Relative Wetterrekorde: Eine Frage der Thermometer-Lage

9. August 2013, 18:55
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Bei Temperaturmessungen spielen viele Einflüsse mit. Auch gültig befundene Rekorde wie die 40,5 Grad Bad Deutsch-Altenburgs sind nicht unumstritten zustande gekommen

Frage: Welche Temperaturmessungen haben offizielle Gültigkeit?

Antwort: Messungen haben erst offizielle Gültigkeit, wenn die jeweilige Messstation bestimmte Kriterien erfüllt und der erreichte Wert dann auch meteorologisch erklärbar ist. Der offizielle Hitzerekord Österreichs - 40,5 Grad - wurde bei einer nach Kriterien der World Meteorological Organisation (WMO) eingerichteten Wetterstation der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) im niederösterreichischen Bad Deutsch-Altenburg gemessen. So eine Station steht auch in Neusiedl am See, allerdings stellte die ZAMG dort einen ungewöhnlich sprunghaften Temperaturverlauf fest, sodass am Freitag zusätzlich eine Datenprüfung stattfand. Diese ergab, dass die in Neusiedl gemessenen 40,6 Grad nicht in die Wetterdatenbank einfließen.

Frage: Was gibt die WMO vor?

Antwort: Unter anderem muss sich natürlicher Untergrund unter der Wetterhütte befinden. Außerdem hat die Wetterstation weiß gestrichen und belüftet zu sein. ZAMG-Datenerfassungsexperte Roland Potzmann sagt, dass das auf die genannten Stationen zutrifft. Bei Ubimet ist man kritischer: Die Station in Neusiedl befinde sich zu nahe an einer Straße, und die Station in Bad Deutsch-Altenburg zu nahe an einem Abhang, von dem warme Luft aufsteige, welche die Messung beeinträchtige, meint Meteorologe Roland Reiter. Auch die Station in Güssing, wo am Donnerstag 40,0 Grad gemessen wurden, sei suboptimal: Sie befindet sich vor einer Hauswand, und rund um die Grünfläche, auf der die Wetterstation steht, erstrecken sich asphaltierte Flächen.

Frage: Gab es also genau genommen gar keinen Rekord?

Antwort: Doch. Selbst wenn man es wie der Ubimet-Meteorologe ganz genau nimmt - auch Reiter meint, der 40er sei am Donnerstag sicher erreicht worden. Im Nachbarland Slowenien ist am Donnerstag übrigens nach 63 Jahren ebenfalls ein neuer Hitzerekord erreicht worden: In Cerklje ob Krki im Südosten des Landes wurden Temperaturen von 40,8 Grad gemessen.

Frage: Was war nun in Neusiedl am See wirklich los?

Antwort: Der in Neusiedl beobachtete Temperaturanstieg und -abfall um zwei Grad innerhalb weniger Minuten ist laut Zamg nicht durch meteorologische Phänomene erklärbar. Berichten zufolge könnte ein Lkw oder eine Baustelle für den Kurzzeitrekord gesorgt haben. Technisches Problem gab es laut Potzmann keines. Zwei Stunden später wurde es in Neusiedl übrigens noch fast so heiß: 40,3 Grad hat die ZAMG dann ganz ohne Auffälligkeiten gemessen.

Frage: Was hat den Hitzrekorden den Boden bereitet?

Antwort: Neben dem schönen Wetter hat die Trockenheit des Bodens die Hitzerekorde erst ermöglicht. "Das geht nur, wenn der Boden komplett ausgetrocknet ist, weil dann keine Verdunstung stattfindet", sagt Potzmann von der ZAMG. Diese Bodenbeschaffenheit bestätigten am Freitag auch Messungen der Technischen Universität Wien. Messungen in Petzenkirchen in Niederösterreich zeigten, dass die Erde momentan so trocken ist, dass selbst von einem starken Regenguss nur wenig in die Tiefe eindringt. Der Großteil des Niederschlags fließt demnach oberflächlich ab. In der Landwirtschaft bahnen sich dementsprechend große Ernteausfälle an, zum Beispiel bei Mais oder Soja. Immer wieder kommt es auch zu Waldbränden, am Freitag standen beispielsweise 54 Hektar Wald zwischen Wiener Neustadt und Weikersdorf in Flammen. Das Feuer war schon am Donnerstag ausgebrochen.

Frage: Wie gefährlich ist die Hitze für Menschen?

Antwort: Die Hitzewelle hat in Österreichs Spitälern für einen Anstieg der Aufnahmen gesorgt, wenn auch nicht übermäßig. Aus der Hitze resultierende Kreislaufprobleme, aber auch übertriebene körperliche Aktivitäten waren laut Austria Presseagentur die häufigsten Gründe für Aufnahmen in die Krankenhäuser. Menschen mit Lungenbeschwerden waren zusätzlich durch die gestiegenen Ozonwerte in Wien betroffen, hieß es vom Wiener Krankenanstaltenverbund. Bei einer Hitzewelle steigt nachweislich auch die Sterblichkeitsrate. In den nächsten Tagen bleibt es aber kühler. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 10.8.2013)

  • Nicht nur die Wetterlage, auch der Standort und die Beschaffenheit der Umgebung und des Untergrunds einer Messstation beeinflussen Mess-Ergebnisse - im Bild die Wetterstation Hohe Warte in Wien.
    foto: standard/corn

    Nicht nur die Wetterlage, auch der Standort und die Beschaffenheit der Umgebung und des Untergrunds einer Messstation beeinflussen Mess-Ergebnisse - im Bild die Wetterstation Hohe Warte in Wien.

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