Wie das Fleisch aus dem Wolf tanzt

9. August 2013, 18:21
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Mit 124.000 Besuchern hat Impulstanz seinen Zulauf auch im 30. Jahr seines Bestehens verstärkt. Noch erfreulicher ist, dass das Festival auch erkennen lässt, welche Frage die zeitgenössische Choreografie gerade umtreibt: Wann ist der Körper wirklich frei?

Wien - Seit einiger Zeit taucht im zeitgenössischen Tanz verstärkt die Frage auf, was es heute mit der Nacktheit des Körpers auf sich hat. Das hat sich auch beim diesjährigen Impulstanz-Festival, das am Sonntag zu Ende geht, gezeigt.

Einen Rotlichtaspekt der Entblößung des Fleisches packt die philippinische Tänzerin und Choreografin Eisa Jocson an. Für ihr Solo Macho Dancer schlüpft sie in die Rolle eines jener Erotiktänzer, die nur in speziellen Nachtclubs ihres Heimatlandes auftreten. Jocsons Landsmann Lino Brocka hat 1988 einen Film über diese Männer gedreht, der den Zensoren der Philippinen zwar nicht gefiel, es aber doch in die Filmsammlung des Museum of Modern Art in New York geschafft hat.

Brocka zielte auf die ernüchternden sozialen Hintergründe dieses Tanzphänomens, Jocson arbeitet mit der Wirkung eines Geschlechterwechsels: als Zwitterwesen, dessen Bewegungen und Erscheinung verschiedene Klischees einer pornografischen Wunschmaschine mischen, die aus sexuellen Sehnsüchten Gewinn schlägt.

In seinem Stück Lego Love übt auch Chris Haring Kritik an der Kommerzialisierung des spekulativ sexuell aufgeladenen Körpers. Seine Tänzerinnen und Tänzer formen eine posthumane Orgienmaschine, in der die künstliche Steigerung von Lust so lange funktioniert, bis sie in Gleichgültigkeit erstarrt. Und die Sehnsucht in eine Gier umschlägt, die nur sich selbst kennt und den Körper gnadenlos zum Zweck ihrer Befriedigung missbraucht.

Das - und nicht die Erscheinung des entkleideten Körpers bei welcher Tätigkeit auch immer - führt in den realen Abgrund der Pornografie: Menschenverachtung. Und die ist mit der Herrschaft über den menschlichen Körper durch dessen zwanghaftes Verhüllen eng verknüpft.

In den Grauzonen zwischen diesen Polen gibt es mit den Vereinfachungen der Moral kein Weiterkommen. Dort arbeiten zeitgenössische Tänzer an den unterschiedlichen Bedeutungen der sexuellen Metapher.

Peinlicher Arbeitsblowjob

Wie zum Beispiel der bulgarische Choreograf Ivo Dimchev in seinem neuen Stück Fest. Da wird die sexuelle Handlung unverblümt als Krampf im Machtgefüge des Kunstmarkts akut: Die vorgespielte Enthemmung entlarvt sich als Verklemmung und der Arbeitsblowjob als ein Jammer.

Die Befreiung des Körpers aus seinen kulturellen Käfigen funktioniert auf keinen Fall durch seine ästhetische, kultische Verklärung, wie sie die Kanadierin Marie Chouinard immer wieder inszeniert. Dabei macht sie allerdings deutlich, wie sehr auch Nacktheit eine Form der "Kostümierung" sein kann.

Warum das so ist, dafür lieferten zwei andere, ganz unterschiedliche Künstler im Festival etwas klarere Beispiele. Einmal in seinem neuen Stück Ritournelle der Butôtänzer Ko Murobushi. Aus dessen Anzug schält sich sein silbrig bemalter Leib, der Schlieren auf dem schwarzen Tanzboden hinterlässt. Und die Österreicherin Silke Grabinger, die sich in ihrem von Dave St-Pierre choreografierten Solo mit schwarzer Farbe einreibt.

Die Flüssigkeit gerät unter ihre Fußsohlen und die Tänzerin in ständige Gefahr auszurutschen. Nun sind Murobushi und Grabinger weder nackt noch angezogen, sondern bloß noch lebende Bilder ihrer selbst.

Aus diesem Zustand beginnt der französische Choreograf Xavier Le Roy den Körper mit den Low Pieces in seine Wirklichkeit zu führen. Hier bilden nackte Performer wechselnde Tableaux vivants. Einmal sich im Wind wiegendes Gras, dann eine Gruppe von Tieren. Immer ganz still und stets zwischen der Bedeutung des Dargestellten und den individuellen Erscheinungen der Darsteller.

In ihrem neuen Stück more than naked holt die Österreicherin Doris Uhlich (zusammen mit 20 Tänzern) schließlich das Fleisch aus diesem Zwiespalt heraus. Mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit stellt sie den Körper hier von seinen Fassaden frei und schlägt ein neues, entspannteres Denken über die Nacktheit im Tanz und in der Gesellschaft vor.  (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 10./11.8.2013)

  • Wie man eine Orgienmaschine baut: Was sich hier in Chris Harings "Lego Love" auszieht, sind nachmenschliche Gespenster der Gier.
    foto: nils klinger

    Wie man eine Orgienmaschine baut: Was sich hier in Chris Harings "Lego Love" auszieht, sind nachmenschliche Gespenster der Gier.

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