Fotograf Allan Sekula gestorben

12. August 2013, 18:11
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Kritiker mit Kamera und dokumentarischem Blick

Wien – "Globaler Handel ist eben nicht nur eine Sache des Mausklicks", sagte Allan Sekula dem STANDARD 2002 in einem Interview im Hinblick auf meist in kurzen Durchrechnungsintervallen planende, gewinnorientierte Konzernchefs. Hafenarbeitern, deren Schicksal er in seinen Fotoserien oft dokumentiert hat, attestierte der US-Amerikaner Sekula, geboren 1951 in Erie (Pennsylvania), mehr Weitblick. "Die Arbeiter spüren das Ungleichgewicht aus erster Hand: Rohmaterial verlässt das Land, Fertigprodukte aus China oder Vietnam kommen herein."

Das Meer und die Häfen waren Schauplatz seiner berühmtesten Fotoserie: "Fish Story", 2002 bei der Documenta 11 erstmals komplett präsentiert, ist ein Zyklus (1989–1995) über Containerschifffahrt und den Alltag von Hafenarbeitern (aktuell zeigt das Moma in New York das letzte Kapitel daraus). Das Meer und der Hafen, sie tauchen in Sekulas kapitalismuskritischem Œuvre immer wieder auf: als Metaphern für wichtige Schnittstellen einer sich ändernden globalen Ökonomie. So etwa in "The Forgotten Space" (gemeinsam mit Noel Burch), der den Bildessay von "Fish Story" in filmische Sequenzen übersetzt hat und 2010 beim Filmfestival Venedig mit dem Orrizonti-Preis ausgezeichnet wurde.

Im Projekt "Titanic’s Wake" (1998–2000) recherchierte Sekula, der sich einer "kritischen sozialen Praxis der Dokumentation" verpflichtet sah, am Drehort von Titanic, wo viele Menschen durch die künstlichen Überflutungen ihre Lebensgrundlage (Muschelfang) verloren. 2003 dokumentierte er im Auftrag von La Vanguardia die durch den Tanker Prestige verursachte Ölpest vor Galiziens Küste.

Das Filmische war in seiner sich stets politischen und sozialen Themen widmenden Arbeit jedoch seit seinen Anfängen in den 1970er-Jahren angelegt: Sekula misstraute dem Einzelbild, arbeitete stets in Serien; textlich begleitet mündeten einige davon in Publikationen. Er habe kein Problem damit, sich als "Autor" und "Fotograf" zu bezeichnen, sagte er. Das sei weitaus präziser, als zu sagen, man sei "Künstler", und darüber hinaus öffne es bei der Recherche mehr Türen.

Auch in Österreich war Allan Sekulas Arbeit in wichtigen Einzelausstellungen zu sehen. 2002 und 2005 etwa in Graz in der Camera Austria, die ihm - u. a. für die Serie "Auf Tränengas warten" über die Unruhen rund um die WTO-Konferenz 1999 in Seattle - den Camera-Austria-Preis 2001 zusprach. 2003 zog die Generali Foundation einen weiten Bogen und setzte frühe Arbeiten Sekulas in Dialog mit wesentlich später entstandenen Serien.

Allan Sekula ist in der Nacht auf Sonntag nach langer Krankheit in Los Angeles gestorben. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 13.8.2013, Langversion)

  • Allan Sekula, kritischer Dokumentarist, starb 62-jährig.
    foto: standard/hendrich

    Allan Sekula, kritischer Dokumentarist, starb 62-jährig.

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