Pembrokeshire - Weil's Wales ist

15. August 2013, 17:37
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Die walisische Grafschaft Pembrokeshire zeigt dem ein rundes Bild, der sie zu Fuß auf einem neuen Küstenweg umrundet

Wie der Kopf eines Raubfisches ragt Pembrokeshire in den Atlantik hinein. Wir sind unterwegs im Südwesten von Wales, vor uns liegen schroffe Steilküsten, menschenleere Strände und sanfte Hügel. Nicht umsonst wurde diese Grafschaft von der National Geographic Society zu einer der schönsten Küstenlandschaften weltweit gewählt. Sie ist auf drei Seiten vom Meer umgeben, und große Teile gehören zum Pembrokeshire Coast National Park, der Brutplatz für viele Seevogelarten und also auch Anziehungspunkt für Birdwatcher ist.

Erst seit rund einem Jahr gibt es hier den Pembrokeshire-Küstenweg, ein rund 300 Kilometer langes Wanderband. Wer  gerne geht, genießt die frische Brise und außergewöhnliche Ausblicke. Der Pfad schlängelt sich zwischen Saint Dogmaels im Norden und Laugharne im Süden durch menschenleere Gebiete, immer mit Blick aufs Meer. Je nach Wetter schimmert es grün, blau oder schiefergrau, denn der Himmel über Großbritannien ist bekanntlich launisch.

Das stetige Auf und Ab beim Wandern bietet durchaus sportliche Herausforderungen. Je nach Streckenabschnitt sind bis zu 900 Höhenmeter zu bewältigen, aber das ist nichts, was einen alpin geprägten Wanderer beeindrucken könnte.  

Kaum Menschen zum Küssen

Unterwegs trifft der Wanderer mehr Seevögel und Schafe als Menschen, und wenn er Glück hat, kann er Robben beim Faulenzen oder Delfine beim Spielen beobachten. Es empfiehlt sich also, immer ein Fernglas dabei zu haben. Damit hier das Zwischenmenschliche nicht zu kurz kommt, kann man sich beim Überqueren der abgezäunten Wiesen an speziellen Durchgängen, den sogenannten "kissing gates", einander körperlich nähern. Die Holztore sind so gebaut, dass der Vordermann um die enge Kurve eines Gatters gehen muss und direkt vis-à-vis vor seinem Hintermann oder seiner Hinterfrau zu stehen kommt. Bei entsprechender Sympathie küsst man einander, denn das bringe Glück, behaupten die Waliser.

Eine weitere Besonderheit walisischen Wanderns sind die "stiles", kleine Holztritte, mit denen man Weidenzäune überwindet. 280 Weidegatter mit 4200 Treppenstufen soll es offiziell geben. Um sie alle auf dem gesamten Fernwanderweg abzuklappern, braucht man zwölf bis fünfzehn Tage.   

Ein Höhepunkt des Küstenwegs ist der Halt in Saint Davids. Benannt wurde der Ort nach dem walisischen Schutzpatron, der im 6. Jahrhundert Wunder vollbracht haben soll. Hier schlägt bis heute das spirituelle Herz der Waliser, vor 850 Jahren wurde ihm zu Ehren eine eindrucksvolle Kathedrale errichtet. Zwei Pilgerreisen hierher zählten im Jenseits so viel wie eine nach Rom, steht es auf einem Schild in der Kathedrale.  

Je nach Kondition kann man die Tages-etappen auch abkürzen. Dann lässt man sich entweder an leicht zu findenden Parkplätzen vom Taxi abholen, oder man macht sich mit dem lokalen Bussystem vertraut. Drei verschiedene Linien stehen zur Verfügung, mit einem Fahrplan ausgerüstet, kann man entsprechend planen. 

Teilstrecken des Küstenweges führen durch Fischerstädtchen wie Tenby, Solva oder Fishguard. Irgendwo in einem dieser Orte läuft immer eine Film-DVD mit Richard Burton, denn der gebürtige Waliser spielt in Under Milk Wood. Der walisische Nationaldichter Dylan Thomas hatte das weltberühmte Hörspiel hier im Südwesten geschrieben. In Fishguard wurde es dann mit Burton, Elizabeth Taylor und Peter O'Toole verfilmt.

Überhaupt kommt einem der berühmteste Sohn des Landes im Südwesten von Wales andauernd unter. Dylan Thomas und Wales, das ist wie Shakespeare und Stratford. In seinem kurzen Dichter- und Säuferleben hatte er zuletzt in Laugharne gelebt. 1934 kam er erstmals in dieses Fischerdorf, 15 Jahre später zog er mit seiner Familie endgültig hierher. 

Autos rasen - Dylan's Walk

Das kleine Dorf hat eine Hauptstraße aus Kopfsteinpflaster, auf der die meisten Autos mit überhöhter Geschwindigkeit nur in Richtung der benachbarten Badeorte rasen. Thomas' Stammlokal gibt es noch immer. Nachdem es jahrelang geschlossen war, wurde es 2012 nach aufwändiger Renovierung mit neuen Gästezimmern wiedereröffnet.

Nicht weit von hier beginnt der „Dylan's Walk", und gleich am Anfang steht das Seaview. Seit kurzem erstrahlt auch dieses Haus, das der Familie Thomas gehörte, wieder in neuem Glanz. „Restaurant with rooms" steht auf einem Schild - typisch britisches Understatement. Die vier in viktorianischem Plüsch eingerichteten Zimmer sind keineswegs nur für jene gedacht, die der walisischen Trinkfestigkeit Tribut zollen mussten und hier ihren Rausch ausschlafen.

Am Ende des Spazierweges steht das Boat House, in dem die Familie Thomas bis zu Dylans Tod gelebt hat und das heute als Museum dient. Die ehemalige Autogarage hat einen frischen Außenanstrich bekommen. Aber das grelle Türkis wirkt allzu exotisch angesichts des grauen Wattenschlicks dahinter. An der Vorderseite hat man eine Art Guckfenster eingebaut, die den Blick auf das Innere freigibt. Überall liegen Papierlisten herum. Thomas liebte Listen. Er hatte unzählige Reihen von reimenden Wörtern für Ereignisse zusammengestellt, die in seinen Gedichten vorkommen sollten. 

Die Dichterwerkstatt will den Eindruck vermitteln, Thomas käme gleich wieder: an den eisernen Kohleofen, zum Holztisch oder ans Bücherbord. Zwei Bierflaschen stehen auf dem Schreibtisch, am Sessel hängen Sakko und Krawatte, so als sei Dylan nur kurz ein Pint im Brown's trinken gegangen. Es ist ein rührender Versuch, das Universum des Dichters mit Alltagsgegenständen festzuhalten.

Etwa 25.000 Besucher kämen jährlich ins Boat House, sagt Elari Retallik. Manche, weil sie den Dylan-Wanderweg entlanggingen und dann per Zufall hier landeten. "Andere wiederum verhielten sich wie auf einer Pilgerreise", erzählt die Museumsleiterin, "aber alle sind sie von der Schönheit des Ortes überwältigt."

Thomas' Grab liegt auf einem Hügel in Laugharne. Es ist diesig in der Abenddämmerung und nieselt, wie es sich für einen Friedhof gehört. Zwischen alten Bäumen versteckt liegt die Kirche Saint Martins, und in der Mitte des Grabes steht ein schlichtes Kreuz - zu klein jedenfalls für ein Zitat wie: "Mondlose Nacht in der kleinen Stadt, sternlos und bibelschwarz, der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehenschwarzen, krähenschwarzen, fischerbootschaukelnden See." Aber immerhin ist heute Abend alles, wie Dylan Thomas es damals beschrieb. (Michael Marek, DER STANDARD, Rondo, 16.8.2013)

 

  • Der westlichste Zipfel von Wales lässt sich nun fast zur Gänze auf einem Wanderweg umrunden, hinge nicht  Pembrokeshire im Osten  an Großbritannien.
-> Hier gibt's Bilder aus Pembrokeshire
    foto: corbis/peter watson

    Der westlichste Zipfel von Wales lässt sich nun fast zur Gänze auf einem Wanderweg umrunden, hinge nicht  Pembrokeshire im Osten  an Großbritannien.

    -> Hier gibt's Bilder aus Pembrokeshire

  • Anreise & Unterkunft
Flüge von Wien nach Cardiff nur mit Zwischenstopp - etwa mit British  Airways, Lufthansa, KLM oder Flybe. 
Unterkünfte: www.browns-hotel.co.uk oder seaview-laugharne.wales.info
    grafik: der standard

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