Anatomie der Melancholie

9. August 2013, 20:46
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Die in Houston von Renzo Piano erbaute Cy Twombly Gallery mutierte posthum zur Pilgerstätte

"Kunst kommt von den Erfahrungen, die man im Leben macht. Sie ist etwas Plastisches. Wenn sie überhaupt intellektuell ist, dann auf eine fließende, emotionale Art, keine analytische. Die Kritiker picken sich aus dem Werk eines Künstlers oft Dinge heraus, die zu einer Theorie passen. Aber so entsteht Kunst nicht. Der Künstler geht von etwas Direktem aus. Die Kunst ist ein visuelles Medium. Wir brauchen keine verbale Deutung von etwas Visuellem. Man soll sich aus visuellen, sinnlichen Gründen daran freuen und nicht wegen verbaler Deutungen." Für Cy Twombly war die Existenz als Maler etwas Hehres. Er selbst richtete sein Leben und sein Werk ganz nach seinen Wünschen und Hoffnungen aus.

"Man muss Cys Werk mit eigenen Augen sehen - man muss es spüren, um die Wucht seiner Arbeiten zu begreifen", erklärt Paul Winkler, Direktor der Menil Collection. Werke von Cy Twombly (1928-2011), einem der eigenwilligsten Künstler seiner Generation, sind in allen großen Museen der Welt vertreten. Ein eigens für ihn erbautes Museum findet sich jedoch nur in Houston/USA. Die Menil Collection, eine der bedeutendsten Sammlungen der USA, ließ es in den 1990er-Jahren von Renzo Piano für Twomblys OEuvre errichten. Twombly brachte nicht nur Ideen in die architektonische Gestaltung ein, sondern bedachte "sein" Museum auch mit hochkarätigen Schenkungen aus allen Phasen, aus den Ateliers in Gaeta, Rom und Lexington. Vom Künstler selbst kuratiert, entstand mit der Cy Twombly Gallery ein Ort, an dem seine Kunst konzentriert wie sonst nirgends fassbar ist. Enthusiastisch pries er die "perfekten Proportionen" der mit Piano entwickelten würfeligen karg-archaischen Räume als "vollkommen".

Schon früh hatte Twombly entgegen der vom abstrakten Expressionismus dominierten Kunstszene in New York eine persönliche Zeichensprache entwickelt, die mit malerischen Mitteln Dichtung suggeriert. In Europa hielten das mediterrane Licht und die Mythologie des Abendlands Einzug in seine Kunst der sinnlich erfahrbaren Poesie. Luzide dekuvriert die Monografie die raffinierte Präsentation sowie exzerptionell Details als visuelle Reise als Introspektion in Gedanken- und Arbeitswelten.

"Meine Gemälde gehen auf den griechischen Raum zurück, und wie in der griechischen Malerei gibt es bei ihnen keinen Schatten. Der Schatten wurde in der Renaissance eingeführt, um die dunklere Seite darstellen zu können. Das ist mit ein Grund, weshalb mich heidnische Rituale und die heidnische Mythologie mehr interessieren als die christliche. (...) Meine Gemälde haben keine Schwerkraft, und eben dies sei Teil ihrer Freiheit und ihrer Zeitlosigkeit." (Gregor Auenhammer, Album, DER STANDARD, 10./11.8.2013)

  • Facettenreich zeigt die von Julie Sylvester neu publizierte Monografie die "Cy Twombly Gallery" der Menil Collection. (Text: engl./dt.) € 59,70 / 220 S., Schirmer Mosel, München 2013
    foto: friesenbichler

    Facettenreich zeigt die von Julie Sylvester neu publizierte Monografie die "Cy Twombly Gallery" der Menil Collection. (Text: engl./dt.) € 59,70 / 220 S., Schirmer Mosel, München 2013

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