"Die Politik beschäftigt sich nur mit sich selbst"

Interview12. August 2013, 17:17
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Der aus dem Irak stammende, in Belgien lebende Regisseur Mokhallad Rasem zeigt "Romeo und Julia" beim Young Directors Project und spricht über das Theater seiner Geburtsstadt Bagdad

STANDARD: Bevor Sie nach Europa gekommen sind, haben Sie am Nationaltheater von Bagdad gearbeitet. Lässt sich das Haus mit einem Stadttheaterbetrieb vergleichen?

Rasem: Nicht ganz. Am Nationaltheater Bagdad arbeiten um die 600 Schauspieler und nur etwa sechs, sieben Regisseure. Nicht alle Ensemblemitglieder arbeiten ständig. Manche haben mehrere Jahre nicht gespielt, bekommen aber dennoch ihre Gehälter. Das Geld kommt zur Gänze vom Kulturministerium.

STANDARD: Gibt es inhaltliche Vorgaben vonseiten der Politik?

Rasem: Nein, das Ministerium schreibt nichts vor. Aber es ist dennoch schwer, etwas durchzusetzen. Zu Saddam Husseins Zeiten gab es eine Partei, die bestimmte. Heute sind es siebzig Parteien, die schwer konsensfähig sind. Zudem wird der aktuelle Kulturminister von der Künstlerschaft strikt abgelehnt, weil er eine islamisierte Kultur durchsetzen will. Jeden Freitag gibt es deswegen eine Demonstration. Ich war vor zwei Wochen in Bagdad und konnte es selbst sehen. Für 15. August ist eine große Künstlerdemonstration angekündigt. Bizarrerweise ist der Kulturminister zugleich der Minister für Sicherheit, das sagt einiges.

STANDARD: Angeblich fanden Theatervorstellungen in der Zeit des Krieges aus Sicherheitsgründen am Vormittag statt. Können Sie sich daran erinnern?

Rasem: Ja, ich erinnere mich. Nach den Gefechten war alles zerstört, aber die Theaterleute haben Mittel und Wege gefunden, trotzdem zu spielen. Die Vorstellungen fanden um zwölf Uhr Mittag statt, in den Ruinen der Theatergebäude. Die Schauspieler haben da bei bis zu 50 Grad gespielt in Kostümen, die zum Teil angebrannt waren. Sie haben die Requisiten verwendet, die eben noch da waren. Man brauchte nicht viel Publicity, im Gegenteil, die Leute waren bestens informiert und warteten ungeduldig darauf. Außerdem ist der Eintritt frei.

STANDARD: Auch nach dem Krieg?

Rasem: Auch heute. Es gibt heute allerdings eine neue Form von nicht besonders niveauvollem Entertainmenttheater, simple Komödien, für die ein niedriger Kartenpreis eingehoben wird. Die qualitätsvollen Produktionen sind nach wie vor frei.

STANDARD: Als qualitätsvolle Häuser gelten das Rasheed oder das Mansour. Was wird da gespielt?

Rasem: Das Rasheed wurde zerstört und nicht mehr aufgebaut. Während des Krieges wurde das Haus absichtlich ausgebrannt, sodass alle Requisiten und Dokumente zerstört waren. Das Mansour hingegen liegt in der "green zone" von Bagdad, das ist die Security-Zone für Militär und Politik, ein bestens ausgestatteter Bezirk mit Elektrizität, Internet und generell bester Infrastruktur. Die Bevölkerung lebt aber in der "red zone". Das Mansour ist also öffentlich nicht mehr zugänglich, es ist nicht einmal mehr sichtbar, weil hohe Wände um diese Zone herum errichtet wurden. Wofür das Theater heute benützt wird, weiß außerhalb niemand. Vielleicht für Politiker-Partys? Als Kind ging ich oft mit meinem Vater, er war Schauspieler, in das Mansour, es war ein sehr gutes Theater.

STANDARD: Welches Haus würden Sie heute in Bagdad empfehlen?

Rasem: Es gibt eigentlich nur mehr das Nationaltheater. Der Rest ist zerstört. Allerdings werden alte kleine Kinos von Theatergruppen bespielt. Der Kinobetrieb in Bagdad ist nämlich stillgelegt. Es werden zwar irakische Filme produziert, aber es fehlt seit dem Krieg an der nötigen Projektionstechnik. Die wurde nicht mehr aufgebaut. Die Prioritäten der Politiker sind schlichtweg andere. Die Politik beschäftigt sich nur mit sich selbst. Die Menschen verlieren auch die Geduld. Mit siebzig Parteien ist es einfach nicht möglich weiterzukommen. Nichts bewegt sich. Das Opfer dieser Stagnation ist die Bevölkerung.

STANDARD: Welche Themen verhandelt das Theater im Irak?

Rasem: Es geht vor allem um Begriffe wie Freiheit, Demokratie und Gewalt. Romeo und Julia wurde etwa als Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten inszeniert.

STANDARD: Teilen Sunniten, Schiiten, Alewiten usw. die gleichen kulturellen Interessen?

Rasem: Die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten wurde vor allem von den Medien befördert. Vor dem Krieg gab es diese Oppositionen nicht so stark, zum Beispiel ist meine Mutter Sunnitin, mein Vater war Schiit. Die Regierung Saddam Husseins war sunnitisch, also war er gegen Schiiten. Jetzt ist es umgekehrt, die Schiiten sind an der Macht, also sind die Sunniten die "Bösen". Zwischen den Menschen an sich gibt es keinen Streit. Aber Leute werden bezahlt, um diesen Konflikt zu promoten. Wenn also eine Autobombe in Bagdad explodiert, dann sagen die Sunniten, die Schiiten waren's, und umgekehrt. Von diesem andauernden Konflikt profitieren Politiker. Die Bevölkerung ist dessen längst überdrüssig.

STANDARD: Sie haben nun "Romeo und Julia" inszeniert, als Nächstes kommen "Hamlet" und "Othello". Warum Shakespeare und warum aber - wie bei "Romeo und Julia" - nur Bruchstücke seines Textes?

Rasem: Es war immer mein Traum, Shakespeare zu inszenieren. Ich bin von den Bildern in seinen Stücken sehr inspiriert. Wenn Shakespeare über einen Fluss schreibt, dann trifft mich dieses poetische Bild. Ich beschäftige mich mit seinen poetischen Ideen, aber verwende dann nicht immer den Originaltext. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 13.8.2013)

Mokhallad Rasem wurde 1982 in Bagdad geboren und dort am Konservatorium ausgebildet. 2006 kam er nach Antwerpen, wo er derzeit am renommierten Toneelhuis als Regisseur arbeitet.

  • Mokhallad Rasem inszenierte "Romeo und Julia".
    foto: koen broos

    Mokhallad Rasem inszenierte "Romeo und Julia".

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