Die Leichentücher der Geschichte

9. August 2013, 19:40
1 Posting

Vernunft und Wahnsinn, Tod und Leben in vorrevolutionärer Zeit: Andrew Millers großer Roman "Friedhof der Unschuldigen"

Wir schreiben das Jahr 1785. Ein junger, aber "nicht blutjunger" Ingenieur aus der französischen Provinz wird in Versailles bei einem Minister vorstellig, der ihn mit einer großen Aufgabe betrauen will. Ob der Herr Ingenieur, fragt der Minister, ein Herr mit einem Gesicht "wie eine Axt", sich vorstellen könne, dass man den Cimetière des Innocents, den Friedhof der Unschuldigen, mitten in Paris weiter einfach so sich selbst überlässt? Der Ingenieur antwortet ausweichend, "das ist schwer zu sagen, Exzellenz". Man lebt in einem absolutistischen Regime. Es ist nicht ratsam, sich mit allzu eindeutigen Meinungen zu exponieren, ehe man nicht über jene seines Gegenübers Bescheid weiß.

Gleich zu Beginn seines Romans Friedhof der Unschuldigen entwirft der 1960 geborene britische Schriftsteller Andrew Miller mit ein paar bravourös-beiläufigen Prosa-Pinselstrichen das Bild einer Gesellschaft, in der viele Dinge ambivalent geworden, ja womöglich wirklich dauerhaft aus dem Lot geraten sind. Gut, die Spinnweben, die staubbedeckten Spiegel und die blinden Fenster in dem Zimmer, in dem Jean-Baptiste Baratte, der Ingenieur, vor seinem Zusammentreffen mit dem Minister antichambriert, weichen vielleicht nur wenig von den Sauberkeitsstandards der Epoche ab. Aber wie weit muss es gekommen sein, dass ein kleiner Hund hierher ins Schloss von Versailles eindringen und ohne weiteres an eine Vase pissen kann, sodass der Urin "den unveränderlichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten" folgend, quer über die unebene Parkettfläche herabrinnt?

Atmosphärische Dichte

Auch die auf einer strengen Scheidung von oben und unten basierende soziale Architektur des Ancien Régime wirkt nur mehr auf den ersten Blick intakt. Der Herr Minister lässt Baratte, einen Mann des Dritten Standes, zwar ungeniert seine ganze Herablassung spüren (zu Beginn des Gesprächs verwechselt er ihn mit einer anderen Person), andererseits ist es aber doch auch so, dass sich der hochmögende Aristokrat der Hilfe dieses unbedeutenden Jungtechnokraten versichern muss, um ein großangelegtes Stadtreinigungsprojekt in Paris durchzusetzen: Der nach schauerlichen Ausdünstungen stinkende, aus allen Nähten berstende Friedhof der Unschuldigen inmitten der Metropole soll beseitigt werden und der an der École Royale des Ponts et Chaussées geschulte Baratte ist der Mann, dem die Aufgabe zufällt, Paris von dieser morbiden historischen Altlast zu reinigen.

Knochenarbeit

Entlang der Beschreibung dieser Knochenarbeit - im wahrsten Sinn des Wortes - vollzieht sich die Romanhandlung. Und dass dieser seltsame Job für uns nachgeborene Leser, die wir wissen, welche umwälzenden historischen Ereignisse 1785 mit Riesenschritten herannahen, eine spezifische, symbolschwere Note erhält, versteht sich von selbst. Ihn interessiere "die Spannung in dem Augenblick, der dem bedeutenden Ereignis vorausgeht", meint Miller in einem im Buch abgedruckten Interview. "Der Tag, die Woche, das Jahr, das in einer Welt beginnt und in einer anderen endet."

Pure (englischer Originaltitel) ist der - von Nikolaus Stingl kongenial ins Deutsche übertragene - sechste Roman von Miller, das Werk wurde 2011 mit dem renommierten Costa-Preis für den besten britischen Roman des Jahres ausgezeichnet. Anders, als die Wahl des Sujets vermuten lassen mag, ist Pure kein in prärevolutionärer Zeit angesiedeltes postmodernes Geplänkel, das auf den Exotikfaktor einer lang verflossenen Zeit setzt, sondern ein ernsthaftes, atmosphärisch dicht aufgeladenes Epochenpanorama, in dem viele Grundfragen der menschlichen Existenz anklingen.

Friedhof der Unschuldigen ist ein Roman über die Arbeit, ein Roman über die Bemühungen eines Mannes, in einer konfusen Zeit und einem konfusen Umfeld Haltung und Orientierung zu bewahren, ein Roman über Vernunft und Wahnsinn, und auch ein Roman über die Liebe, denn der gelegentlich etwas begriffsstutzige und eigenbrötlerisch veranlagte Ingenieur Baratte lernt im Zuge seines Jobs die Prostituierte Héloïse kennen, die er, nach einer von Miller brillant beschriebenen Phase der wechselseitigen geistigen und körperlichen Annäherungen,"in seinem Herzen als seine Frau betrach- tet".

Haut, Haare, Lippen

Und natürlich ist Friedhof der Unschuldigen, neben allem anderen, ein Roman über einen ganz konkreten Pariser Friedhof, einen Friedhof, von dem Miller erstmals bei der Lektüre von Philippe Aries' Historienklassiker Geschichte des Todes erfahren hatte. Die erzählerische Meisterschaft Millers zeigt sich darin, dass er in seiner - der urbritischen Gattung der Gothic Novel Reverenz erweisenden - Geschichte stets die Gleichgewichte zu wahren weiß.

Er geizt nicht mit makabren Details. Beeindruckend morbid etwa eine Szene, in der zwei Mädchenleichen geborgen werden, die in ihren Särgen jeder Verwesung auf mysteriöse Weise getrotzt haben: "Haut, Haare, Lippen, Fingernägel, Augenwimpern. Alles ist noch da, selbst die wollenen Leichentücher, in die sie eingewickelt sind". Aber Miller schwelgt nicht in Grusel und Gräuel und abstoßenden Einzelheiten, sondern er setzt im Zweifel auf Understatement.

Hochzeit des Figaro

Baratte geht mit seiner Geliebten Héloïse ins neu errichtete Odéon-Theater, man gibt die Hochzeit des Figaro von Beaumarchais, ein Stück, das der Ingenieur "schwer verständlich, zuweilen verwirrend" findet. Ein Lakai wird um "Orangen, gebratenes Huhn und Austern" geschickt, man bemerkt, dass "der Nachttopf an der hinteren Logenwand nicht geleert worden ist". Miller überlässt es dem Leser, sich das Zusammentreffen der Gerüche in diesem Etablissement olfaktorisch zu vergegenwärtigen (oder auch nicht). Er forciert nicht, er deutet an.

Dasselbe gilt für die vielen historischen Anspielungen, die wir Nachgeborenen als Vorboten der am Horizont wetterleuchtenden Französischen Revolution zu interpretieren wissen. Man spielt Le Mariage de Figaro, man liest La Mettrie, selbst ein gewisser Herr Doktor Guillotin taucht als handelnde Romanfigur auf.

Auch diese Allusionen trägt der gewiefte Erzähler Andrew Miller niemals dick auf, sondern er webt sie auf dezente und unauffällige Art und Weise in seinen Text ein - als durchgängige Aufforderungen, sie als Zeichen der Zeit zu dechiffrieren und zu verstehen. Zum sinnlichen Vergnügen, das das Buch bereitet, kommt so das intellektuelle hinzu. Friedhof der Unschuldigen ist ein Roman, der sich diskret, dafür aber umso eindringlicher - "haunting" ist die schöne englische Entsprechung dafür - ins Gedächtnis gräbt. Ein großer Roman, der dem Leser nachgeht.   (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 10./11.8.2013)

Andrew Miller, "Friedhof der Unschuldigen". Aus dem Englischen übersetzt von Nikolaus Stingl. € 21,90 / 384 Seiten. Zsolnay-Verlag, Wien 2013

  • Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer: In Andrew Millers Roman "Friedhof der Unschuldigen" grenzen Rationalität und Irrsinn sehr eng aneinander.
    foto: zsolnay

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer: In Andrew Millers Roman "Friedhof der Unschuldigen" grenzen Rationalität und Irrsinn sehr eng aneinander.

  • Illustration: " El sueño de la razón produce monstruos", Radierung von Francisco de Goya (1799).

    Illustration: " El sueño de la razón produce monstruos", Radierung von Francisco de Goya (1799).

Share if you care.