Herr Matussek ist beleidigt

11. August 2013, 17:55
35 Postings

Als medienkompetenter Mensch hätte er wissen können, dass eine Fernsehshow selten der beste Ort für differenzierte Gespräche ist

Man kennt die Fernsehshow als Biotop selbstdarstellungswilliger Personen, die meist nicht mehr als Worthülsen aufzusagen haben. Durch Überspitzung bis zur völligen Absurdität führt dieses Prinzip der Komiker Kurt Krömer in seiner Late Night Show, die am Samstag auf ARD in die neue Staffel startete. Pervertierung bis zum völligen Wahnwitz lautet die Devise. Eingeladen hatte er in sein "Studio" (die Bühne des Berliner Ensembles, die so tat, als wäre sie eine Studenten-WG in einer Luc-Bondy-Inszenierung) Schlagersängerin Mary Roos und Spiegel- Journalist Matthias Matussek.

Mary Roos nahm die Sache nicht allzu ernst - sprich: Sie konnte über Krömers sinnfreie Gesprächsführung, die gebrüllten Fragen, das lauwarme Wasser (das mangels Gläsern aus einer Flasche getrunken werden musste) nur lachen.

Schwierig wurde es, als Matussek kam. Der hätte gleich bei der Begrüßung kapieren sollen, dass die "Talkshow" hier nur ein Spiel war, inklusive der üblichen Stereotype: "Ich hab dich als Pöbler eingeladen." Er verstand den Wink nicht, überreichte anbiedernd sein neues Buch - und erntete Empörung. Schleichwerbungsalarm!

Krömer war mit seinen Regieanweisungen deutlich, titulierte den Gast (mehrmals!) als "hinterfotziges Arschloch" - doch Matussek wollte nicht spielen und versuchte unbeirrbar, offensichtlich vorbereitete Sätze zu seinen Fachgebieten "Glaube" und "Zölibat" anzubringen. Als medienkompetenter Mensch hätte er wissen können, dass eine Fernsehshow (ob satirisch oder nicht) selten der beste Ort für differenzierte Gespräche ist. Stattdessen wollte er die Ausstrahlung gerichtlich verhindern, plädierte auf Beleidigung. Erfolglos. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 12.8.2013)

Share if you care.