Ökonomin: "EZB muss kreativer werden"

Interview10. August 2013, 12:00
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Die Ökonomin Marie Diron ortet in den Südländern positive Überraschungen. Um beim Weg aus der Krise zu helfen, sollten die Deutschen mehr konsumieren

 

STANDARD: Die Eurozone ist eineinhalb Jahre lang geschrumpft. Liegt das Schlimmste nun hinter uns?

Diron: Ja. Die Rezession kommt zu einem Ende, und die Eurozone sollte ab jetzt wieder wachsen. Es wird aber eine Erholung ohne viel Tempo sein. Für die Haushalte fühlt es sich daher noch nicht wie eine Verbesserung an. Denn gerade die Arbeitslosigkeit wird hoch bleiben. Das Wachstum reicht nicht aus, um sie deutlich zu senken.

STANDARD: In welchen Ländern hellt sich denn die Lage besonders auf?

Diron: In einigen Südländern, die große Anstrengungen unternommen haben. Spanien, Portugal oder Irland sind wettbewerbsfähiger geworden und zeigen jetzt gute Exportzahlen. Hier hat es durchaus positive Überraschungen gegeben.

STANDARD: Die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen bleibt aber extrem hoch.

Diron: Dieses Riesenproblem wird noch mehrere Jahrzehnte lang Folgen haben. Die Gefahr einer verlorenen Generation ist keine Übertreibung. Kurzfristig können die Regierungen aber wenig tun. Alle Maßnahmen wären wünschenswert, die es den Menschen erleichtern, von Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit in Regionen mit besseren Beschäftigungsaussichten zu ziehen.

STANDARD: Wie stehen die Länder bei den Staatsschulden da?

Diron: Sie sind immer noch größer, als gut wäre. Auch weil die Sparpolitik derart schlecht für das Wachstum war. Diesen negativen Effekt haben viele Volkswirte, auch ich, unterschätzt.

STANDARD: War die Sparpolitik damit kontraproduktiv?

Diron: Es ist nicht so, dass die Schulden wegen der Sparmaßnahmen gestiegen wären. Die Sparpolitik war nicht zwecklos. Ihr Effekt war aber in Europa so negativ, weil viele Länder gleichzeitig gespart haben und damit die negativen Effekte exportiert haben.

STANDARD: Sollte ein Land wie Spanien jetzt also alle Sparbemühungen über Bord werfen und neue Schulden machen?

Diron: Es wäre immer noch schwierig für die spanische Regierung, die Finanzmärkte davon zu überzeugen, dass ihr Budget nachhaltig ist. Daher braucht das Land wohl Hilfe, von solventeren Schuldnern.

STANDARD: In Form eines Rettungspakets?

Diron: Nicht unbedingt. Es reicht auch, wenn wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland oder Österreich einen Rückgang der innereuropäischen Ungleichgewichte zulassen. Bereits jetzt steigen etwa die Löhne in Deutschland stärker als in Spanien, weil die deutsche Arbeitslosigkeit recht gering ist. Das sollte den Konsum und die Importe anheben und könnte einen Impuls für die anderen Euroländer geben.

STANDARD: Aber für die Anpassung, wie Sie sie beschreiben, müsste die Inflation in Deutschland auch höher als zwei Prozent sein. Ist das angesichts der Inflationsangst möglich?

Diron: Ich hoffe es. Inflationsraten zwischen zwei und 2,5 Prozent sollten ja nicht unbedingt die Hyperinflationsangst schüren. Höhere Inflationsraten würden der Peripherie helfen, dann könnten diese Länder weniger schmerzhaft an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.

STANDARD: Die Europäische Zentralbank hat das Mandat, die Inflation bei zwei Prozent zu halten. Aktuell liegt die Teuerungsrate aber deutlich niedriger. Sollte die EZB aggressiver sein, ihr Mandat zu erfüllen?

Diron: Definitiv. Aktuell sind sinkende Preise das größere Risiko als Inflation. Doch die EZB hat Probleme damit, Maßnahmen im Kampf gegen die Deflation zu finden. Die Zinsen sind schon niedrig, die Zentralbank hat zwei langfristige Kreditlinien für Banken eingerichtet. Die EZB muss kreativer werden, sie muss sich ganz spezifisch um die Krisenländer kümmern. Alles würde helfen, wenn es den Zugang der Unternehmen zu Krediten verbessert.

STANDARD: Dabei hat die EZB gerade erst ihren Sicherheiten-Katalog gelockert, damit Unternehmen besser zu Geld kommen.

Diron: Das war nur zögerlich. Noch zu Jahresbeginn hat die EZB über eine direkte Unterstützung der Unternehmen und den Ankauf von verbrieften Krediten nachgedacht. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede. Das ist wirklich schade.

STANDARD: Mit dem Programm zum Ankauf von Staatsanleihen (OMT) haben die Währungshüter versprochen, den Euro zu retten. Ist das gelungen?

Diron: Es besteht wegen der sozialen Kosten der Krise das kleine Risiko, dass die Eurozone in dieser Form nicht überleben wird. Die Arbeitslosigkeit ist vielerorts extrem hoch, und die Wähler sehen die Erfolge ihrer Entbehrungen nicht. Daher könnten sie irgendwann sagen: Genug ist genug. Aber das OMT hat dieses Risiko sicher gesenkt.

STANDARD: Aber das Programm wurde noch nicht aktiviert, keine Anleihe gekauft.

Diron: Dabei sollte es aktiviert werden. Das wird die Glaubwürdigkeit der EZB erhöhen. Irland etwa könnte vorsichtshalber eine Kreditlinie beantragen. Es wäre das ideale Land für das OMT. Die Risiken in dem Land sind gering. Irland könnte ein Testfall sein, und Länder wie Portugal könnten folgen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 10.11.8.2013)

 

Marie Diron ist Ökonomin beim Forschungsinstitut Oxford Economics in London. Davor war sie für die Europäische Zentralbank tätig und beim Hedgefonds Brevan Howard. Sie hat in Paris Mathematik und in Cambridge Volkswirtschaft studiert.

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