Dayli: Nur Hälfte der Standorte für Handel verwertbar

12. August 2013, 19:24
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Um dutzende Filialen der Drogeriekette stellen sich Nahversorger an. Ein juristisches Nachspiel zeichnet sich ab

Wien – "Es hat in Österreichs Handel noch kein derart dilettantisches Großprojekt gegeben. Konsum war die Spitze der Professionalität dagegen." Peter Schnedlitz erwartet rund um die Drogeriekette Dayli ein juristisches Nachspiel – es sei massiver volkswirtschaftlicher Schaden entstanden. Profitiert hätten nur das Management, Berater und die Insolvenzverwaltung, sagt der Handelsexperte der Wiener Wirtschaftsuniversität.

Durch Hinauszögerung der Krise sei Geld verbrannt worden, beim Staat blieben sozialrechtliche Verpflichtungen hängen. "Am Ende des Tages zahlt der Steuerzahler."

Unter Dayli wurde Montagmittag wie erwartet der Schlussstrich gezogen. Das vor gut einem Monat eingeleitete Sanierungsverfahren ist gescheitert, die Pleite amtlich und die Schließung von den Gläubigern und dem Gericht bewilligt. Damit verlieren die verbliebenen 2200 Mitarbeiter der Handelskette den Arbeitsplatz. Die noch rund 500 der insgesamt 800 offenen Filialen sperren in den kommenden Tagen österreichweit zu.

"Auf Coverseiten abgefeiert"

"Dayli hat seine Mitarbeiter von Anfang an dumm sterben lassen", sagt Schnedlitz, der Umgang mit ihnen sei untragbar gewesen. Dabei hätte der Nachfolgebetrieb von Schlecker durchaus gute Chancen gehabt, ist er sich sicher: bei einer Halbierung der Standorte und klarer Positionierung auf dem Harddiskont. "Statt Visionen hätte es Knochenarbeit gebraucht."

Und er spart nicht mit scharfer Kritik am Fachjournalismus und  dessen "Jubelmeldungen über Rudolf Haberleitner". Der als Dayli-Retter angetretene Berater sei laufend auf den Coverseiten diverser Magazine abgefeiert worden.

Masseverwalter Rudolf Mitterlehner hatte bis zuletzt mit einem Investor verhandelt, der Bankgarantien zusagte, dies jedoch nicht einhielt. Er versucht nun, Käufer für große Teile des Unternehmens aus der Konkursmasse heraus zu finden, dämpft dabei aber die Erwartungen. "Ob das wirklich zielführend ist, werden wir sehen."

Für die Gläubiger rechnet Creditreform-Chef Gerhard Weinhofer mit einer schmalen Quote von weniger als zehn Prozent. Auch er glaubt an juristische Folgen, nicht nur was den in Italien entwendeten, mit einer Million Euro gefüllten Koffer betrifft. Er drängt auf ein Gutachten, das eine Konkursverschleppung prüft. Dass die Jahresgage von 400.000 Euro, die sich Haberleitner zusicherte, juristisch angreifbar ist, bezweifelt er aber.

Restlverwertung

Anders als Rudolf Mitterlehner schließt Schnedlitz aus, dass die Marke Dayli erhalten bleibt. "Sie rittert um den letzten Platz bei den Imagemarkenwerten." Der Wirtschaftsprofessor erwartet, dass gut die Hälfte der Standorte in Büros, Lager und Gewerbeflächen umgewidmet wird. 400 seien für Händler interessant, allerdings nur bedingt für Lebensmittelketten. Realistisch seien Formate wie Modeboutiquen, Parfümerien, Fachgeschäfte und Dienstleister, die die Flächen als Showroom nutzten.

Die Restlverwertung hat längst begonnen. Vorarbeiten laufen seit Monaten, viele Handelsketten stehen bereits in Kontakt mit den jeweiligen Vermietern. Großhändler Christof Kastner hat sich fünf Standorte auf dem Land gesichert, in die Nah & Frisch-Märkte einziehen. Sein Wunsch wären bis zu 40, sagt er dem Standard, was sich jedoch aufgrund von zu wenig selbstständigen Kaufleuten in kurzer Zeit kaum realisieren ließe. Ziel seien daher zumindest zehn bis 20. Als Betreiber seien auch Dayli-Mitarbeiterinnen, die sich selbstständig machen wollten, willkommen.

Auch Mitbewerber Pfeiffer, der neben Nah & Frisch-Filialen Zielpunkt und die Unimärkte betreibt, bemüht sich um Standorte. Zehn bis 15 kommen für Anton Stumpf und seine Holland-Blumen-Märkte infrage. "Wir schauen, welche Filialen zu uns passen." Zudem ist  die spanische Bank Santander an einzelnen Läden interessiert. DM winkt ab. Der Drogerieriese zähle derzeit aber fast 300 Mitarbeiterbewerbungen mehr als üblich, erzählt Sprecher Stefan Ornig.

Hart treffen wird es vor allem Filialen auf dem Land, sagt Schnedlitz. Viele seien schlecht frequentiert und sehr klein. Etliche Dörfer haben, wie ein Standard-Rundruf jüngst ergab, aber einen Ersatz in anderen Nahversorgern wie Nah & Frisch und M-Preis gefunden. Ihr Drogeriesortiment stark erweitert haben Spar und Rewe.

Unter der Belegschaft herrscht vielfach Erleichterung, das Kapitel beenden und sich nach neuen Jobs umsehen zu können. Ihr Juli-Gehalt wurde aus der Masse beglichen, für Juni und die übrigen Ansprüche kommt der Insolvenzentgeltfonds auf. Die Gewerkschaft lädt zu Infoveranstaltungen. In allen Bundesländern sind Arbeitsstiftungen eingerichtet.

Seit seinem Einstieg bei Dayli jede persönliche Stellungnahme verwehrt hat der Handelsmanager Martin Zieger, der Haberleitners Anteile vollständig übernahm. Er  trat am Dienstag das erste Mal an die Öffentlichkeit. Die Sanierung hätte eine Chance gehabt, ließ er vor Journalisten wissen. "Die Firma hätte einen Platz im Markt verdient." Doch unvorhersehbare Beeinträchtigungen bei der Investorensuche und die Kürze der Zeit hätten sie zunichte gemacht.

Haberleitner klagt Zieger

Er selbst habe keinen Euro an Dayli verdient, sondern sitze im Gegenteil auf horrenden Anwaltskosten, sagt Zieger. Haberleitner, den er als charmanten und angenehmen Menschen kennengelernt habe, eher dieser "eine Wandlung durchmachte", habe sich nach der Abtretung der Anteile an ihn geweigert, dies im Firmenbuch eintragen zu lassen. Dann tauchten Verpfändungsurkunden zugunsten des deutschen Schlecker-Masseverwalters auf, gefolgt von einer Klage Haberleitners gegen Zieger auf eine Rückgabe der Anteile.

Die fehlende Rechtssicherheit habe auch die letzten Investoren verschreckt, sagt Zieger, der von unzähligen schlaflosen Nächten und Baldriantropfen spricht.

Vom Geldkoffer-Transfer nach Italien habe er Haberleitner dringend abgeraten. Er selbst sei bei der Dienstreise nach Italien dabei gewesen, nicht jedoch physisch während des Akts des Raubes. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 13.8.2013)

  • 3486 Jobs sind weg, Dayli legte die größte Handelspleite seit zwanzig Jahren hin.
    foto: apa/georg hochmuth

    3486 Jobs sind weg, Dayli legte die größte Handelspleite seit zwanzig Jahren hin.

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