Kindliches Verhalten ist nie sinnlos

Kolumne11. August 2013, 17:00
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Hinter kindlichem Verhalten können sich unterschiedliche Gefühle verbergen. Warum Eltern sich die Mühe machen sollten, sie zu verstehen

Eine Leserin schreibt:
Ich lese manchmal Ihre Kolumnen und habe auch einige Ihrer Bücher gelesen und kann fast allem, was Sie schreiben, zustimmen. Unsere Tochter ist zweieinhalb Jahre alt und mein einziges Kind. Mein Mann und Vater unserer Tochter hat aus erster Ehe zwei erwachsene Töchter, die nicht mehr daheim wohnen. Vor ein paar Jahren verlor er seine Frau. Er und seine Töchter kamen ganz gut ohne Mutter zurecht, und ich verletze ihn vermutlich, wenn ich seine Erziehungsweise kritisiere. Vereinfacht ausgedrückt ist mein Mann jemand, der wenig reflektiert. Er sagt oft: "Mach einfach." Oft ist das natürlich sehr vernünftig.

Ich bin diejenige, die sehr viel analysiert - vielleicht ein wenig zu viel. Wie Sie sich sicher vorstellen können, führt das auch zu Konflikten. Meist können wir diese allerdings lösen.

Nun ist es so, dass unsere Tochter mich ihrem Vater vorzieht. Sie ist sprachlich für ihr Alter sehr gut entwickelt und spricht oft in langen Sätzen. Kann es sein, dass wir deshalb manchmal zu viel von ihr erwarten - wie zum Beispiel Erklärungen ihrerseits?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel eines Konflikts: Mein Mann kommt in der Früh statt mir zu ihr ins Zimmer. Wenn er sie in den Arm nehmen möchte, fängt sie aber laut zu schreien an: "Nicht du, nicht du! Ich will zu Mama!" Ich habe vorgeschlagen, dass er einfach aus dem Zimmer geht und zu ihr sagt, dass er wieder kommt, sobald sie sich beruhigt hat. Das hat tatsächlich ein paarmal funktioniert. Heute hat er sie einfach genommen und zu mir ins Badezimmer gebracht. Sie hat laut geschrien und sich ganz steif auf den Boden gelegt und zu ihrem Vater gesagt, dass er gehen soll.

Wenn sie zu mir kommt, nehme ich sie hoch und sage ihr, dass ich möchte, dass sie zuerst zu schreien aufhört. Danach entschuldigt sie sich für ihr Schreien. Wenn ich sie frage, wieso sie so laut wird, wenn ihr Vater kommt, bekomme ich die verschiedensten Antworten. Entweder: "Ich wollte nur zu dir!" oder "Papa hat mich einfach hochgenommen, und ich wollte alleine zu dir gehen." Sie hat eigentlich keine wirklichen Argumente. Ich hab ihr erklärt, dass wir uns schlecht fühlen, wenn sie so aggressiv zu ihrem Vater wird. Dann entschuldigt sie sich bei ihm. Aber kurz darauf fängt alles wieder von vorne an.

Ich frage mich, ob es dafür eine Lösung gibt. Uns geht schön langsam die Luft aus. Sie hat auch gerade die Phase, in der sie alles alleine machen will. Haben Sie einen Rat für uns in Bezug auf unsere Tochter?

Jesper Juul antwortet:
Ihre erste Frage, ob Sie vielleicht zu viel von Ihrer Tochter verlangen, weil sie sich sprachlich schon sehr gut ausdrückt, kann ich mit einem klaren "Ja!" beantworten. Mit zweieinhalb Jahren ist es einem Kind noch nicht möglich, seine Gefühle in Worten auszudrücken.

Kinder können oft sehr vernünftige Sätze formulieren, die der Wahrheit sehr nahe kommen. Trotzdem ist es sehr wichtig, dass die Erwachsenen den vorangegangen Prozess genau beobachten.

Es ist wichtig, dass Sie die Reaktion Ihrer Tochter auf den Vater ansprechen. Die Führung in diesem Prozess scheint eine ziemliche Herausforderung für Ihren Mann zu sein, so wie Sie es beschreiben. Männer und Väter haben oft das Bestreben, Sicherheit für ihre Kinder zu schaffen, indem sie viel arbeiten und Geld verdienen. Das ist eine Form der Sicherheit, die mit viel Frustration und wenig Kontakt zu den Kindern verbunden ist. Ihre "negativen" Gefühle verstecken die Kinder vor allem, weil sie ein "reines Herz" hinter diesem Verhalten des Vaters fühlen, und deshalb fällt es ihnen so leicht zu verzeihen.

Ich erwähne das, weil Ihr Mann auch eigene Kinder hat und diese nach dem Tod ihrer Mutter keine andere Wahl hatten, als mit dem Vater zusammen zu sein.

Ihre gemeinsame Tochter kann wählen, wer sich um sie kümmert. Ihre Reaktion ist Teil einer gezielten Strategie. Deuten Sie ihr Verhalten nicht als schlechtes Benehmen. Es hat einen Sinn, und es liegt an den Erwachsenen, den Code zu knacken, wenn es ihnen möglich ist. Auch wenn manche Reaktionen von Kindern unverständlich erscheinen, ist es doch möglich, diesen verborgenen Sinn zu verstehen.

Deshalb ist es eine schlechte Idee, Kinder zu bitten, sich für ihre Gefühle zu entschuldigen. Kinder im Alter von zweieinhalb Jahren fühlen kein echtes Bedauern, wenn sie lernen, sich zu entschuldigen, weil ihre Eltern meinen, dass das ein angemessenes Verhalten sei. Sie lernen, die "magischen" Worte einfach zu sagen, weil sie wissen, dass sich die Erwachsenen dann beruhigen.

Die Alternative dazu ist, dass Ihr Mann in einer ruhigen Minute etwa das Folgende zu seiner Tochter sagt: "Ich weiß, dass du es lieber hast, wenn dich die Mama in der Früh holt. Ich würde sehr gerne verstehen, warum das so ist. Ist es etwas, was ich falsch mache? Ich weiß nicht, was es ist. Könntest du mir helfen, es herauszufinden, anstatt so traurig zu sein?"

Eine Aussage wie diese wird helfen, die Kluft zwischen den beiden zu überbrücken. Und denken Sie daran, dass sich Kinder am allermeisten wünschen, dass ihre Eltern glücklich sind, aber dass es auch Grenzen gibt, die sich auf ihre eigenen Gefühle beschränken. Ich glaube, dass Sie und Ihr Mann Ihrer Tochter in diesem Prozess helfen können.

Sie beschreiben, dass Ihre Tochter frustriert und aufgeregt ist und dass Sie das manchmal nachvollziehen können. Die Art und Weise, wie Ihr Mann reagiert, ist gewissermaßen "typisch männlich". Das bedeutet, dass er lernen muss, zu akzeptieren, dass ihn "seine Frauen" manchmal verletzen oder frustrieren. Weder er noch Ihre Tochter sollte sich entschuldigen, aber er muss die Verantwortung übernehmen.

Sie haben den Ansatz gewählt, die Verantwortung für Ihren Mann zu übernehmen. Ich weiß natürlich nicht, aus welchem Beweggrund - und bin mir nicht sicher, wie Sie darüber denken. Mein eigener Sohn verweigerte sich mir gegenüber für ein paar Monate in ähnlicher Weise. Er war damals etwa im gleichen Alter wie Ihre Tochter jetzt. In seinem Fall war es beim Zubettgehen. Während dieser Zeit war ich sehr viel auf Reisen und froh, wenn ich einmal kurze Zeit mit ihm zu Hause verbringen konnte. Aber er wollte das nicht.

Ich entschied mich dazu, auf unsere gemeinsame Zeit zu bestehen, ohne ihn zu kritisieren. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass ich ganz grundsätzlich zu wenig Zeit mit ihm verbrachte und er mir das mit seinem Verhalten zu verstehen geben wollte.

Als ich das endlich verstanden hatte, reduzierte ich meine Reisen - und er änderte seine Verweigerung. Ich schlage Ihnen deshalb vor, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen. Das wird aber nur gelingen, wenn Sie und Ihr Mann Ihre Tochter nicht mehr kritisieren, sondern ihr zeigen, dass Sie bereit sind, sie zu verstehen und ernst zu nehmen. (Jesper Juul, derStandard.at, 11.8.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 25. August 2013.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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