Über den Norden von Ost nach West

12. August 2013, 17:40
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Die Nordostpassage kann für die internationale Schifffahrt viel Zeit- und Geldersparnis bedeuten

Peking – Der Frachter Yong Sheng der staatlichen Cosco-Gruppe ist das erste chinesische Schiff, das für die kommerzielle Fahrt nach Europa die Nordostpassage wählt. Vergangenen Donnerstag verließ der 19.000 Tonnen schwere und 160 Meter lange Mehrzweck­frachter den im Nordosten Chinas gelegenen Hafen Dalian in Richtung Beringstraße. Nach Fahrt entlang der russischen Arktisküste soll der Zielhafen Rotterdam am 11. September erreicht werden, was eine Zeitersparnis von 15 Tagen gegenüber der üblichen Route über das Südchinesische und Rote Meer bedeutet (siehe Grafik).

Reedereien könnten auf der rund 7000 km kürzeren Route über die Nordostpassage daher viel Geld sparen. Abhängig vom Typ des Schiffs liegen die Ersparnisse aufgrund von geringerem Treibstoffverbrauch, kürzerer Reise und wegfallender Suezkanal-Gebühr bei bis zu 400.000 Dollar (300.000 Euro) pro Fahrt.

Experten sagen der bisher spärlich benützten Nordostpassage eine zunehmende Bedeutung in der internationalen Schifffahrt voraus. Willy Ostreng, Autor des Buches "Arctic Shipping" und Professor an der Universität von Alaska, sagte im Standard-Gespräch: "Die chinesischen Reedereien haben immer wieder bekundet, die Nordostpassage vermehrt nutzen zu wollen." Aufgrund des Schrumpfens der arktischen Eisflächen sei in den Sommermonaten eine Navigation ohne teure Begleitung von Eisbrechern möglich. "Mehrere Unternehmen investieren in Schiffsverstärkungen gegen das Eis."

Das einzige europäische Schiffsunternehmen, welches die Nordostpassage bisher befuhr, die deutsche Beluga-Reederei, ist inzwischen pleite.

China ist längst zum weltweit größten Exporteur aufgestiegen. Etwa 90 Prozent der Güter werden über den Seeweg verschickt. Die Arktisroute ist der kürzeste Weg zum wichtigen Wirtschaftspartner Europa. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen rund 410 Milliarden Euro.

Russland fördert Schifffahrt

Russland wittert wirtschaftlichen Profit aus Zöllen und Gebühren und unterstützt den Ausbau der Infrastruktur (Häfen, Wetterstationen) entlang der Passage. "Russland hat großes Interesse an der Nutzung der Passage", bestätigt auch Ostreng.

Die Alternativroute über den Suezkanal wurde in den vergangenen Jahren gefährlicher. Piraten kapern immer wieder Schiffe und erpressen Millionenbeträge. Firmen nehmen daher Bewaffnete an Bord und fahren im Konvoi. Das kostet Zeit und Geld.

Im vergangenen Jahr nutzten 19.000 Schiffe den Suezkanal und nur 46 die Nordostpassage. Dieses Jahr vergaben die russischen Behörden bereits 372 Genehmigungen für die Beschiffung der Arktisküste. Der Großteil davon fällt auf sibirische Rohstofftransporte. Chinas Ölriese CNPC hatte erst im März Zugang zu russischen Reserven und Seewegen erhalten.

Die Skepsis an der Schifffahrt in der Arktis ist groß. Es gibt kaum Erfahrungen und die Besatzungen sind schlecht vorbereitet auf Risiken wie das extreme Wetter und Eisberge. Die Karten sind schlecht und es fehlt vor allem an Wetterdaten. Umweltschützer sehen das fragile Ökosystem bedroht. (Ansgar Fellendorf, DER STANDARD, 13.8.2013)

 

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