Modena: Wie Don Camillo und Peppone

12. August 2013, 16:35
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Emilia an der Adria und Romagna mit viel Arbeit könnten verschiedener nicht sein - erfährt man in der Emilia-Romagna

Auf der Suche nach dem "Land, wo die Zitronen blühn", muss man viele Kilometer fressen. Nicht der Weg ist jetzt das Ziel: Es gilt die langweilige Autobahn über Mestre und Padua nach Bologna so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Erst wenn die erste, wie eine Brücke über die Fahrbahnen gebaute Raststation auftaucht, beginnt das Herz etwas höher zu schlagen: Mit engen Kurvenradien, fehlenden Pannenstreifen und 20 Tunnels, die alle Sicherheitsstandards unterlaufen, sorgt die alte Autostrada nach Florenz für Spannung und das Gefühl, wirklich in Italien zu sein.

Sicher, von der Autobahn aus scheint die Emilia-Romagna, deren Grenze zum Veneto im Norden der träg fließende Po bildet, nur brettleben zu sein. Und so glaubt man, die Provinz mit ihren riesigen landwirtschaftlich genutzten Flächen locker links liegenlassen zu können. Doch welche Fehleinschätzung! Auch wenn es keinen schiefen Turm und keinen Chianti gibt: Kulinarisch wie kunsthistorisch steht die Emilia-Romagna den anderen Regionen ringsum nichts nach. Man denke nur an den Lambrusco, den Parmaschinken oder die mit Rucola und Squacquerone gefüllten Piadina-Fladen. Und das Hinterland von Rimini hin zum unbeugsamen Zwergstaat San Marino beeindruckt mit seiner gebirgigen, burgenbekrönten Kulisse.

Die Emilia-Romagna erhielt ihren Namen erst 1947. Die beiden Teile könnten, Don Camillo und Peppone ähnlich, kaum unterschiedlicher sein: In der Romagna an der Adriaküste gibt es mehr Sonne und Spaß, in der Emilia hingegen mehr Nebel und Arbeit.

Hier, am Rubikon, einem Rinnsal, das oberhalb von Rimini ins Meer fließt, endete einst das Römische Reich. Und daher beginnt in Rimini, beim prächtigen Augustusbogen, die Via Flaminia. Aber nicht alle Wege führen nach Rom: Unter Marcus Aemilius Lepidus, der mit Octavian und Marcus Antonius nach der Ermordung Caesars das Zweite Triumvirat bildete, wurde die Via Emilia angelegt. Sie führt von Rimini bis nach Mailand und ist auch heute noch das Rückgrat der Provinz. Eigentlich diente sie zur raschen Truppenverlegung entlang der Grenze zu Gallia cisalpina. Alle 25 oder 32 Kilometer, also im Abstand eines Tagesmarsches, errichtete man befestigte Lager. Ein paar, darunter Lodi und Fidenza, verloren im Laufe der Jahrhunderte an Bedeutung; die meisten aber wurden Handelszentren und schließlich schmucke Städte. Sie sind, wie man so sagt, aneinandergereiht wie Perlen auf einer Kette: Cesena, Forlì, Faenza, Imola, Bologna, Modena, Reggio nell'Emilia, Parma usw.

Mit etwa 380.000 Einwohnern ist Bologna die Hauptstadt der Region. Als Wahrzeichen fungieren zwei mittelalterliche Türme. Der eine, der um 1300 erbaute Torre degli Asinelli, war mit einer Höhe von 94,5 Metern für 133 Jahre, bis er vom Stephansdom abgelöst wurde, das höchste Gebäude Europas - und er erinnert, zusammen mit elf anderen, an die einst 80 Geschlechtertürme. Eine Besonderheit von Bologna sind, neben der gewaltigen Basilika San Petronio, deren Fassade unvollendet blieb, die Arkadengänge. Sie erstrecken sich in der Altstadt über fast 40 Kilometer. Ende des 13. Jahrhunderts zählte Bologna, dessen Universität 1088 gegründet worden war, rund 50.000 Einwohner; ein Fünftel davon waren Studenten. Um dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, wurden die Hausbesitzer verpflichtet, die oberen Stockwerke zur Straße hin auszubauen. So entstanden die Portici. Für den Durchzugsverkehr und den Handel ergaben sich durch diese gefinkelte Maßnahme kaum Beeinträchtigungen.

Arkadengänge gibt es auch in der Nachbarstadt, wenngleich nur mit einer Gesamtlänge von 18 Kilometern. Aber Modena, das den Konkurrenzkampf mit Bologna längst verloren hat, ist weit kleiner und beschaulicher. Man sollte nicht versäumen, das mittelalterliche Rathaus an der Piazza Grande gleich neben dem romanischen Dom San Geminiano zu besuchen. Die Türflügel hängen extrem windschief in den Angeln, schließen aber erstaunlich dicht. Und der alte Versammlungssaal wurde zum Glück noch nie renoviert: Nur stellenweise hat man neue Seidentapeten über besonders zerschlissene Teile geklebt. Heutzutage dient der Saal in seinem wunderschön-elenden Zustand für die Pressekonferenzen des Bürgermeisters.

Wer in Modena Station macht, sollte zu Mittag in der längst legendären Trattoria Ermes in der Via Ganaceto 89 einkehren. Mit einer Wartezeit muss allerdings gerechnet werden, denn Ermes Rinaldi, der alle, auch den Herrn Professor, duzt, nimmt keine Reservierung entgegen. Und sein Lokal ist klein.

Dass Luciano Pavarotti 1935 in Modena geboren wurde, wo er 2007 auch starb, wird keinem bei einem Stadtbummel entgehen: Das Theater wurde nach dem Tenor benannt; und selbst ein Mineralwasser gedenkt seiner auf dem Etikett.

Ferraristi müssen natürlich auch die Casa Enzo Ferrari im Norden der Stadt besuchen. Es handelt sich dabei um das Geburtshaus des Commendatore (1898-1988), dessen Vater hier eine Schlosserei betrieb. Gleich nebenan wurde 2012 ein spektakuläres, windschlüpfriges, zur Hälfte in die Erde gedrücktes Museumsgebäude mit knallgelbem Dach eröffnet. Eine komplexe Soundinstallation gaukelt einem vor, man befinde sich am Rande einer Rennstrecke. Ausgestellt sind unter anderem das ehemalige Arbeitszimmer von Enzo Ferrari in Maranello, diverse Erinnerungsstücke sowie zahlreiche Boliden, darunter jene von Niki Lauda und Gerhard Berger. Ein Ersatz für den Besuch des Werksgeländes samt Galleria Ferrari stellt die Casa aber nicht dar; mit dem Fokus auf das Leben des Sportwagenkonstrukteurs ist es eher eine gute Ergänzung. Ein Bustransfer nach Maranello wird daher im Stundentakt angeboten.

Die Gourmets hingegen sollten zu einem Balsamico-Hersteller pilgern, beispielsweise zur Acetaia nach San Donnino. Echter Aceto balsamico tradizionale di Modena darf nur im Umkreis von 30 Kilometern hergestellt werden und aus nichts anderem als Traubenmost bestehen. Damit der Essig seine Konsistenz und seinen Geschmack erhält, ist ein aufwändiges Verfahren vonnöten. Der Most wird, nachdem er 24 Stunden lang gekocht wurde, in eine "Batterie" von zumindest fünf kleinen Fässern unterschiedlicher Größe gefüllt. Diese stehen in den Dachstühlen, denn der Saft braucht für die Gärung Hitze im Sommer und Kälte im Winter. Die Spundlöcher bleiben offen, damit der Essig atmen und verdampfen kann. Jeden Winter werden die Holzfässer aufgefüllt: jeweils mit dem Essig des nächstgrößeren Fasses. Und so geht das über zumindest zwölf Jahre. Aus 400 Litern Most wird schließlich ein einziger Liter Balsamico.

Es lohnt, an einer Verkostung teilzunehmen: Im direkten Vergleich schmeckt ein Supermarkt-Balsamico, gestreckt mit Weinessig, eingefärbt mit Karamell und bloß abgefüllt in Modena, echt grauslich. Für den täglichen Salat wird man trotzdem nicht den "echten" Balsamico verwenden. Denn man hat Apothekerpreise zu zahlen: 100 Milliliter kosten 40 Euro, 25 Jahre gelagerter Balsamico kommt auf 75 Euro das Fläschchen. Da wird man geizig - und gibt nur ein, zwei Tropfen auf den Parmesan oder das Vanilleeis.

Ein andere uralte Tradition ist in Santarcangelo an der Rocca Malatestiana zu entdecken: In der Stamperia Marchi, gegründet 1633, kann man beim Tuchdruck zuschauen. Die Muster der Holzstempel gehen zum Teil auf das 15. Jahrhundert zurück, verwendet werden ausschließlich Naturfarben, darunter auch "Rost", angerührt aus oxidiertem Eisen, Essig und Mehl. Vor dem Drucken muss das Leinen allerdings geglättet werden. Man behalf sich früher mit einem Steinquader, unter den man das Linnen legte. Wie dieser in der dunklen Werkstatt angehoben wird, ist der eigentliche Höhepunkt: mittels Seilzügen und eines der letzten noch funktionierenden Mannräder.

Fortgesetzt werden kann die Zeitreise zum Beispiel mit einem Besuch von San Leo, einem idyllischen mittelalterlichen Dorf, das bis vor kurzem noch zu den Marken gehörte, in den Bergen nächst San Marino. In der gewaltigen Festungsanlage, die über San Leo thront, wurde Graf Cagliostro, der Alchemist und Freimaurer, eingesperrt: Seine Zelle hatte keine Türe, es gab bloß eine Luke in der Decke, durch die ihm das Essen hinuntergeworfen wurde.

Und dann geht es weiter zur Küste. Rimini kann man - außer man braucht endlos durchmöblierte Strände - eher auslassen, ungeachtet dessen, dass Caesar im Stadtzentrum auf seinem Marsch gen Rom gesagt haben soll, dass die Würfel gefallen seien. Und bestens erhalten ist die römische Ponte di Tiberio, die in fünf Bögen den Marecchia (oder was von ihm seit der Verlegung der Mündung erhalten geblieben ist) überspannt. Aber die Alliierten bombardierten Rimini im Zweiten Weltkrieg. Und das sieht man leider in der Altstadt.

Auch Ravenna wurde in Mitleidenschaft gezogen. Aber alle wichtigen Kulturdenkmäler blieben erhalten, darunter das Grabmal des Theoderich und die Kathedrale San Vitale, ein mächtiger Zentralbau. Grandios sind nicht nur die farbenfrohen Mosaike im Mausoleum nebenan, sondern auch jene in der Basilica di San Apollinare Nuovo. Sie wurden, wie man deutlich erkennen kann, von den byzantinischen Herrschern zensuriert und überarbeitet: Vorhänge machen die Figuren zwar unsichtbar, aber stellenweise lugen seitlich Arme hervor.

Es heißt, dass Venedig untergeht. Dieses Schicksal droht aber auch Ravenna: Die ehemalige Lagunenstadt, nun 13 Kilometer von der Küste entfernt, sinkt pro Jahr um sieben Millimeter. Die alten Gebäude sind bereits um vier Meter gesunken, die malerische Piazza del Popolo liegt schon zwei Meter unter dem Meeresniveau, und die Kathedrale kann nur mit Pumpen trockengehalten werden. Es wird also Zeit für einen Besuch. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, Album, 10.8.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde von Tui und Enit unterstützt.

  • Zum Glück noch nie renoviert: der alte Versammlungssaal im Rathaus von Modena. Er dient heutzutage für die Pressekonferenzen des Bürgermeisters.
    foto: florian albert

    Zum Glück noch nie renoviert: der alte Versammlungssaal im Rathaus von Modena. Er dient heutzutage für die Pressekonferenzen des Bürgermeisters.

  • Arkadengänge gibt es auch Modena (Piazza Grande, die Kathedrale und Ghirlandinaturm).
    foto: enit/vito arcomano

    Arkadengänge gibt es auch Modena (Piazza Grande, die Kathedrale und Ghirlandinaturm).

  • Flexibel, selbstbestimmt, keine Gepäcksbeschränkungen – die Vorteile des Urlaubs mit dem eigenen Auto liegen auf der Hand. Die Nachfrage nach erdgebundenen Programmen habe laut Terra Reisen in den vergangenen Jahren stark zugelegt, auch 2012 seien die Umsätze und Gästezahlen weiter gestiegen. Terra Reisen, ein Unternehmen von Tui, ist Österreichs größter Veranstalter für Autoreisen. Das Angebot wird daher sukzessive weiter ausgebaut. In Italien stehen 239 Hotels und 355 Ferienwohnungen, darunter auch Landhäuser in der Toskana, zur Verfügung. Besonders beliebt sei die Region um den  Gardasee.Info: www.terra-reisen.com
    foto: enit/vito arcomano

    Flexibel, selbstbestimmt, keine Gepäcksbeschränkungen – die Vorteile des Urlaubs mit dem eigenen Auto liegen auf der Hand. Die Nachfrage nach erdgebundenen Programmen habe laut Terra Reisen in den vergangenen Jahren stark zugelegt, auch 2012 seien die Umsätze und Gästezahlen weiter gestiegen. Terra Reisen, ein Unternehmen von Tui, ist Österreichs größter Veranstalter für Autoreisen. Das Angebot wird daher sukzessive weiter ausgebaut. In Italien stehen 239 Hotels und 355 Ferienwohnungen, darunter auch Landhäuser in der Toskana, zur Verfügung. Besonders beliebt sei die Region um den  Gardasee.
    Info: www.terra-reisen.com

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