"The Bling Ring"-Regisseurin Sofia Coppola: "Bin niemand für die Regenbogenpresse"

Interview9. August 2013, 18:45
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"The Bling Ring" erzählt von Teenagern, die Promi-Villen plündern. Die US-Regisseurin über Celebrity-Kultur, soziale Medien und virtuelle Glashäuser

Wien – Ein paar Klicks sind es nur, die eine Gruppe von verwöhnten jungen Leuten in Los Angeles von den Häusern der Stars trennen: Zuerst wird der Name eingegeben, irgendwo findet sich die Adresse, dann braucht es noch einen digitalen Stadtplan, und schon kann man aus der Satellitenperspektive einen Tatort auskundschaften.

"The Bling Ring", der neue Film von Sofia Coppola, erzählt nach einem tatsächlichen Fall von den Phänomenen der heutigen Celebrity-Kultur. Die Identifikation steigert sich in diesem Fall ins Kriminelle, denn Rebecca, Marc, Nicki und ihre Freundinnen dringen bei Stars wie Lindsay Lohan bis ins Schlafzimmer vor und suchen mit Kleidern, Schuhen und Schmuck das Weite.

Wie gewohnt schildert Sofia Coppola das mit einer kühlen Distanz, die man als satirisch begreifen könnte, doch zugleich wird deutlich: Diese Teenager sind nur die Vorhut einer radikal konsumistischen Jugendkultur.

STANDARD: Die Grundlage für "The Bling Ring" bildete eine Reportage in "Vanity Fair". Das berühmteste Celebrity-Magazin gibt nun selbst schon die Vorlage ab für Filme aus der Welt, über die es berichtet.

Coppola: Das stimmt, auch wenn ich diesem Aspekt wenig Bedeutung beigemessen habe. Es ist immer ein Kampf für mich, wenn ich ein neues Projekt suche. Ich habe mir alles Mögliche angesehen und viel gelesen. Bei dem Artikel von Nancy Jo Sales war mir anfangs gar nicht klar, dass das mein nächster Film werden könnte. Es ist immer seltsam, worauf deine Aufmerksamkeit dann fällt.

STANDARD: Was fiel Ihnen denn auf, das Sie an einen Film denken ließ?

Coppola: Ich mochte Teenagerfilme eigentlich immer schon, und bei dieser Geschichte von Jugendlichen, die in die Häuser von Prominenten einsteigen, hatte ich das Gefühl, dass sie zugleich unterhaltend und verstörend sein könnte. Wir bekommen es mit einem Bild unserer Kultur zu tun, gespiegelt durch Teenager, die das sehr extrem übernehmen.

STANDARD: Sie gehören dieser Welt ja auf beiden Seiten an: Sie beobachten sie, sind aber selbst ein Star, über den Magazine und Webseiten berichten.

Coppola: Ich glaube nicht, dass eine Webseite wie TMZ, die für die Kids in "The Bling Ring" das Zentralorgan ist, sich für mich interessiert. Ich promote meine Arbeit, davon abgesehen bin ich nicht in den Medien. Ich bin niemand für die Regenbogenpresse.

STANDARD: "The Bling Ring" ist auch ein Film über die sozialen Medien. Anerkennung finden die Teens online.

Coppola: Das spielte eine große Rolle. Ein Publikum wird immer mitgedacht, alles wird dafür dokumentiert, so finden sich die Beweise später auch auf ihren eigenen Telefonen.

STANDARD: Hingegen scheint (genitaler) Sex keine große Rolle zu spielen. "The Bling Ring" wirkt ein wenig wie der erste postsexuelle Teenagerfilm.

Coppola: Es gibt keine Intimität. Die Erregung kommt mehr aus den Dingen. Die Kids sind cool, sie suchen Aufmerksamkeit. Die Girls ziehen sich sexy an. Aber nicht, weil sie Sex haben wollen, sondern weil sie als sexy gesehen werden wollen.

STANDARD: Psychologisch könnte man von Fetischismus sprechen.

Coppola: Psychologie hat mich nicht interessiert, auch wenn es eine Menge Aspekte gibt, die da eine Rolle spielen. Für mich ist es ziemlich klar, dass man diese Person sein möchte, wenn man die Kleider von jemandem stiehlt und anzieht. Die Jugendlichen wollen eine Persönlichkeit sein und orientieren sich an dem, was in ihrer Welt als wichtig angesehen wird, also an Erscheinung.

STANDARD: Mark, der einzige Junge in der Bande, findet wohl gerade heraus, dass er schwul ist?

Coppola: Der Junge, auf den sich diese Figur bezieht, hatte Beziehungen zu Männern, allerdings noch heimlich. Bei Mark ist das ähnlich, er muss seine sexuelle Identität erst finden, und er ist definitiv an Männern interessiert.

STANDARD: Auffällig ist, wie sehr die Architektur zu den Themen des Films passt. Die "Festungen" in den Hügeln um Los Angeles sind keineswegs uneinnehmbar, sie laden geradezu zu Einbrüchen ein.

Coppola: Desinteresse an Privatheit ist eine wesentliche Idee des Films. Es gibt eine ausgeprägte Kultur des Exhibitionismus. Facebook ist ein Glashaus im Netz, aber die Leute leben auch wirklich in Glashäusern.

STANDARD: Paris Hilton stellte ihr Haus für die Dreharbeiten zur Verfügung, konnte man lesen.

Coppola: Ja, sie war sehr offen und hilfreich. Sie ist klarerweise dafür bekannt, keine besonders private Person zu sein. Sie mag es, wenn Publikum da ist.

STANDARD: Auf eine gewisse Weise passt "The Bling Ring" nun auch zum Thema Nummer eins dieser Tage: Überwachung.

Coppola: Auf jeden Fall, das ist ein Teil des modernen Lebens. Man bedenkt nicht, was man von sich aus alles preisgibt. Wir erzeugen von uns eine Spur, die nie verschwindet – ein Permanent Record.

STANDARD: Bei Ihren Filmen hat man häufig das Gefühl, sie gehörten nur halb zum Kino, zur anderen Hälfte zu einer größeren Popkultur. Wie verstehen Sie sich denn selbst?

Coppola: Ich sehe mich als eine kreative Person, die Dinge macht.

STANDARD: Hat Hollywood für Sie überhaupt noch eine Bedeutung?

Coppola: Ich fühle mich nicht wie ein Teil davon. Ich lebe nicht dort, ich brauche aber Verleiher für meine Filme, das Geld kriege ich unabhängig davon. Ich weiß eigentlich nicht genau, was meine Beziehung zu Hollywood ist. "The Bling Ring" kommt jetzt bei einer kleinen Firma heraus, sodass ich vielleicht mit Hollywood gar nichts zu tun habe.

STANDARD: Also sind Sie eine unabhängige Filmemacherin?

Coppola: Ja, wichtig ist mir aber in erster Linie kreative Kontrolle. Ich würde auch Geld von einem Studio nehmen, solange sie sich nicht einmischen.

STANDARD: Gibt es Beziehungen zwischen diesem Film und Ihrem ersten, "The Virgin Suicides"?

Coppola: Die beiden Filme sind irgendwie wie zwei Seiten einer Medaille: Sie erzählen vom selben Lebensalter. In "The Bling Ring" gibt es allerdings überhaupt nichts mehr, das man mit Unschuld assoziieren könnte.

STANDARD: Wie blicken Sie heute auf "Lost in Translation" zurück, den Film, nach dem für Sie alles anders geworden sein muss?

Coppola: So viel hat sich nicht verändert. "Lost in Translation" gab mir Gelegenheit, weitere Filme machen zu können und ernst genommen zu werden. Natürlich gibt es da immer auch diese Erwartungen, diesen (oder so einen) Film noch einmal zu machen. Das kann ein bisschen ein Problem sein, aber in erster Linie wurde ich dadurch bekannter und konnte leichter arbeiten. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 10./11.8.2013)

Sofia Coppola, 1971 geborene Tochter von Francis Ford Coppola, debütierte 1999 als Regisseurin mit "The Virgin Suicides". Ihr Spielfilm "Somewhere" gewann 2010 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig.

"The Bling Ring" läuft ab 15. 8. regulär in Österreich im Kino.

  • Nicki schaut, wie sie gesehen werden will: Jungstar Emma Watson ist in "The Bling Ring" Teil einer Gruppe von Teenagern, die sich nicht nur den Look ihrer Stars aneignen wollen.
    foto: tobis

    Nicki schaut, wie sie gesehen werden will: Jungstar Emma Watson ist in "The Bling Ring" Teil einer Gruppe von Teenagern, die sich nicht nur den Look ihrer Stars aneignen wollen.

  • Unabhängige Kreative: Sofia Coppola.
    foto: tobis

    Unabhängige Kreative: Sofia Coppola.

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