Die Erkundung von Körpern und Räumen

12. August 2013, 17:39
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Eine Bestselleradaption wie "Feuchtgebiete" trifft im Wettbewerb von Locarno auf intime Essay- und Autorenfilme: Auch unterm neuen Leiter bleibt die Mischung ausgewogen

Kein anderes größeres Filmfestival in Europa hat in jüngerer Vergangenheit so viele Direktorenwechsel erlebt wie Locarno. Doch während dies bei ähnlich gelagerten Kulturveranstaltungen ein Zeichen für eine Krise wäre, scheint im Tessin mit dem neuen Festivalleiter Carlo Chatrian alles beim Alten geblieben zu sein: Wie sein Vorgänger Olivier Père setzt er auf eine ausgewogene Mischung aus Populärem, Filmautoren mit persönlicher Vision und Nachwuchstalenten. "Grow, or decline", "wachsen, sonst verliert man an Boden" - die Parole des Festivalpräsidenten Marco Solari im Katalog klingt in diesem Zusammenhang fast bedrohlich.

Mit der Adaption von Charlotte Roches Bestseller Feuchtgebiete hatte das Festival am ersten Wochenende eine Arbeit im Wettbewerb, der zumindest im deutschsprachigen Raum große Aufmerksamkeit sicher war. Regisseur David Wnendt inszeniert das vieldiskutierte Buch als Spritztour durch das Wunderland weiblicher Körperwelten, bei der man in puncto Schamgrenzen weitgehend brav rechts fährt. Die Stärke des Films ist seine Hauptdarstellerin, die 27-jährige Schweizerin Carla Juri, die in Locarno schon wie ein Star behandelt wird. Verschmitzt-aufmüpfig versucht sie einen Pfleger mit ihrem unverblümten Verhältnis zu Sex zu irritieren - und das gelingt ihr eigentlich immer besser als dem Regisseur in der visuellen Umsetzung.

Wie durchmischt das Feld der Wettbewerbsfilme ist, sieht man am besten, wenn man Feuchtgebiete einen Film wie Joaquim Pintos E agora? Lembra-me (What Now? Remind Me) gegenüberstellt. Der portugiesische Filmemacher geht in diesem rundum bemerkenswerten Essay zunächst von der eigenen Krankengeschichte aus. Er ist HIV-positiv und leidet an Hepatitis C - deshalb muss er sich einer Behandlung unterziehen, die auch sein Erinnerungsvermögen stark beeinträchtigt.

Sein Film ist aber viel mehr als eine beharrliche Antwort auf das eigene Martyrium. Einerseits erweitert er, egal, ob es den Umgang mit Schulden oder die Schikanen des Gesundheitssystems betrifft, das Private auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Anderseits wird E agora? zur Apologie des Lebens durch Liebe und (Film-)Kunst: Pinto, der mit seinem Mann Nuno Leonel und ihren Hunden einen Garten aufforstet und dabei zu schöner Ausgelassenheit findet; oder Pinto, der mit alten Aufnahmen von Begegnungen mit Werner Schroeter, João César Monteiro oder Raúl Ruiz erzählt und damit auch alternative Filmgeschichte ans Licht holt.

Auch in Joanna Hoggs Spielfilm Exhibition geht es um ein Künstlerpaar, im Film kurz und bündig D (die Singer-Songwriterin Viv Albertine) und H (Maler und Konzeptkünstler Liam Gillick) genannt. Ihre Beziehung wird zuallererst über den Raum definiert, den sie bewohnen: ein Londoner Designerhaus von James Melvin, mit jalousiebesetzten Fenstern, mittels Wendeltreppe verbundenen Etagen und einer manchmal mysteriösen Geräuschkulisse.

Hogg inszeniert eine Beziehungsstudie über Körper, aus denen erst allmählich Figuren mit erkennbaren Anliegen werden. D, die den Film dominiert, hat eine fast fetischhafte Beziehung zu manchen Objekten des Hauses. Die Offenheit und Transparenz des Gebäudes scheint dem Paar allerdings eher geschadet zu haben. Jeder nimmt separate Räume und Etagen ein, kommuniziert wird häufiger mit dem Haustelefon als von Angesicht zu Angesicht.

Hogg hat schon früher ihr Talent gezeigt, präzise-analytisch ein Unbehagen an sich und anderen zu erkunden. In Exhibition wird es zur filmischen Versuchsanordnung, in der Innen und Außen ununterscheidbar werden. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 13.8.2013)

  • Präzise-analytische Studie eines Paares, das in den offenen Räumen seines Hauses unsichtbare Grenzen hochgezogen hat: Protagonistin D (Viv Albertine) in Joanna Hoggs Wettbewerbsfilm "Exhibition".
    foto: locarno 2013

    Präzise-analytische Studie eines Paares, das in den offenen Räumen seines Hauses unsichtbare Grenzen hochgezogen hat: Protagonistin D (Viv Albertine) in Joanna Hoggs Wettbewerbsfilm "Exhibition".

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