Junge Flüchtlinge lernen bei Pferden Vertrauen

11. August 2013, 17:52
139 Postings

Im Tiroler Volders setzt man auf Reit- und Kunsttherapie, um minderjährige Asylwerber bei der Aufarbeitung von Traumata zu unterstützen

Volders - "Das Heilsame am Umgang mit Pferden ist die Unmittelbarkeit der Begegnung zwischen Mensch und Tier", weiß Gabriele Mantl, Leiterin von Ankyra, dem Zentrum für interkulturelle Psychotherapie der Diakonie in Innsbruck. Die Menschen, hier sechs- bis 13-jährige Töchter und Söhne von Flüchtlingen, könnten sich den großen, starken Tieren anvertrauen, "ohne viele Worte, im Hier und Jetzt".

Denn Vertrauen zerstörende Erlebnisse hätten die Kinder alle hinter sich. Sei es, weil sie im Herkunftsstaat oder auf der Flucht grausam behandelt, ja, manchmal sogar selbst gefoltert wurden. Oder, weil sie miterleben mussten, wie hilflos Vater oder Mutter Verfolgern gegenüber waren - eine Erfahrung, die die Erwachsenen so schwer beeinträchtigen kann, dass sie danach außerstande sind, ihre Elternrolle zu erfüllen. Auch Angst und Hilflosigkeit bei Abschiebeversuchen wirken laut Therapeuten traumatisierend - vor allem auf Kinder.

Ihre Reaktion darauf: Ängste, Albträume, sozialer Rückzug und Formen auffallenden Verhaltens. Symptome, die zu totalem Schulversagen führen und in psychische Erkrankungen münden können. Es sei denn, ein Behandlungsangebot wie die Reittherapie, die Ankyra im Reitstall Kohlerhof in Volders heuer zum fünften Mal anbietet, kommt rechtzeitig: "Der Umgang mit den Pferden fordert die Kinder. Und beim Reiten wirkt die rhythmische Bewegung entspannend, was Emotionen freisetzt", schildert Mantl.

Eltern sind mit dabei

Elf Kinder nehmen die acht Therapietermine von Juni bis Mitte August wahr. Sie kommen aus Afghanistan, dem Iran, Tschetschenien, Armenien und Somalia. Angeleitet von der Reittherapeutin Claudia Baldeo, führen sie die Pferde an der Longe, striegeln, satteln sie - und wagen den einen oder anderen Ritt. Sie sind begeistert bei der Sache, zur Freude der Eltern, die sie begleiten. Viele Väter und Mütter sind selber bei Ankyra wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung als Folge extremer Erlebnisse in Therapie.

Im heurigen Jahr wird das von der Firma Swarowski und dem Flüchtlingsfonds der EU mit 6000 Euro finanzierte Programm erstmals durch Kunsttherapie ergänzt. Österreichweit ist es das einzige Projekt dieser Art. Und auch für klassische Psychotherapie gibt es unter Asylwerbern in Österreich viel Bedarf. Doch bei den Anbietern, neben Ankyra etwa Hemayat und Zebra in Graz, sind die Wartelisten lang. (Irene Brickner, DER STANDARD, 12.8.2013)

  • Heilsame Erlebnisse "ohne viele Worte, im Hier und Jetzt": afghanisches Mädchen im Reitstall. Das Projekt in Volders ist österreichweit das einzige seiner Art.
    foto: standard/iris ullmann

    Heilsame Erlebnisse "ohne viele Worte, im Hier und Jetzt": afghanisches Mädchen im Reitstall. Das Projekt in Volders ist österreichweit das einzige seiner Art.

Share if you care.