"Informierte Patienten leben mit Sicherheit gesünder"

19. August 2013, 06:58
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Was mündige Patienten über das Gesundheitssystem wissen sollten, erklärt der deutsche Risikoforscher Gerd Gigerenzer

In Gesundheitssystemen gibt es sehr viele gegenläufige Interessen, sagt Risikoforscher Gerd Gigerenzer und erklärt warum sich jeder von uns dessen bewusst sein sollte.

STANDARD: Patienten werden getäuscht, sagen Sie. Was genau verstehen Sie darunter?

Gigerenzer: Sie werden bei der Information über den Nutzen und die Gefahren von Behandlungen und Diagnoseverfahren mit statistischen Tricks manipuliert. Manchmal passiert es aus Unkenntnis, weil die Politiker und Ärzte die Zahlen und wissenschaftlichen Grundlagen nicht verstehen. Manchmal geschieht es aber wissentlich, weil es Interessenkonflikte gibt und es um viel Geld geht. Darum ist die Politik auch gefordert, für unabhängige Information und Aufklärung zu sorgen. Sonst ist der Gesundheitssektor bald dort, wo die Banken heute sind -beim Vertrauensverlust.

STANDARD: Viele Patienten vertrauen ihren Ärzten beinahe blind. Sollten sie das lieber nicht tun?

Gigerenzer: Man muss die Ärzte auch in Schutz nehmen. Wer für die Beratung eines Patienten weniger als zehn Euro von der Krankenkasse bekommt und an Untersuchungen ein Vielfaches verdient, wird weniger beraten und mehr untersuchen. Das ist ein Interessenkonflikt, den sich die Patienten nicht länger gefallen lassen sollten.

STANDARD: Sie haben in Studien gezeigt, dass viele Mediziner Probleme mit Zahlen haben. Muss ein Arzt Statistik beherrschen?

Gigerenzer: Ärzte müssen medizinische Studien verstehen können. Sonst können sie nicht nach dem besten Stand der Wissenschaft behandeln. Und sie sollten ihre Patienten auch objektiv und verständlich aufklären, damit diese informiert entscheiden können.

STANDARD: Fühlen sich Patienten mit zu viel Information nicht manchmal überfordert?

Gigerenzer: Das kann vorkommen. Darum müssen wir die Bürger in Gesundheitsfragen kompetenter machen. Der nachhaltigste Weg dazu wäre, die Schulen zu revolutionieren. Man kann bereits Volksschülern spielerisch den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken beibringen.

STANDARD: Wer will Patientenkompetenz?

Gigerenzer: Das ist eine gute Frage. Vermutlich nur wenige. Aber die Bürger selbst sollten ein Interesse daran haben und unabhängige Information einfordern - auch wenn sich der Staat nicht bewegt. Da geht es um nichts Geringeres als um die Frage, wie wir eine funktionierende Demokratie erhalten können. Vom Paternalismus des 20. Jahrhunderts wollen wir uns verabschieden.

STANDARD: Sie behaupten, dass gut informierte Patienten das System billiger machen würden. Wie das?

Gigerenzer: Um ein Beispiel zu nennen: In den USA erhält jährlich rund eine Million Kinder unnötige Computertomografieuntersuchungen, die zudem eine erhebliche Strahlenbelastung mit sich bringen. Das ist eine Defensivmedizin, die vor allem der rechtlichen Absicherung dient. Mit besser informierten Patienten und Ärzten könnten wir eine bessere Medizin für weniger Geld machen. Das würde aber auch bedeuten, dass manche Leistungserbringer weniger verdienen würden. Dagegen wehren sie sich diese natürlich.

STANDARD: Wie können sich Patienten vor unnötigen Untersuchungen schützen?

Gigerenzer: Der getäuschte Patient ist das Opfer einer Kette verzerrter Informationen. Die Menschen müssen lernen, den Ärzten die richtigen Fragen zu stellen. Und sie sollten einfordern, dass sie Nutzen und Schaden von Untersuchung oder Behandlungen in konkreten Zahlen erfahren. Daneben sollten sich die Patienten bewusst sein, dass auch Mediziner nicht alles wissen und möglicherweise Interessenkonflikte haben. Schlussendlich brauchen die Patienten auch noch eine Portion Mut, um die Verantwortung für ihre eigene Entscheidung in Gesundheitsfragen zu übernehmen.

STANDARD: Viele Ärzte fürchten sich vor Haftungsklagen. Ist das auch in Europa bereits berechtigt?

Gigerenzer: In den USA besteht diese Angst zu Recht. Auch in Deutschland und in der Schweiz wird bereits geklagt. Ärzte können sich aber absichern, indem sie medizinische Evidenz lesen und sie auch zu verstehen lernen.

STANDARD: Wo beginnt das Übel der Manipulation?

Gigerenzer: Sehr früh, bei der Forschungsförderung. Ein Beispiel: Es geht unglaublich viel Geld in die Erforschung von Krebsmedikamenten und teuren Methoden der Früherkennung. Aber etwa 50 Prozent aller Krebsarten sind durch Verhalten bedingt: Rauchen, Fettleibigkeit, Alkohol. Und es gibt immer noch kaum Mittel für die Förderung der Gesundheitskompetenz von Kindern und Jugendlichen. Damit könnte man vermutlich mehr Menschen das Leben retten. Aber das Geld geht dorthin, wo die Interessen der Industrie liegen.

STANDARD: Worauf sollten Patienten bei Gesundheitsinformationen achten?

Gigerenzer: Ein sehr beliebter Trick ist es zum Beispiel, die Vorteile in großen relativen Zahlen und die Nachteile in kleinen absoluten Zahlen anzugeben. Angenommen eine Behandlung verringert die Wahrscheinlichkeit von je 1000 Personen, die Krankheit A zu bekommen, von zehn auf fünf. Gleichzeitig erhöht sich jedoch das Risiko für die Krankheit B von fünf auf zehn je 1000. In Publikationen wird dann gerne der Vorteil als Risikoreduktion von 50 Prozent dargestellt und der Nachteil als eine Erhöhung von fünf pro 1000, also 0,5 Prozent. Beides ist formal richtig, wird aber völlig anders verstanden. Dieses "mismatched framing" ist unethisch und eine Sünde an den Patienten.

STANDARD: Leben informierte Patienten länger?

Gigerenzer: Dazu gibt es keine Untersuchung. Aber informierte Patienten leben mit Sicherheit gesünder. Von den 60- bis 70-jährigen Männern hat fast jeder Zweite eine Art von Prostatakarzinom. Würden sich alle operieren lassen, hätten wir ein Heer von inkontinenten und impotenten Männern mit einem Verlust von Lebensqualität.

STANDARD: Raten Sie Freunden vom PSA-Test zur Früherkennung ab?

Gigerenzer: Nein. Ich möchte keinen neuen Paternalismus schaffen. Ich betone aber bei jeder Gelegenheit, dass Vorsorge und Lebensstil viel effektiver sind als Früherkennungsuntersuchungen. (Andrea Fried, DER STANDARD, CURE, 19.8.2013)

Gerd Gigerenzer ist Buchautor und Wissenschafter am Harding-Zentrum für Risikokompetenz, das zum Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin gehört.

  • Im Wartezimmer werden die Patienten via Bildschirm informiert.
    foto: apa/medscreen

    Im Wartezimmer werden die Patienten via Bildschirm informiert.

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