt es die Chronistin Susan Tifft, jeden Schwager und Schwiegersohn, jeden Neffen und entfernten Cousin, der bei ihm arbeiten wollte, ins Boot zu holen. Auch als die "Graue Lady" - so genannt wegen ihrer seriösen, spröden Erscheinung - Weltruhm erlangt hatte, blieb sie doch ein klassischer Familienbetrieb. Das Werk eines Patriarchen.

Und heute? Heute lässt Arthur Ochs Sulzberger Jr., der Erbe auf dem Herausgeberposten, wissen, dass niemand daran denke, das Familiensilber zu verhökern. "Werden wir die Times verkaufen? Die Antwort ist: Nein", schrieb er in einer E-Mail an die verunsicherte Redaktion. Beruhigungspillen, doch die Fragen bleiben. Der Clan Ochs-Sulzberger müsse sich mittlerweile fühlen wie die letzten Mohikaner, doziert Journalismus-Professor Alex Jones, der zusammen mit Tifft das Standardwerk über die NYT verfasste, einen Wälzer mit dem Titel The Trust. Das Wort vom Ende einer Ära macht die Runde, haben doch all die anderen Verlegerdynastien, die im 20. Jahrhundert die amerikanische Presselandschaft prägten, das Handtuch geworfen.

Westküste gegen Ostküste

Da waren die Bancrofts, die das "Wall Street Journal" zum publizistischen Flaggschiff der Geschäftswelt aufsteigen ließen, doch es 2007 dem australischen Tycoon Rupert Murdoch vermachten. Da war der legendäre Otis Chandler, von 1960 bis 1980 Herausgeber der "Los Angeles Times", der in Qualität investierte und das damit begründete, dass er der arroganten Ostküstenelite, die L.A. für eine Stadt von Hinterwäldlern halte, den Zahn ziehen wolle.

Und da war, vergangene Woche, das Erdbeben, welches die Branche erschütterte: Die Trennung der Grahams von der "Washington Post". Aus einem obskuren Außenseiter, der nicht einmal in der Hauptstadt die Nummer eins war, machten die Grahams ein angesehenes Blatt, das sich in seiner besten Zeit selbst mit der NYT messen konnte. 1933, als Eugene Meyer die sieche Post für 825.000 Dollar ersteigerte, war an Aufschwung noch nicht zu denken.

1946 übergab Meyer den Staffelstab an seinen Schwiegersohn Phil Graham. Als der sich 1963 das Leben nahm und seine Witwe Katharine das Ruder übernahm, bis dahin traditionell im Schatten des Gatten, begann die eigentliche Erfolgsgeschichte.

"Katharine die Große", wie sie später hieß, konnte kapriziös sein wie eine Diva. Der frühere "Post"-Reporter David Remnick etwa weiß vom jähen Karriereknick eines Afrika-Korrespondenten zu berichten, der anlässlich eines Besuchs der Chefin eine Ballonfahrt über die Savanne organisierte und beim Anblick friedlich grasender Giraffen vor aufgehender Sonne den wütenden Satz zu hören bekam: "Wissen Sie, ich bin nicht die ganze Strecke gereist, um Touristin zu spielen." Doch wenn es darauf ankam, stellte sich Graham mit Mut und unbeirrbarem Stoizismus vor ihre Redakteure.

Als Richard Nixons Justizminister mitten im Watergate-Skandal drohte, ihre Brüste würden sich dereinst in einer "großen, fetten Pressmaschine" verfangen, falls sie die Veröffentlichung weiterer Details zulasse, ließ sie sich ebenso wenig einschüchtern wie in jenem Moment, da Nixons Kabinett die Radio- und Fernsehlizenzen der Grahams anfechten wollte.

Nicht zu vergessen: Die "Washington Post" war lange die einzige Zeitung, die über Watergate - den vom Weißen Haus angeordneten Einbruch in der Parteizentrale der Demokraten - berichtete, während die Konkurrenz zunächst die Finger von der Geschichte ließ. Kein Wunder, dass altgediente Redakteure noch heute, nach dem Verkauf der Post an den Amazon-Gründer Jeff Bezos, von Katharine schwärmen. "In guten Zeiten und schlechten - und in schlechten kam es mehr darauf an - verstand sich die Familie als Hüterin einer besonderen Institution", schreibt Edelfeder Ruth Marcus. In der NYT bringt es der Medienexperte James Stewart so auf den Punkt: Die alten Presseclans hätten ihre Reporter wie ein Puffer geschützt vor dem Druck des Anzeigengeschäfts und den Kurzzeitinteressen von Wall-Street-Anlegern - und so sei großer Journalismus entstanden.

Bloombergs Begehrlichkeiten

Und die Gerüchte um die Graue Lady? Angeblich hat der New Yorker Bürgermeister und Milliardär Michael Bloomberg ein Auge auf sie geworfen. Nur können sich deren Besitzer - wenn sie es wollen - auf ein Bollwerk verlassen: Die NYT kennt zwei Klassen von Aktien: stimmberechtigte, die der Familie vorbehalten sind - und nichtstimmberechtigte, die Banken oder Investmentfonds gehören. Letztere werden zwar an Gewinnen (oder Verlusten) beteiligt, dürfen aber nicht mitentscheiden.

Ergo kontrolliert der Clan, trotz einer Minderheit der Anteile, den gesamten Konzern. Was Sulzberger Jr., während das Bloomberg-Geflüster lauter wird, in drei Worten Tacheles reden lässt. "Not. For. Sale. (Nicht zu verkaufen)" (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDADR, 13.8.2013)

  • Manhattan, Eighth Avenue, Hausnummer 620: Die "New York Times" ist Anziehungspunkt auch für New-York-Touristen.
    foto: reuters / carlo allegri

    Manhattan, Eighth Avenue, Hausnummer 620: Die "New York Times" ist Anziehungspunkt auch für New-York-Touristen.

  • Werden wir die 'Times' verkaufen? Die Antwort ist: Nein. Herausgeber Arthur Ochs Sulzberger Jr. (Mitte) in seinem Newsroom.
    foto: ap/richard perry

    Werden wir die 'Times' verkaufen? Die Antwort ist: Nein. Herausgeber Arthur Ochs Sulzberger Jr. (Mitte) in seinem Newsroom.

  • Grafik: Amerikas Zeitungsimperien
    grafik: der standard

    Grafik: Amerikas Zeitungsimperien

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